Neue Verhaftungen bei Wirecard Braun im Sumpf

Ein Konzern als Opfer eines flüchtigen Managers? So sahen viele bisher den Wirecard-Skandal. Doch mit der erneuten Verhaftung von Ex-Chef Markus Braun scheint klar: Hinter dem Betrug steckte mehr als ein Einzeltäter.
Eine Analyse von Martin Hesse
Ex-Wirecard-Chef Braun: erneut in Untersuchungshaft

Ex-Wirecard-Chef Braun: erneut in Untersuchungshaft

Foto: Bloomberg/ Getty Images

Es ist nicht leicht, im Finanzskandal um Wirecard den Überblick zu behalten. Viel war zuletzt von den Machenschaften des Jan Marsalek die Rede, der Nummer zwei im Konzern, seit Wochen auf der Flucht und offenbar eng verbandelt mit Geheimdiensten in Russland, Österreich und anderswo. Dieser Marsalek, so schien es, hatte Wirecard benutzt für seine persönlichen, dunklen Geschäfte. War Wirecard also das Opfer eines skrupellosen Betrügers geworden?

Der Rest der Wirecard-Führung jedenfalls geriet über die hollywoodreifen Marsalek-Eskapaden ein wenig aus dem Fokus - vor allem der langjährige Vorstandschef Markus Braun. Auch deshalb, weil sich die Diskussion inzwischen auf die politische Bühne verlagert, wo längst die Zeit der großen Schuldzuweisungen begonnen hat - ein Vorspiel für den Bundestagswahlkampf im kommenden Jahr.

Doch nun hat die Staatsanwaltschaft München Ex-Boss Braun wieder zurück in den Fokus der Aufmerksamkeit geholt: Sie geht mittlerweile davon aus, dass Wirecard von einer kriminellen Bande geführt wurde, wie sie an diesem Mittwoch mitteilte. Und daran soll auch Braun maßgeblich beteiligt gewesen sein. Der frühere Vorstandschef wurde zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen in Untersuchungshaft genommen - und diesmal auch nicht gegen Kaution wieder freigelassen. Ebenfalls mit Haftbefehl hinter Gittern sitzen nun der frühere Finanzvorstand sowie der Ex-Chef der Buchhaltung.

Die Ermittler werfen den frisch verhafteten Managern sowie einem Kronzeugen "gewerbsmäßigen Bandenbetrug" vor. Sie sollen bereits 2015 beschlossen haben, Umsatz und Bilanz aufzublähen, um Kredite und Anleihen von Banken und Investoren einwerben und eigene Einkünfte erzielen zu können. Der Betrug soll über vermeintliche und tatsächliche externe Partnerfirmen in Ländern wie Singapur, Dubai und den Philippinen inszeniert worden sein. Wenn das so war, dann dürften sehr viele Personen in und um den Konzern herum mitgewirkt haben, in der Finanzabteilung, in der Revision, im Vertrieb, und wohl auch bei den Partnerfirmen. Der Wirecard-Skandal wäre damit endgültig kein reiner Marsalek-Skandal mehr.

All das ist zunächst ein Verdacht. Ein Verdacht, der sich auf Aussagen eines Kronzeugen stützt, der an einer Schlüsselposition des mutmaßlichen Betrugssystems saß. Er hat ein Interesse daran, die Schuld auf andere und vor allem Vorgesetzte zu verteilen. Aber die Staatsanwaltschaft konnte seine Aussagen über Erkenntnisse absichern, die sie aus mehreren Razzien und zahlreichen Vernehmungen in den vergangenen Wochen gewonnen hat.

Braun sieht sich offenbar als Opfer

Braun hat bislang alle Vorwürfe zurückgewiesen. An seinem letzten Arbeitstag als Vorstandschef des Aschheimer Konzerns hatte er noch seine Lesart der Geschichte zum Besten gegeben: Auch er sprach damals davon, dass Wirecard womöglich Geschädigter eines großen Betrugs sei. Von seiner eigenen Rolle redete Braun, der die Firma nicht nur seit 2002 führt, sondern bis vor wenigen Wochen mit sieben Prozent der Anteile auch ihr größter Aktionär war, bei seinem Abschied allerdings nicht.

Wegbegleiter, die noch nach Brauns erster Verhaftung mit ihm gesprochen haben, erzählen, er habe sich ihnen gegenüber als Opfer dargestellt. Er habe von den Machenschaften Marsaleks nichts gewusst. Als Indiz für Brauns Arglosigkeit mag gelten, dass er offenbar bis zum 18. Juni keine Aktien verkaufte - also bis zu jenem Tag, an dem die Wirtschaftsprüfer von EY das Testat für die Bilanz des Jahres 2019 verweigerten und so das Kartenhaus zum Einsturz brachten.

Wie Braun weist auch der nun verhaftete Ex-Finanzvorstand die Vorwürfe zurück. Doch die Staatsanwaltschaft geht offenbar davon aus, dass ein großer Teil der Wirecard-Führung gezielt die Öffentlichkeit, die Aktionäre und die kreditgebenden Banken an der Nase herumgeführt hat, um sich zu bereichern. Vieles spricht dafür, dass Marsalek in diesem System Wirecard eine wichtige Rolle gespielt hat. Aber die Hypothese, dass Braun und andere Führungskräfte ahnungslos waren, ist an diesem Mittwoch schwer erschüttert worden. Wie die Schuld im Vorstand und darunter tatsächlich verteilt ist, das wird erst in monatelanger Ermittlungsarbeit zu klären sein.

Die neue Entwicklung macht auch die Fragen nach der Verantwortung anderer direkt und indirekt Beteiligter noch drängender. Wo waren der Aufsichtsrat, die Wirtschaftsprüfer, die Finanzaufsicht und, ja, auch die Aktionäre in den fünf Jahren seit 2015? Die Antworten dürften spannend werden.

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