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PRODUKTE Wirklich sauber

Das Umweltbundesamt warnt - erstmalig - vor einem neuen Waschmittel. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Drei Monate lang zögerte das Umweltbundesamt. Dann entschlossen sich die Beamten, die deutschen Hausfrauen über das neueste Mittel für die wirklich reine Wäsche aufzuklären.

In ihrer Kurzinformation Nr. 14/1984 appellierten die Berliner Umweltwächter an die Verbraucher, auf den »Einsatz zusätzlicher Waschverstärker zu verzichten«. Die »von einem Waschmittelhersteller neu auf den Markt gebrachten Waschverstärkertücher« seien unnötig und würden »eine zusätzliche Belastung unserer Gewässer darstellen«, da die chemischen Substanzen nur unvollständig in Kläranlagen abgebaut würden.

Produkt und Hersteller blieben unerwähnt. Doch es lag auf der Hand, was und wer gemeint war: Top Job, das jüngste Produkt des US-Waschmittelkonzerns Procter & Gamble.

Die Warnung aus Berlin fand in den Medien die gewünschte Beachtung. Als Hans Merkle, Sprecher des Waschmittelmultis im hessischen Schwalbach, die Meldung in den Rundfunknachrichten hörte, reagierte er sofort. Die Geschäftsleitung beschloß, mit einer Anzeigenkampagne den »durch die staatliche Stelle entstandenen Schaden« in Grenzen zu halten.

In der Tat erschienen Anfang vergangener Woche in zahlreichen deutschen Tageszeitungen Großannoncen, die »für besseres und bewußteres Waschen« plädierten. Top Job könne - »gezielt eingesetzt« - Energie, Waschmittel und Wasser sparen und sei »selbstverständlich ... umweltverträglich«. Die Attacke des Umweltbundesamtes blieb unerwähnt. Rund 500 000 Mark kostete der eilige Gegenschlag. Es war ein verzweifelter Versuch, das Unternehmen vor größerem Verlust zu bewahren.

Zwei Jahre lang hatte Procter & Gamble das neue Produkt getestet, ehe Top Job im April bundesweit auf den Markt kam. Es ist ein mit Chemikalien getränktes Tuch, das zusätzlich zum normalen Waschmittel in die Waschmaschine gesteckt werden soll. »Vielleicht«, so werden die Hausfrauen ermuntert, »erleben auch Sie die erste wirklich saubere Wäsche Ihres Lebens.«

Der erste Jahresumsatz für Top Job soll 90 Millionen Mark bringen. Da wollen sich die Hersteller nicht durch das Umweltbundesamt das Geschäft verderben lassen. Ohnehin ist die Waschmittelindustrie nervös geworden. Absatz und Umsatz stagnieren auf dem Milliarden-Markt, den sich im wesentlichen drei Konzerne teilen: Henkel (Persil, Dixan), Procter & Gamble (Ariel, Dash) und Lever Sunlicht (Bio-Luzil, Suwa).

Mehr als 600 000 Tonnen Pulver und Konzentrate werden jährlich in der Bundesrepublik verkauft. Mehr wird es auch künftig kaum werden, Marktvorteile sind nur im Verdrängungswettbewerb zu erringen. Hier soll Top Job Punkte für die Amerikaner gutmachen.

Mitte vergangener Woche rückte Merkle mit drei Kollegen beim Umweltbundesamt in Berlin an, um Satisfaktion zu verlangen. »Wir würden nie ein Produkt auf den Markt bringen«, so Merkle, »von dem vermutet werden muß, daß es für die menschliche Gesundheit oder für das ökologische System schädlich ist.« Das gelte natürlich auch für Top Job.

Was in Wahrheit gilt: Alle wirkungsvollen Waschmittel belasten durch ihre chemiebeladenen Abwässer die Flüsse erheblich, und Top Job gibt einen kräftigen Schuß dazu.

Procter & Gamble indes scheint vom Umweltbewußtsein der reinlichen deutschen Hausfrau wenig zu halten. Jede dritte, so Merkle, habe den Waschverstärker bereits ausprobiert - »und die meisten kaufen Top Job wieder«.

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