Henrik Müller

Wirtschaft im Krisenmodus Das sind die Baustellen der Nach-Corona-Zeit

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Dank neuer Impfstoffe rückt das Ende der Pandemie allmählich ins Blickfeld. Doch die Wirtschaft wird sich nur langsam erholen. Und die nächsten Herausforderungen sind längst absehbar.
Fußgänger mit und ohne Masken während der Corona-Pandemie in der Hamburger Innenstadt

Fußgänger mit und ohne Masken während der Corona-Pandemie in der Hamburger Innenstadt

Foto: Markus Scholz / picture alliance/dpa

Ein großes Aufatmen scheint durch die Wirtschaft zu gehen, durch Teile jedenfalls. Es gibt einen offenkundig hochwirksamen Corona-Impfstoff und demnächst wohl sogar mehrere. Der nächste US-Präsident Joe Biden verspricht ein Revival internationaler Zusammenarbeit und westlicher Einigkeit – die Zeit des Irrsinns scheint sich dem Ende zuzuneigen.

Gute Nachrichten, zweifellos. An den Börsen wird schon mal gefeiert. Die großen Aktienindizes in den USA und in Asien haben inzwischen ihre Höchststände vom Februar eingeholt. Der deutsche Dax scheint immerhin auf dem Weg dorthin.

Da mag die Corona-Winterwelle noch in vollem Gange sein. Lockdowns und Shutdowns schränken rund um den Globus die Bewegungsfreiheit und die Wirtschaftstätigkeit ein (achten Sie Donnerstag auf den EU-Gipfel). Noch ist unklar, wann so viele Menschen geimpft sein werden, dass das Virus tatsächlich als besiegt gelten kann.

Donald Trump spukt nach wie vor durchs Weiße Haus und wiegelt weiterhin seine Anhänger auf. Beim G20-Gipfel Samstag und Sonntag wird er noch mal dabei sein. Vielleicht ist es sein letzter Auftritt auf der ganz großen internationalen Bühne. Der eine oder andere Knalleffekt ist ihm zuzutrauen.

Insofern haben die Börsen recht: Es ist an der Zeit, sich auf die Phase danach einzustellen, nach Corona und nach Trump. Ob die weiteren Aussichten Anlass zum Feiern sind, ist eine andere Frage.

Die trüben Zwanziger

Zweifellos haben die Zwanzigerjahre miserabel begonnen: eine Pandemie, die tiefste globale Wirtschaftskrise seit Generationen, all das vor dem Hintergrund einer zerbröselnden Weltordnung, die von Animositäten und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen durchzogen ist. Die Folgen dieser schockierenden Erfahrungen werden auf längere Sicht den Blick in die Zukunft trüben.

Das sensibilisierte Unsicherheitsempfinden dürfte Investoren und Konsumenten zu größerer Vorsicht gemahnen. Der Indikator unseres Forschungszentrums DoCMA  legt nahe, dass fundamentale Faktoren wie der Klimawandel und eben Pandemien stärker ins Bewusstsein gerückt sind. All das droht dämpfend auf die weitere Wirtschaftsentwicklung zu wirken.

Eine Spontanheilung ist jedenfalls nicht zu erwarten. Wenn es gut läuft, wird das deutsche Bruttoinlandsprodukt Ende 2021 das Niveau von Ende 2019 erreichen. Zwei verlorene Jahre. Das ist schlimm genug. Aber immerhin.

Danach werden wir uns in einer neuen Ära wiederfinden. Wenn der Corona-Rückgang erst überwunden ist, kommen andere dämpfende Faktoren zum Tragen. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise") hat gerade in seinem Jahresgutachten für Deutschland  vorgerechnet, dass ein längerfristiges Abknicken des Wachstumspfades bevorsteht. 2025 dürften die volkswirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten ("Produktionspotenzial") nur noch halb so schnell wachsen wie ein Jahrzehnt zuvor.

Das ist problematisch, denn das Produktionspotenzial ist eine wichtige Kenngröße für die Entwicklung des Wohlstands. Und die Tragfähigkeit der Staatsverschuldung.

Menschen und andere Engpässe

Der größte Dämpfer für das Produktionspotenzial geht von der Erwerbsbevölkerung aus. Wegen der Alterung der deutschen Gesellschaft wird die Zahl der Beschäftigungsfähigen in den kommenden Jahren zu schrumpfen beginnen.

Es stimmt schon: Ähnliches haben Ökonomen und Demografen auch schon Ende der Nullerjahre vorhergesagt. Doch dann kamen die goldenen Zehnerjahre, als Deutschland von millionenfacher Zuwanderung, vor allem aus anderen europäischen Ländern, profitierte. Die gute Konjunktur sog immer mehr Menschen in den deutschen Arbeitsmarkt, nicht nur aus dem Ausland: Weniger Arbeitslose, mehr Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren – all das sorgte für einen massiven Anstieg des Arbeitsvolumens und hob den Wachstumspfad auf Höhen, die zuvor kaum noch jemand für möglich gehalten hätte.

Doch nun scheint die demografische Entwicklung gnadenlos zuzuschlagen. In den Zwanzigern erreichen große ältere Jahrgänge das Ruhestandsalter.

Parallel dazu flaut der Zuzug nach Deutschland ab. Die Nettozuwanderung ist auf dem niedrigsten Niveau seit Jahren, wie das Statistische Bundesamt kürzlich meldete .

Natürlich, die Entwicklung wird derzeit von der Coronakrise überzeichnet. Aber weil in den wichtigsten Zuwanderungsländern die demografischen Aussichten ähnlich trüb sind wie hierzulande, ist nicht damit zu rechnen, dass sich der Immigrationsboom des vergangenen Jahrzehnts so einfach wiederholt. Arbeitskräfteknappheit droht zum Normalzustand zu werden – und zum Engpassfaktor, der die weiteren wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten einschränkt.

Und doch: Das Abknicken des Wachstumspfades ist kein unabwendbares Schicksal. Politik und Wirtschaft können gegensteuern. Hier sind einige Ansatzpunkte.

Baustelle eins: Sozialstaat

Der bevorstehende Rückgang der Erwerbsbevölkerung ließe sich abmildern, wenn Arbeit in Deutschland nicht mehr so stark mit Steuern und Abgaben belastet würde. Durchschnittsverdiener müssen von jedem zusätzlich verdienten Euro 60 Cent an den Staat abgeben. Für Paare mit Kindern ist die Belastung zwar etwas niedriger, aber auch ihnen werden bei steigenden Löhnen mehr als 50 Prozent abgezogen.

Das ist ein fundamentales Problem . Die hohe Grenzbelastung für geringere und mittlere Einkommen mindert die Leistungsbereitschaft und erschwert die soziale Mobilität. Wer sich anstrengt und fortbildet und dadurch sein Gehalt verbessert, stellt beim Blick auf die Lohnabrechnung fest, dass der größere Teil an die Sozialversicherungen und das Finanzamt abfließt. Erst für Beschäftigte mit deutlich überdurchschnittlichen Einkommen sinkt die Grenzbelastung wieder. Das ist ineffizient und unfair.

Wer die Grenzbelastung der Niedrig- bis Durchschnittsverdiener senken will, muss an die Strukturen des Sozialstaats gehen. Mit Steuersenkungen ist es nicht getan, denn die Lohn- und Einkommensteuer fällt bei diesen Einkommensgruppen ohnehin nicht groß ins Gewicht. Sie lassen sich nur wirksam entlasten, wenn ihre Sozialversicherungsbeiträge sinken. Eine politische Großaufgabe.

Ähnliches gilt übrigens für das Rentensystem. Warum können Beschäftigte, die sich fit genug fühlen, ihren Ruhestand nicht nach hinten verschieben, auch bis jenseits der 70? Das Argument, die Alten müssten Platz für Jüngere machen, ist in Zeiten chronischer Arbeitskräfteknappheit nicht mehr stichhaltig.

Baustelle zwei: Zuwanderung

Deutschland wird auch künftig auf Zuwanderung angewiesen sein, und zwar in beachtlichen Größenordnungen. Das wird kein Selbstläufer.

Die Zahl der heimischen Beschäftigten wird in den kommenden 40 Jahren um 12 bis 16 Millionen zurückgehen, prognostiziert eine Studie von Forschern des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)  im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Selbst wenn mehr Leute länger arbeiten: Die Erwerbsbevölkerung wird dramatisch schrumpfen – wodurch das produktive Potenzial der Wirtschaft erheblich geschwächt wird.

Um die Zahl der Beschäftigten auf heutigem Niveau zu halten, müssten Jahr für Jahr mindestens 260.000 Menschen mehr in die Bundesrepublik ziehen als das Land verlassen. Und diese Zuwanderer werden aus weiter entfernten Kulturen kommen müssen, da das übrige Europa vor ähnlichen demografischen Herausforderungen steht wie Deutschland. Um diese Menschen zu integrieren und passend zu qualifizieren, teilweise womöglich schon in ihren Herkunftsländern, braucht es einen neuen Ansatz der Zuwanderungspolitik.

Baustelle drei: Innovation

Wenn weniger Menschen mehr Sozialprodukt erwirtschaften sollen, dann bedeutet das nichts anderes, als dass die Produktivität steigen soll. Dummerweise geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung: Die Statistiker messen seit Jahren ein immer weiteres Abflauen der Produktivitätszuwächse. Nicht nur in Deutschland übrigens, wir haben es mit einem globalen Trend zu tun.

Da wirtschaftlicher Fortschritt zunehmend von immateriellen Wirtschaftsgütern getrieben wird, müssen Bildung, Fortbildung, Wissenschaft und Innovation zu zentralen Spielfeldern der Wirtschaftspolitik werden.

Bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung steht Deutschland zwar im internationalen Vergleich gut da. Aber die Innovationsbudgets sind auf wenige Großunternehmen und Branchen konzentriert, zumal auf die Autoindustrie, die sich derzeit im Umbruch befindet. Darin stecken Risiken.

Klar ist auch: Gerade jetzt braucht es echte Unternehmer . Leute, die bereit und in der Lage sind, in dieser wirtschaftlich, politisch und epidemiologisch höchst unübersichtlichen Lage zu handeln und Neues auszuprobieren. Leute mit Leistungs- und Führungswillen, die den Mut haben, Dinge zu wagen, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt, die Möglichkeit des eigenen Scheiterns inbegriffen.

Immerhin: Dass der erste zulassungsfähige Corona-Impfstoff in Deutschland entwickelt wurde – vom Mainzer Unternehmen Biontech, geführt von Ugur Sahin, einem türkischstämmigen Wissenschaftler, dessen Eltern in den Sechzigerjahren als Gastarbeiter herzogen –, ist ein großartiger Erfolg. Und es wirft ein Schlaglicht darauf, was in Zukunft in diesem Land noch alles möglich werden könnte.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Peking – Nach Corona – Chinas Statistikamt berichtet über die wirtschaftliche Entwicklung im Oktober.

Berlin – Traditionalisten – Wirtschaftstag der CDU. Mit dabei: Altmaier, Söder, Scholz, Spahn, Kurz.