Wirtschaft in der Coronakrise Fünf Hoffnungszeichen für die Welt

Die Pandemie schlägt gerade wieder heftig zu. Aber der deutschen Wirtschaft geht es deutlich besser als anfangs befürchtet. Nun deuten einige Entwicklungen sogar auf einen globalen Aufschwung hin.
Containerumschlag im Hafen von Qingdao

Containerumschlag im Hafen von Qingdao

Foto: VCG / imago images

Die zweiten und dritten Corona-Wellen rollen durch Europa und Nordamerika, die Todeszahlen steigen, und der nächste harte Lockdown in Deutschland wird immer wahrscheinlicher. Die Pandemie zieht sich länger hin und sie ist verheerender, als viele das im März erwartet hatten.

Aber großen Teilen der Wirtschaft geht es am Ende des Katastrophenjahrs 2020 längst nicht so schlecht, wie anfangs befürchtet wurde. Im Gegenteil – hier und da gibt es neuerdings sogar Entwicklungen, die auf eine globale Trendwende hindeuten. Eine Wende zum Positiven. Fünf Grafiken zeigen die Hoffnungszeichen für die deutsche und die globale Wirtschaft.

1. Die Industrie ist robuster als gedacht

Die Welt wandelt sich – und auch die Wirtschaft. Seit Jahrzehnten nimmt die Bedeutung der Industrie für die Gesamtwirtschaft ab, Dienstleistungen werden immer wichtiger. Deutschland durchlebt diesen Strukturwandel ebenfalls, allerdings in schwächerer Form: Hierzulande haben Fabriken und Stahlwerke noch immer eine höhere Bedeutung, einen höheren Anteil an der Wertschöpfung, als in vielen anderen westlichen Volkswirtschaften.

In dieser Krise erweist sich das nun als Vorteil. Der Lockdown vom Frühjahr hatte zwar von Emden bis Berchtesgaden auch viele Fabriken lahmgelegt. Seit Mai aber entwickelt sich die Auftragslage der Industrie erstaunlich robust. Die Auftragseingänge lagen im Oktober – dem letzten Monat, für welchen Daten verfügbar sind – bereits wieder auf dem Niveau von Februar. Also vor dem Ausbruch der Krise.

Ins Auge sticht auch, von wo die meisten Bestellungen bei deutschen Betrieben eingehen: Im Sommer lagen die Aufträge aus dem Inland zwar kurzzeitig höher. Inzwischen sind es aber vor allen Dingen Auftraggeber aus dem Ausland, von denen das verarbeitende Gewerbe massiv profitiert. Der Teilindex für Bestellungen aus dem Ausland lag zuletzt sogar über dem Stand des letzten Monats der Vor-Corona-Periode.

Die Globalisierung mag durch die Pandemie in Verruf geraten sein. In der aktuellen Krise aber trägt die enge Verzahnung mit der Weltwirtschaft erheblich dazu bei, den ökonomischen Absturz abzufedern.

2. In China läuft es wieder

Als das Coronavirus in Wuhan ausbrach, schien China zum Verlierer der Epidemie zu werden. Heute zeigt sich: Die Volksrepublik ist ihr großer Gewinner. Dem Anschein nach hat es der autokratische Staat geschafft, das Virus einzudämmen. Sicher ist: Chinas Wirtschaft hat die Seuche hinter sich gelassen.

Ein ums andere Mal verkündet Peking dieser Tage positive Konjunkturdaten. Manche muten schon etwas märchenhaft an – etwa die 21-prozentige Steigerung der Novemberexporte gegenüber dem Vorjahr, die am Montag vermeldet wurde. Aber am Gesamtbild zweifeln selbst langjährige Kritiker kaum: Die zweitgrößte Ökonomie der Welt ist zurück im Wachstums-Wunder-Modus. Und zieht dabei auch ihre Handelspartner mit nach oben, wie zum Beispiel Deutschland.

Deutsche Autohersteller hätten ein Problem ohne China. Dass BMW etwa von Juli bis September mehr Fahrzeuge verkaufte als je zuvor in einem Quartal, wäre undenkbar ohne den Fernostmarkt. 34 Prozent aller weltweit hergestellten Autos setzte BMW in der Volksrepublik ab. Das waren gut zweieinhalb mal so viele wie in Deutschland. Bei VW und Mercedes ist der Chinaanteil noch höher.

Die Verkaufszahlen seien »fast zu gut, um wahr zu sein«, schwärmt Daimler-Chef Ola Källenius. Auf Dauer ist die wachsende Abhängigkeit bedenklich, kurzfristig aber rettet sie Unternehmensbilanzen und Arbeitsplätze.

Bisher gibt es kaum Anzeichen, dass der Chinaboom abflaut. Die Pkw-Verkäufe lagen zuletzt sieben Monate in Folge über dem Vorjahr. Und Ökonomen korrigieren die Wachstumsprognosen für die Gesamtwirtschaft zurzeit eher nach oben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet 2020 knapp zwei Prozent und 2021 gut acht Prozent plus. Da kommt keine anderes großes Land mit.

3. Rohstoffe sind gefragt wie in Boomzeiten

Kaum zu glauben: Es ist Pandemie – und die Kurse an vielen Rohstoffmärkten gehen durch die Decke. Der Kupferpreis ist auf dem höchsten Stand seit 2013. Eisenerz hat sich gegenüber dem Jahresanfang um mehr als 50 Prozent verteuert. Auch Nickel, Zink, oder Aluminium notieren nach einem steilen Absturz im Frühjahr wieder deutlich über dem Vor-Corona-Niveau.

Die Basis- oder Industriemetalle gelten traditionell als Barometer der Weltkonjunktur. Schließlich sind diese Rohstoffe unentbehrlich für viele Produkte und Güter, die in Boomzeiten besonders gefragt sind: Autos etwa, Elektrogeräte oder Häuser. Und tatsächlich läuft das Geschäft in vielen Fabriken wie auch in der Baubranche besser, als viele Experten anfangs fürchten. Im Gegenzug allerdings schwächeln Teile des Dienstleistungssektors erheblich, allen voran die Tourismus- und Freizeitwirtschaft.

Außerdem werden die Metallpreise von Sonderfaktoren beeinflusst. Zum einen ist das der Aufschwung in China, das von einigen Rohstoffen mehr als die Hälfte der Weltproduktion abnimmt – und offenbar in der Krise strategische Vorräte angelegt hat. Zum anderen hat das Virus die Produktion behindert und so das Angebot verknappt.

»Bei Kupfer gab es zeitweise weniger Angebot, weil vor allem in Peru Minen wegen Covid-19 geschlossen wurden«, sagt Eugen Weinberg, Chef-Rohstoffstratege der Commerzbank. »Jetzt ist auch noch die Nachfrage höher als erwartet. Das treibt die Preise nach oben.«

Für viele Fabriken bedeutet der Metallboom höhere Kosten. Für Förderländer wie Chile, Brasilien, Indonesien oder Peru hingegen ist er ein Segen.

4. Die Containerfrachter haben volle Bäuche

Sie sind das Symbol der Globalisierung und ihr Rückgrat: Containerfrachter transportieren rund 90 Prozent der grenzüberschreitend gehandelten Güter rund um die Welt. Und sie sind gerade so voll bepackt wie lange nicht mehr. Die Frachtraten, also die Preise, auf den wichtigsten Routen haben sich seit dem Frühjahr durchschnittlich mehr als verdoppelt. Viele Dickschiffe sind ausgebucht. Und in Europa herrscht gar akuter Containermangel. 

Der Seehandel prosperiert wie lange nicht mehr. Enorm ist der Andrang vor allem auf den wichtigsten Transpazifik-Verbindungen. Die Chinesen produzieren, die Amerikaner konsumieren – so könnte man es vereinfacht zusammenfassen. Trotz des von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelskriegs waren die Importe der USA aus China im Oktober so hoch wie seit Jahren nicht mehr.

Kupfermine in Mexiko (Archivbild): Die Preise schießen durch die Decke

Kupfermine in Mexiko (Archivbild): Die Preise schießen durch die Decke

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HECTOR GUERRERO / DPA

Aber auch in Europa melden führende Häfen wie Antwerpen oder Rotterdam guten Umschlag. Selbst in Hamburg läuft es wieder besser. »Die Verbraucher können ihr Geld nicht mehr in die Gastronomie oder in Hotels tragen«, sagt Christian Cohrs, Logistik-Analyst der Privatbank M.M. Warburg. »Stattdessen rüsten viele ihr Zuhause auf.« Zum Beispiel mit Fitnessgeräten, Flachbildschirmen oder einem Fertighäuschen für den Garten. Es gibt ja sonst wenig zu tun.

Wie lange die Container-Blüte währt? Ungewiss. Für Skeptiker wie Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, ist sie das Ergebnis von Nachholeffekten – und könnte bald vorüber sein. Andererseits gehen Hapag-Lloyd und andere Reeder bereits viele Buchungen für 2021 an. Die Globalisierung ist vielleicht doch noch nicht so am Ende, wie ihre Gegner es gern hätten.

5. The Trend is our Friend

Als im Frühjahr Industrienation nach Industrienation in den Lockdown ging, sandte das Schockwellen durch das wirtschaftliche Geflecht: Autofabriken stellten die Arbeit ein, Lieferketten kamen zum Erliegen, der Lkw-Verkehr auf Autobahnen und Bundesstraßen ging merklich zurück.

Dieser »sudden stop« der Wirtschaft war für viele Konjunkturforscher ein Problem: Normalerweise erstellen sie ihre Prognosen auf Basis von Kennziffern und vorlaufenden Indikatoren, Anhaltspunkten in der Vergangenheit für die weitere wirtschaftliche Entwicklung also. Im Lockdown ging das nicht mehr. Die Kennziffern von gestern zeigten noch Normalität, für den jähen Abbruch weiter Teile des Wirtschaftslebens gibt es keinen einzigen Präzedenzfall in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte.

Die Warnungen vieler Experten fielen entsprechend dramatisch aus: Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel befürchtete die »Mutter aller Rezessionen«. Das Münchner Ifo-Institut veröffentlichte Szenarien-Rechnungen, in denen die Wirtschaftsleistung in Deutschland 2020 im schlimmsten Fall um 20 Prozent zurückging – und im »optimistischsten« Szenario um 7,2 Prozent.

Seitdem geht der Trend allerdings nach oben: Forschungsinstitute, Sachverständigenrat und Bundesregierung haben ihre Prognosen der Wirtschaftsentwicklung im Laufe des Jahres an die tatsächliche Entwicklung angepasst, und zwar überwiegend zum Guten. Es sieht jetzt eher nach einem Minus von gut fünf Prozent aus. Die deutsche Wirtschaft hat sich 2020 bislang deutlich besser geschlagen als gedacht.

Torsten Schmidt, Konjunkturchef des RWI in Essen, erklärt das so: Die Situation im Frühjahr sei zu ungewöhnlich gewesen, um auf historische Erfahrungen zurückgreifen zu können. Vor allem im dritten Quartal – also von Juli bis September – sei der Aufschwung aber deutlich stärker ausgefallen als prognostiziert: Die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Konjunkturforschungsinstitute rechnete mit einem Plus von 6,5 Prozent. Tatsächlich waren es dann aber 8,5 Prozent. »Vor allem der Export hat sich viel schneller erholt als gedacht«, sagt Ökonom Schmidt.

Dazu trägt nicht nur China bei – sondern auch die Entwicklung in den USA. Die US-Wirtschaft wirkt – trotz oder womöglich gerade wegen der kaum gebremsten Verbreitung des Virus – erstaunlich robust. Für 2020 rechnen die Experten der OECD inzwischen nur noch mit einem Minus von 3,7 Prozent .

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