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Nullwachstum Deutsche Wirtschaft tritt auf der Stelle

Krieg, Inflation und Energiekrise haben ihre Spuren hinterlassen. Nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamts stagnierte die Wirtschaftsleistung im vergangenen Quartal.
Hamburger Hafen: Hausgemachte Probleme

Hamburger Hafen: Hausgemachte Probleme

Foto: Christian Charisius / dpa

Die deutsche Wirtschaft ist im Frühjahr erneut nicht gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte von April bis Juni im Vergleich zum ersten Quartal, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Davor war es zwei Quartale in Folge geschrumpft, was Ökonomen als technische Rezession bezeichnen.

Volkswirte hatten damit gerechnet, dass die Wirtschaft nach der Flaute im Winter im zweiten Quartal wieder etwas Schwung aufnimmt. »Der zuvor kräftig rückläufige private Konsum stabilisierte sich wohl«, heißt es im jüngsten Monatsbericht der Deutschen Bundesbank. »Dazu trug bei, dass der Arbeitsmarkt nach wie vor in guter Verfassung war, die Löhne kräftig anstiegen und sich der Preisanstieg nicht weiter verstärkte.«

Im Winterhalbjahr war die deutsche Wirtschaft mit zwei Minusquartalen in Folge in eine sogenannte technische, also kurzfristige Rezession gerutscht. Ein wichtiger Grund hierfür war die hohe Inflation, die vor allem die Ausgabefreude der privaten Haushalte dämpfte. Zudem entwickelte sich die Industrie wegen zurückhaltender Nachfrage aus dem Ausland schwach.

Rückgang der Wirtschaftsleistung?

Ökonomen zufolge mehren sich die Anzeichen für ein schwaches zweites Halbjahr 2023. So verschlechterte sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft im Juli erneut. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel das dritte Mal in Folge. »Die Lage der deutschen Wirtschaft verdüstert sich«, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Gedämpft wird die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung von DZ-Bank-Konjunkturexperte Christoph Swonke durch gestiegene Zinsen und die immer noch hohe Inflation. Hinzu komme die zurückhaltende Nachfrage aus dem Ausland.

Wirtschaftsforschungsinstitute und viele Bankökonomen rechnen damit, dass Europas größte Volkswirtschaft im Gesamtjahr leicht schrumpfen wird. Die Deutsche Bundesbank geht von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent aus. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sagte jüngst ein Minus von 0,3 Prozent voraus.

Unterschiedliche Ideen

In der Ampel-Regierung werden die schwachen Konjunkturdaten für das zweite Quartal unterschiedlich bewertet. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat angesichts der Flaute der deutschen Wirtschaft seine Forderung nach einem staatlich subventionierten niedrigeren Industriestrompreis erneuert. Der Grünen-Politiker erklärte am Freitag: »Die Zeit drängt und wir müssen hier schnell zu Entscheidungen kommen. Es geht um die globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Dafür sind mehr zielgerichtete Investitionen in Zukunftstechnologien entscheidend.«

Habeck will einen staatlich subventionierten Industriestrompreis, das Geld dafür solle aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds kommen. Finanziert werden aus dem Sondertopf mit einem Volumen von bis zu 200 Milliarden Euro vor allem die Strom- und Gaspreisbremse. Wegen sinkender Preise könnte die Finanzierung der Bremsen aber deutlich günstiger werden.

Die FDP lehnt sowohl den Industriestrompreis als auch eine Öffnung des Fonds ab. Finanzminister und FDP-Chef Christian Lindner will dagegen eher die Rahmenbedingungen für Unternehmen verändern. »Deutschland hat seit mindestens zehn Jahren mit Bürokratismus, Wunschdenken in der Energiepolitik, Sozialausgaben statt Investitionen, zu hohen Steuern und Abgaben die Belastungsgrenze der Wirtschaft getestet«, so Lindner gegenüber dem »Handelsblatt«. Klassische Konjunkturprogramme lehnen aber beide Ampel-Minister ab.

Pessimistischer Blick auf wirtschaftliche Zukunft

Inzwischen schauen laut einer Yougov-Umfrage 36 Prozent der Bürger in Deutschland pessimistischer in ihre persönliche wirtschaftliche Zukunft als noch vor einem halben Jahr. 24 Prozent sind demnach optimistischer. Befragte im Alter von 45 bis 54 Jahren sagen den Angaben zufolge am häufigsten, pessimistischer nach vorne zu blicken als noch vor einem halben Jahr. Dies betreffe 40 Prozent gegenüber 32 Prozent der 18- bis 24-Jährigen.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zeigt an, wie gut oder schlecht sich die Wirtschaft eines Landes entwickelt. Eingerechnet wird alles, was in einem bestimmten Zeitraum hergestellt wird. Zudem fließen der Wert von Dienstleistungen und die Ausgaben von Verbrauchern sowie Investitionen von Unternehmen ein – beispielsweise in Maschinen. Berücksichtigt werden alle Wirtschaftsbereiche. Größter Posten ist der private Konsum. Weiterer Bestandteil ist der sogenannte Außenbeitrag – also die Differenz dessen, was Unternehmen ins Ausland verkaufen (Exporte) und von dort einkaufen (Importe).

mik/dpa/Reuters