Wirtschaft in Deutschland Echte Rezession, gefühlte Rezession

Die deutsche Konjunktur ist auf Talfahrt, die Wirtschaft warnt vor den Folgen von Brexit und Handelskrieg - doch an der Kauflaune der Verbraucher ändert sich nichts. Wie passt das zusammen?
Hohe Straße in Köln: Ungebremste Kauflaune

Hohe Straße in Köln: Ungebremste Kauflaune

Foto: C. Hardt/ Future Image/ imago images

Der Befund ist kaum misszuverstehen: "Die Industrie befindet sich in der Rezession, ihre Produktion ist seit gut eineinhalb Jahren rückläufig, was maßgeblich für die konjunkturelle Schwäche ist", so steht es im gemeinsamen Herbstgutachten der fünf größten Wirtschaftsforschungsinstitute, erschienen vergangenen Mittwoch.

Kurz: Die deutsche Konjunktur ist auf Talfahrt. Und das nicht erst seit gestern. Die Krisensymptome finden sich fast täglich in den Nachrichten.

Wie reagieren die Deutschen darauf? Einerseits: Sie stellen sich auf schlechte Zeiten ein - sagen sie laut SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor. Andererseits: Sie gehen shoppen. Und das kann durchaus überraschen. Schließlich könnte man jetzt auch Geld für die schlechten Zeiten zurücklegen.

Im Interview erklärt der Politökonom Henrik Enderlein, an welch besonderem Punkt des Krisenverlaufs wir gerade sind: Die Industrie spürt den Abschwung schon deutlich, noch sind aber die Arbeitsplätze nicht betroffen. Viel Zeit bleibt laut Enderlein nicht - man sollte sie für Gegenmaßnahmen nutzen.

Zur Person
Foto: imago/Müller-Stauffenberg

Der Politökonom Henrik Enderlein, Jahrgang 1974, ist Präsident und Professor der Hertie School of Governance in Berlin. Er leitet außerdem das Jacques-Delors-Institut für Europafragen.

DER SPIEGEL: Herr Enderlein, Deutschlands Wirtschaft ist vermutlich zwei Quartale hintereinander geschrumpft. Nur bei den Bürgern scheint das nicht anzukommen: Die konsumieren, als würde das Geld auch in der Krise einfach immer so weiterfließen. Wie passt das zusammen?

Enderlein: Der private Konsum ist nur eine von vielen Messgrößen für die Konjunktur. Und wenn ich mir so ein komplexes Gebilde wie die deutsche Wirtschaft ansehe, dann kann es sogar gefährlich sein, nur einen Wert zu betrachten. Es ist wie beim Arzt: Ein einzelner Wert kann prima aussehen - und der Patient trotzdem krank sein.

DER SPIEGEL: Und was ist in dem Patientenvergleich dann die Konsumlaune der Verbraucher?

Enderlein: Vielleicht so etwas wie der Blutdruck? Es kann Erschöpfungszustände geben, die darauf zurückzuführen sind. Der Blutdruck kann aber auch super sein - und trotzdem liegt eine Krankheit vor.

DER SPIEGEL: Dann fangen wir mal so an: Wie krank ist die deutsche Wirtschaft, wenn wir nicht auf den Konsum schauen?

Enderlein: In der Gesamtschau fürchte ich, dass die Lage ernster ist, als es derzeit oft den Anschein hat.

DER SPIEGEL: Welche Symptome lassen den Schluss zu? Der schwächelnde Export?

Enderlein: Die Entwicklung der Exporte ist tatsächlich kurzfristig besorgniserregend. Die neuen Handelskonflikte oder der Brexit schaden der deutschen Wirtschaft, denn wir sind so abhängig vom Export wie kein zweites großes Land. Aber genauso schnell wie solche Unsicherheiten auftreten können, sind sie auch wieder verschwunden. Den Zustand des Welthandels 2020 vorherzusagen, ist mehr als schwierig. Für mich ist die größere Herausforderung, dass die deutschen Unternehmen solche Handelsschocks nicht ausreichend abfedern können.

DER SPIEGEL: Wo hapert es denn bei den Unternehmen?

Enderlein: Das kann man gut an den Investitionen festmachen. Obwohl die Unternehmen in den vergangenen Jahren gute, oft sehr gute Umsätze und Gewinne gemacht haben, investieren sie nur auf niedrigem Niveau. Das ist ein Warnsignal: Kein Unternehmen, das glaubt, ein zukunftsträchtiges Geschäftskonzept zu haben, verzichtet auf Investitionen. Für die Perspektiven der Firmen lässt das nichts Gutes vermuten.

DER SPIEGEL: Welches Symptom gibt außerdem Anlass zur Sorge?

Enderlein: Der Zustand der deutschen Infrastruktur. Sie ist eine entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Wirtschaft. Und da gerät Deutschland nicht nur im Vergleich mit anderen Staaten ins Hintertreffen. Weil so lange zu wenig investiert wurde, etwa in Straßen, Kommunikationsnetze, den Schienenverkehr, ist die alte Substanz teils marode. Und hinzu kommen ja noch die Aufgaben durch den Klimawandel. Dieser Bereich wird für die Zukunftsfähigkeit des Landes immer wichtiger.

DER SPIEGEL: Allerdings steht der Arbeitsmarkt vergleichsweise gut da.

Enderlein: Das ist richtig. Und natürlich ist der Arbeitsmarkt so etwas wie das Herz einer Volkswirtschaft. Trotzdem ist er in der Gesamtschau für mich aktuell nicht die entscheidende Größe. Unser Arbeitsmarkt wird stark von der demografischen Dynamik beeinflusst. In vielen Bereichen fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Aber wir sollten uns auch keine Illusionen machen. Eine Rezession erreicht irgendwann auch die Arbeitnehmer. Gehen die Auftragseingänge zurück, wird die Produktion gedrosselt. Wenn das länger so bleibt, werden Stellen nicht nachbesetzt, später Mitarbeiter entlassen. Erst dann erreicht eine Krise den Arbeitsmarkt. Bei den Gehältern kann es etwas schneller gehen, wenn die Lohnerhöhungen ausbleiben. Spätestens, wenn diese Entwicklung im persönlichen Umfeld vieler Menschen ankommt, werden die auch ihren Konsum einschränken.

DER SPIEGEL: Und wer gerade den Job verloren hat, spart natürlich.

Enderlein: Und so setzt sich eine Krise, die mit dem Export und der Industrie beginnt, dann in andere Branchen fort. Der aktuell kräftige Konsum speist sich aus der Stärke der Vergangenheit. Viele Arbeitnehmer haben die Lohnerhöhungen, die eine Antwort auf die vergangenen guten Jahre sind, erst vor Kurzem bekommen.

DER SPIEGEL: Dann noch mal zu der Ausgangsfrage: Wann kommt der Schlamassel bei den Bürgern an?

Enderlein: Das kommende halbe Jahr wird darüber entscheiden, wie stark jeder Einzelne die heutige Krise im eigenen Geldbeutel spürt. Szenario eins: Das Wachstum kehrt zurück. Szenario zwei: Wir rutschen in eine echte Rezession. Szenario drei: Wir dümpeln vor uns hin, mit Wachstumswerten von vielleicht einem halben Prozent. Ich halte das dritte Szenario aktuell für das wahrscheinlichste. Dabei hängt aber viel von den Gegenmaßnahmen ab.

DER SPIEGEL: Was könnte helfen?

Enderlein: Die Regierung muss sich für eine Politik entscheiden, die jetzt schnell Vertrauen schafft, vor allem bei den Unternehmen. Unter solchen Bedingungen darf die schwarze Null nicht sakrosankt sein. Wenn der Staat Geld in die Hand nimmt und ein Investitionsprogramm ankündigt, dann reagieren Unternehmen und auch Konsumenten. Investitionen bedeuten neue Aufträge, was wiederum Firmen ermutigt, Mitarbeiter zu halten oder sogar neue einzustellen. Und es gibt ja jede Menge Bedarf: vor allem bei der Infrastruktur, aber auch bei Investitionen in Bildung und Innovation. Investitionen sind die Nachfrage von heute und das Wachstum von morgen.

DER SPIEGEL: Da wird Ihnen Finanzminister Olaf Scholz sagen: Die Förderangebote sind da, sie werden nur nicht von Gemeinden und Landkreisen in Anspruch genommen.

Enderlein: Ja, Infrastrukturprojekte haben in der Regel eine lange Vorlaufzeit. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, Investitionen früh und explizit anzukündigen. Wir können auch dafür sorgen, dass Projekte schneller und unbürokratischer durchgeführt werden. Eine große Zahl von Fördermöglichkeiten für den Bund gibt es unter der Bedingung, dass ein Teil der Finanzierung kommunal getragen wird. Viele Kommunen können sich das nicht leisten. Da brauchen wir eine politische Lösung.

DER SPIEGEL: Die Konsumzahlen könnten einen also in falscher Sicherheit wiegen. Sollten wir bei der Bewertung der Konjunktur auf andere Messgrößen schauen?

Enderlein: Um im Anfangsbild zu bleiben: Kein Arzt verlässt sich bei der Diagnose auf nur einen Wert, man muss sich über viele Daten einen Überblick verschaffen. Nehmen Sie zum Beispiel die Wachstumsprognose fürs kommende Jahr: Allein 0,4 Prozent des Wachstums sollten automatisch entstehen - weil weniger Feiertage auf einen Wochentag fallen als 2019. Statt sich auf Zehntelprozentwerte zu fixieren, sollte man deshalb den Blick weiten und die Zukunfts- und Innovationsfähigkeit unseres Landes in den Blick nehmen.

DER SPIEGEL: Was sagt uns dann der aktuell noch stabile Konsum?

Enderlein: Der stabile Konsum verdeckt den Blick darauf, dass unsere Volkswirtschaft nicht so stark ist, wie wir glauben. Wir sollten die Schwächen in den Blick nehmen. Wer das tut, der erkennt: Jetzt ist die Zeit, um vorausschauend gegenzusteuern.

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