Wirtschaft in New Orleans Die Börse brummt, die Geisterstadt stirbt

Börse und Wirtschaft in den USA haben sich, drei Monate nach den verheerenden Hurrikanen, von deren Folgen erholt. Experten sagen der Wall Street sogar eine Jahresend-Rally voraus - in der Krisenstadt New Orleans aber ist von Aufschwung nichts zu spüren.

Von , New Orleans


New Orleans - New Orleans, drei Monate nach "Katrina": Wer vom Lake Pontchartrain, wo damals die Deiche brachen, in Richtung Innenstadt fährt, durchquert auch heute noch eine fast apokalyptische Kulisse. Abbruchreife Häuser, Schutthalden, Autowracks, Kilometer für Kilometer, Stadtviertel für Stadtviertel - eine menschenleere, stinkende Trümmerlandschaft. Ein Großteil von New Orleans bleibt unbewohnbar, immer noch.

Stadtpanorama von New Orleans im November: Wiederaufbauhilfe für den emsigen Wahlkampffinanzier
REUTERS

Stadtpanorama von New Orleans im November: Wiederaufbauhilfe für den emsigen Wahlkampffinanzier

2000 Kilometer nordöstlich, im Herzen der US-Finanzwelt, haben die Broker dafür nur ein müdes Schulterzucken übrig. Während die Jahrhundert-Sturmflut der Stadt am Mississippi-Delta den Arbeitsmarkt und die Steuerbasis weggespült hat, ist die Wall Street zur Tagesordnung übergangen. Börse und Wirtschaft der USA haben die Folgen des Monstersturms längst verwunden.

Ein kurzer Knick im Dow Jones Chart zeigen, dann setzten sich die Bullen wieder durch. All die düsteren Vorhersagen nach "Katrina", wonach auch die US-Konjunktur langfristige Sturmschäden zeigen werde, haben sich nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil.

Das gute Timing der Hurrikane

Die Aktienindizes peilen in dieser verkürzten Thanksgiving-Börsenwoche neue Rekordmarken an. Immer mehr Analysten prophezeien der Wall Street eine tolle Jahresabschluss-Rally. "Ich glaube mit Sicherheit nicht, dass die Rally schon vorbei ist", sagt zum Beispiel Som Dasgupta, Cheftrader bei PNC Financial.

Unterdessen erwarten die Volkswirte fürs dritte Quartal - das Hurrikan-Quartal ("Katrina", "Rita", "Wilma") - ein US-Wirtschaftswachstum von 4,2 Prozent, 0,4 Prozent über den ersten, pessimistischen Prognosen. "Die amerikanische Volkswirtschaft ist im Vergleich zu den eigentlichen Stressregionen einfach so groß, dass man diese Naturkatastrophen in dem Zusammenhang nicht wahrnimmt", sagte Neil Soss, Chefvolkswirt bei der Credit Suisse First Boston, zu Marketwatch.com. Die Hurrikane wüteten zu einer Zeit, da die Konjunktur so brummte wie seit Jahren nicht.

Der Investmentsstratege Ed Yardeni sieht außerdem noch einen anderen Grund, weshalb "Katrinas" Folgen beschränkt blieben: die Globalisierung. So sei der in den Stürmen verlorene Ölnachschub aus dem Golf weitgehend durch Importe ausgeglichen worden. Ähnliches gelte auch für andere Industriebranchen.

Zwei Milliarden Dollar für Northrop

Selbst die Versicherungen, denen "Katrina" Milliardenbelastungen brachte, halten sich wacker. Zwar erlitt die gesamte Branche nach Worten von Martin Sullivan, dem CEO des Versicherungsgiganten AIG Chart zeigen, "das teuerste Katastrophen-Quartal, das je verzeichnet wurde". Doch die festen Umsätze der letzten Jahre sowie Finanzspritzen von Hedgefonds und Beteiligungsgesellschaften machen das erträglicher. Darüber hinaus wollen die Konzerne Washington um Hilfen bitten, um sich bei Naturkatastrophen vor Verlusten zu schützen - ähnlich wie bei Terroranschlägen.

Kollabierte Kirche im Ninth Ward Mitte November: Stinkende Trümmerlandschaft
REUTERS

Kollabierte Kirche im Ninth Ward Mitte November: Stinkende Trümmerlandschaft

Von "Katrina" sogar noch profitieren könnten die Heimwerkerketten Home Depot und Lowe's, die beiden größten der Welt. Der plötzlich erhöhte Baubedarf an der Golfküste und in New Orleans hat die letzten Quartalsergebnisse erhöht. Das soll nach Einschätzung von Experten auch noch ein paar Monate so weitergehen, da der Wiederaufbau von Wohnhäusern, Firmen und Schulen oft gerade erst begonnen hat - oder, wie in Teilen von New Orleans, noch in weiter Ferne liegt.

Langsame Hilfe für die Kleinen

Besonders gut hat der Rüstungskonzern Northrop Grumman "Katrina" überstanden. Mit 18.000 Angestellten der größte Arbeitgeber am Golf, kann sich der voll auf Versicherungsgelder und Subventionen vom Pentagon verlassen. So hat die Marine jetzt schon zwei Milliarden Dollar aus der Kasse des US-Katastrophenamts Fema beansprucht, um die drei Northrop-Werften der Region wieder aufzubauen - auf Staatskosten.

"Diese Zahlen sind atemberaubend hoch", wunderte sich der Verteidigungsexperte Winslow Wheeler in der "New York Times" über die schnelle Versorgung des emsigen Wahlkampffinanziers Northrop. "Das müssten die Buchprüfer mal unter die Lupe nehmen."

Derweil müssen die 80.000 vom Bankrott bedrohten, kleinen Privatfirmen in New Orleans und Mississippi weiter auf Rettung warten. Die für Katastrophendarlehen zuständige Regierungsbehörde Small Business Administration hat nach eigenen Angaben in den drei Monaten seit "Katrina" erst knapp 3000 Anträge bearbeitet - davon zwei Drittel mit einem ablehnenden Bescheid.

Im Eingangskörbchen liegen noch weitere 24.542 Darlehensanträge.



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