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06. November 2008, 13:49 Uhr

Wirtschaftskrise

EZB senkt Leitzins auf 3,25 Prozent

Die Europäische Zentralbank reagiert auf den drohenden Abschwung. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen senken die Währungshüter den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte. Zuvor hatte bereits die britische Notenbank mit einer massiven Zinskorrektur überrascht.

Frankfurt am Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Leitzins wie erwartet gesenkt. Der wichtigste Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Zentralbankgeld werde um 0,50 Prozentpunkte auf 3,25 Prozent reduziert, teilte die Zentralbank am Donnerstag in Frankfurt mit.

EZB-Chef Trichet: Hoffnung auf weitere Zinsschritte
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EZB-Chef Trichet: Hoffnung auf weitere Zinsschritte

Zuletzt hatte die EZB den Leitzins am 8. Oktober in einer gemeinsamen Aktion mit anderen Notenbanken ebenfalls um 0,5 Prozentpunkte reduziert. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte die aktuelle Zinssenkung bereits damals angedeutet. Die Zentralbank habe Spielraum für einen solchen Schritt, weil die Inflation in den 15 Euro-Staaten nicht mehr so hoch ist, hatte er gesagt. Die Inflationsrate war im Oktober auf 3,2 Prozent gesunken, nach einem Hoch von vier Prozent im Sommer.

In seiner Rede nach der Zinsentscheidung der Notenbank ließ Trichet dann bereits die Bereitschaft für eine weitere Zinssenkung erkennen: "Ich schließe nicht aus, dass wir die Zinsen weiter senken." Er betonte allerdings auch, dass die EZB sich noch nicht festlegen wolle. Der Rat der Notenbank habe zeitweilig auch eine Senkung auf des Zinses 3,0 Prozentpunkte erwogen. Die gesamte Weltwirtschaft spüre derzeit die Auswirkungen der Finanzkrise, sagte Trichet. Die Unsicherheiten wegen der Krise seien weiterhin "außergewöhnlich hoch".

Ökonomen hatten mit der akutellen Zinsentscheidung mehrheitlich gerechnet. In den vergangenen Wochen verschlechterten sich die Konjunkturdaten dramatisch und der Inflationsdruck weiter nachgelassen. Manche Beobachter hatten sogar eine Senkung um einen ganzen Prozentpunkt für möglich gehalten. Bei einem niedrigeren Leitzins werden Kredite für Verbraucher und Unternehmen billiger. Zugleich sinkt das Zinsniveau für viele Geldanlagen auf dem Konto. Die Zinssenkungen wirken sich meist erst mit Verzögerung aus.

Ökonomen erwarten weitere Zinsschritte

Der Zins ist mit 3,25 Prozent so niedrig wie zuletzt vor zwei Jahren. Er liegt aber immer noch weit über dem Niveau in den USA - dem Ausgangspunkt der weltweiten Immobilien- und Finanzkrise - mit inzwischen 1,0 Prozent. Volkswirte erwarten daher in Europa weiter fallende Zinsen.

Schon im Dezember könnte nach Expertenmeinung der nächste Schritt anstehen. "Es ist klar, dass die Zinsen noch weiter runter müssen und tatsächlich auch sinken werden. Ende des ersten Quartals 2009 werden wir ein Leitzinsniveau von 2,5 Prozent sehen oder sogar noch weniger", sagt Norbert Braems von Sal. Oppenheim. "Ich hatte auch über einen größeren Zinsschritt spekuliert. Angesichts des Ausmaßes, in dem sich die Konjunktur abkühlt, hätte man das auch erwarten können", erklärte Michael Schubert von der Commerzbank.

Briten und Schweizer senken Zinsen

Bereits zuvor hatten die Notenbanken von Großbritannien und der Schweiz die Leitzinsen gesenkt. Die Bank of England (BoE) korrigierte den Wert überraschend deutlich um 1,5 Prozentpunkte auf drei Prozent nach unten. Eine Senkung in dieser Größenordnung hatte es in Großbritannien zuletzt in der Wirtschaftskrise zu Beginn der neunziger Jahre gegeben.

Lange hatte die Notenbanker in London vor allem die Sorge vor einer steigenden Preisdruck davon abgehalten, an der Zinsschraube zu drehen. Derzeit liegt die Inflationsrate immer noch bei vier Prozent und damit doppelt so hoch, wie sie von der BoE für ein stabiles Preisniveau angestrebt wird. Premier Gordon Brown sieht jedoch im Zuge der gesunkenen Energiepreise gute Chancen, dass der Preisdruck nachlässt und der Notenbank Spielräume für eine lockerere Geldpolitik eröffnet.

Beobachter sehen in der gemeinsamen Zinsaktion Hinweise darauf, dass die Notenbanken weiter um die Konjunktur fürchten. "Es hat sehr den Anschein, als wollten die Zentralbanken keine Zeit verlieren", kommentierte UniCredit-Analyst Kornelius Purps die Zinssenkungen. Derart aggressive Zinssenkungen signalisierten, dass die Banken äußerst besorgt über die konjunkturellen Aussichten seien. "Insofern scheint es weiterhin viel zu früh zu sein, um auf eine breite Stabilisierung oder gar Erholung der Finanzmärkte zu setzen."

Banken- und Unternehmerverbände begrüßten die Zinskorrektur der EZB. Der Bundesverband deutscher Banken sprach von einer richtigen Reaktion angesichts der sich verschlechternden wirtschaftlichen Aussichten im gemeinsamen Währungsraum. Als weiteren wichtigen Beitrag zur "Entschärfung der Situation auf den Geldmärkten" bezeichnete der deutsche Sparkassen- und Giroverband die Entscheidung der EZB. Der europäische Unternehmerverband Business Europe rechnet mit zwei weiteren Schritten nach unten. "Wir brauchen unbedingt weitere Zinssenkungen in den nächsten Monaten", sagte Chefvolkswirt Marc Stocker.

suc/dpa-AFX/Reuters/AP

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