SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

15. April 2009, 14:42 Uhr

Wirtschaftskrise

Großkonzerne starten neue Sparprogramme

Deutschlands Konzernriesen bekommen die Krise zu spüren: BASF führt Kurzarbeit im Stammwerk ein, die Post spart beim Paketdienst DHL - und auch Bosch will die Kosten weiter drücken. Bessert sich die Lage nicht bald, sind bei dem Autozulieferer sogar Kündigungen nicht mehr ausgeschlossen.

Frankfurt am Main/Ludwigshafen - Bislang konnten sie von ihrer Vormachtstellung profitieren, doch nun haben auch drei Schwergewichte der deutschen Wirtschaft erhebliche Probleme eingestanden: Der Chemieriese BASF will Tausende Beschäftigte an seinem Stammsitz Ludwigshafen in Kurzarbeit schicken. Auch der weltgrößte Autozulieferer Bosch kündigt an, er prüfe Kurzarbeit. Ähnlich äußert sich die Deutsche Post , die ihre Kosten senken will.

Mitarbeiter von Bosch, BASF und Post: Krise geht nicht spurlos an Großkonzernen vorbei
DDP

Mitarbeiter von Bosch, BASF und Post: Krise geht nicht spurlos an Großkonzernen vorbei

So plant die BASF, erstmals seit 1993 wieder Kurzarbeit am Stammsitz in Ludwigshafen anzumelden. "Die Auslastung vieler Anlagen ist seit Jahresbeginn auf sehr niedrigem Niveau geblieben, und wir sehen in absehbarer Zeit in wichtigen Kundenbranchen auch keine nachhaltige Verbesserung unserer Auftragslage", erklärte Personalvorstand Harald Schwager am Mittwoch. Nach derzeitigem Stand könnten von Juni an etwa 2000 bis 3000 der rund 32 800 Mitarbeiter in Ludwigshafen betroffen sein, teilte das Unternehmen mit.

BASF war im vierten Quartal in die roten Zahlen gerutscht und hatte für das Gesamtjahr 2008 einen deutlichen Gewinnrückgang ausgewiesen. Wegen des Nachfrageeinbruchs fuhr BASF weltweit seine Produktionskapazitäten bereits um mehr als ein Viertel zurück, legte Anlagen vorübergehend still und zog Wartungsarbeiten vor. In Ludwigshafen hatte der Konzern schon fünf Produktionsanlagen komplett heruntergefahren und angekündigt, ab Mitte April eine von zwei petrochemischen Großanlagen (Steamcrackern) für mehrere Monate abzustellen.

Insgesamt hat BASF in Deutschland bislang an acht Standorten für etwa 3700 Beschäftigte Kurzarbeit eingeführt. Im Stammwerk Ludwigshafen konnte dies aber durch einen flexiblen Einsatz der Beschäftigten an anderen Arbeitsstellen vermieden werden. "Derzeit arbeiten in Ludwigshafen rund 600 Mitarbeiter vorübergehend in anderen Betrieben. Aber wir stoßen jetzt leider an die Grenzen des Machbaren", sagte Vorstand Schwager.

Bosch-Chef droht indirekt mit Kündigungen

Auch der Chef des weltgrößten Autozulieferers Bosch, Franz Fehrenbach, stimmt seine Mitarbeiter wegen der Wirtschaftskrise auf harte Zeiten ein. Er sehe "äußerst schwierige Herausforderungen" auf den weltgrößten Autozulieferer zukommen, sagte Fehrenbach der Mitarbeiterzeitung "Bosch Zünder". Das Stuttgarter Unternehmen sei aber "bestrebt, im Zusammenspiel mit den Arbeitnehmervertretern Entscheidungen mit Augenmaß zu treffen, um Beschäftigung so weit wie möglich zu sichern." Rund 47.000 Mitarbeiter des Konzerns in Deutschland sind in Kurzarbeit oder haben eine verkürzte Wochenarbeitszeit. "Wenn sich abzeichnet, dass es im zweiten Halbjahr keine Bodenbildung gibt, müssen wir den Einsatz der Kurzarbeit überdenken."

Kurzarbeit sei zwar ein sinnvolles, aber auch teures Werkzeug um Mitarbeiter in Deutschland an Bord halten zu können, sagte Fehrenbach. Im Ausland habe Bosch bereits betriebsbedingte Kündigungen in "niedriger vierstelliger Zahl" ausgesprochen, heißt es in der Mitarbeiterzeitung. Betroffen seien Standorte in Australien, Brasilien, Großbritannien, Spanien, Tschechien, Ungarn, der Türkei und den USA. Bosch beschäftigte zu Jahresbeginn weltweit rund 282.000 Mitarbeiter.

Fehrenbach sagte, alle Ausgaben müssten auf das Notwendigste begrenzt werden. "Unsere Liquidität und finanzielle Unabhängigkeit haben höchste Priorität." Erst dies schaffe Spielraum, um neue Produkte und Verfahren erfolgreich zu entwickeln.

Er sehe erste Anzeichen für eine mögliche konjunkturelle Stabilisierung im Laufe des Jahres, sagte der Bosch-Chef. "Die Leitzinsen befinden sich auf einem Tiefstand, die Rohstoffpreise sind gesunken, die Wechselkurse haben sich auf einem vernünftigen Niveau eingependelt, weltweit wurden Konjunkturprogramme aufgelegt." Am 23. April legt Bosch seine Jahresbilanz für 2008 vor.

Deutsche Post beklagt Einbußen zu Jahresbeginn

Optimistisch gibt sich auch Deutsche-Post-Chef Frank Appel, der nicht an eine lang anhaltende Wirtschaftsflaute glaubt. "Das ist eine V-Rezession", sagte Appel am Dienstagabend vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten (IFCW). So schnell es derzeit abwärts gehe, werde die Wirtschaft nach den ersten positiven Signalen auch wieder anziehen. "Was momentan passiert, ist totale Irrationalität."

Im Januar sei das Geschäft noch "signifikant schlechter" gelaufen als Ende vergangenen Jahres, im Februar "nicht besser und nicht schlechter", und im März etwas besser als in den ersten beiden Monaten, bilanzierte Appel das erste Quartal.

Dennoch wappne sich die Post mit Kostensenkungen für widrige Marktbedingungen. "Aber wir müssen das intelligent machen." Für die Paketsparte DHL prüfe die Post weiter Kurzarbeit, punktuell gebe es sie bereits. Im angestammten Briefgeschäft sei sie aber nicht möglich. "Wir sind guter Dinge, dass wir eine Milliarde indirekte Kosten bis Ende des nächsten Jahres sparen können", sieht Appel sein Sparprogramm auf gutem Weg. Großversender wie Quelle sollen unter dem rigideren Kurs der Post aber nicht leiden. "Wir lassen keinen Kunden über die Wupper gehen", versprach Appel.

Staatlichen Hilfen für angeschlagene Firmen steht der ehemalige McKinsey-Unternehmensberater aber kritisch gegenüber: "Eine Krise führt immer zu einer Marktbereinigung."

cte/Reuters/dpa-AFX

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung