Wirtschaftskrise Währungsfonds durchleuchtet US-Finanzsystem

Demütigung für Mr. Dollar: US-Notenbankchef Ben Bernanke muss sich eine Generaluntersuchung durch den Internationalen Währungsfonds gefallen lassen. Das gesamte Finanzsystem des Landes wird auf seine Tauglichkeit überprüft - ein für die USA einmaliger Vorgang.
Von Gabor Steingart

Hamburg - Die US-Notenbank gehört zu Amerika wie Coca-Cola und Pizza Hut, sollte man meinen. Doch in diesen Tagen wird zumindest ein Unterschied augenfällig: Pizza und braune Brause konnten im Zuge der Globalisierung ihren Einflussbereich ausdehnen. Die Macht der US-Notenbank aber schrumpft.

Kein Notenbankchef der amerikanischen Geschichte musste sich derart demütigen lassen wie Ben Bernanke.

Notenbanker Bernanke: George Bush hat der Prüfung zugestimmt. Er weiß: Die Ergebnisse liegen erst nach Ende seiner Amtszeit vor - dann ist der Fed-Chef der alleinige Sündenbock

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Foto: AFP

Zum Teil liegt das an den Umständen: Die Inflation steigt und steigt, wird im Jahresdurchschnitt wohl über vier Prozent liegen. Aber Mr. Dollar ist dieses Mal auch Mr. Machtlos. Er kann die Zinsen im Herbst zwar anheben, er kann aber auch beten, was wahrscheinlich besser wäre. Denn durch Beten wird wenigstens das Wachstum der US-Wirtschaft nicht abgewürgt, was im Falle höherer Zinsen sehr wahrscheinlich ist.

Nach Jahren des Aufschwungs befinden sich die USA am Beginn einer Rezession, die durch eine staatlich verfügte Geldverknappung eher vertieft denn gemildert würde. Investitionen verteuern sich dann automatisch, die Konsumlust wird gedämpft, die Wirtschaft verlangsamt ihr Wachstum, was sofort auf Arbeitslosenzahlen und Löhne durchschlägt.

Laut Lehrbuch steigt dann zwar die Geldwertstabilität, weil sich niemand mehr traut, höhere Löhne oder höhere Preise zu verlangen. Aber im Zeitalter der Globalisierung ist das Lehrbuch der Nationalökonomie nicht mehr viel wert. Die moderne Inflation wird getrieben von der globalen Knappheit der Ressourcen. Es gibt mehr Kaufkraft als Kaufgelegenheiten. Es gibt vor allem zu wenig Öl, zu wenig Rohstoffe und zu wenig Nahrungsmittel, und um dieses Zuwenig streiten viele Akteure und das mit Billionen von Dollar.

Deshalb ist der Preis für ein Barrel Rohöl (159 Liter) von 25 Dollar im Jahr 2002 auf 135 Dollar im Jahr 2008 gestiegen. Deshalb haben sich die Preise für Mais im gleichen Zeitraum verdreifacht und die für Kupfer nahezu verfünffacht.

Rechnet man die in die USA eingeführte Inflation heraus, steht unterm Strich ein kleines Wunder, nämlich annähernde Preisstabilität. Berechnet auf Jahresbasis, steigen die hausgemachten Preise derzeit nur um 2,3 Prozent. Wenn das alles wäre, müsste der Notenbankpräsident nur schläfrig blinzeln wie ein Hofhund. So aber schlägt er wütend an. Er bellt, was seine Aufgabe ist, aber er kann nicht mehr beißen. Denn die Zinspolitik der USA kann an der Güterknappheit nichts ändern.

Peinliche Untersuchungen, Interviews, Stress-Tests

Persönliche Widersacher Bernankes tragen zu seiner Demütigung noch erheblich bei. Früher war der Präsident der Notenbank der Papst unter den Priestern der Geldelite. Doch anders als unter Vorgänger Alan Greenspan stößt Bernankes Politik auf Widerstand, auch innerhalb der Zentralbank.

In dem für die Zinspolitik entscheidenden Gremium der Fed waren die letzten sieben Entscheidungen von einer wachsenden Zahl von Minderheitenvoten begleitet. Bernanke habe mit seiner Politik des billigen Geldes - sprich dauernden Zinssenkungen - das Inflationsproblem erst befördert, das er nun bekämpfen will, sagen seine Gegner.

Ein weiteres Ungemach für Mr. Dollar kommt hinzu, das seine Wirkung erst in einigen Monaten entfalten wird. Offizielle des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben sich bei ihm gemeldet, die etwas Ungeheuerliches im Schilde führen: eine Generaluntersuchung des US-Finanzsystems. Sie können einen Beschluss im Vorstand des IWF vorzeigen, auf dem schwarz auf weiß steht, dass in den USA ein sogenanntes Financial Sector Assessment Program (FSAP) durchgeführt wird. Das ist nichts Geringeres als eine Röntgenaufnahme des gesamten US-Finanzsystems.

Die Notenbank, aber auch die Börsenaufsicht, die großen Investmentbanken, die Immobilienfinanzierer und die Hedgefonds müssen dazu vertrauliche Unterlagen an das IWF-Team herausreichen. In Interviews haben sie Rede und Antwort zu stehen. Ihre Datenbanken will man sogenannten Stress-Tests unterziehen: Es werden Worst-Case-Szenarien durchgespielt, um herauszufinden, wie weitere Milliardenpleiten oder ein fortschreitender Dollarverfall sich auswirken könnten.

Der IWF ist per Satzung verantwortlich für die Überwachung des internationalen Währungssystems. Rund zwei Drittel der IWF-Mitglieder haben diese schmerzhafte Prozedur bereits über sich ergehen lassen – die USA noch nie.

George W. Bush weigerte sich sieben Jahre lang. Auch jetzt war seine Zustimmung im Vorstand des IWF nur mit einer trickreichen Bedingung zu erhalten. Die Untersuchung darf im letzten Amtsjahr von Bush begonnen, aber erst nach seinem Auszug aus dem Weißen Haus beendet werden. Das ist unschön für den Notenbankpräsidenten.

Wenn der Abschlussbericht über die Risiken des US-Finanzsystems vorliegt und weltweit für Aufsehen sorgen dürfte, wird von den heutigen Verantwortlichen nur noch einer im Amt sein: Ben Bernanke.

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