Wirtschaftsnobelpreis für Auktionstheorien Zwei Hammer-Forscher

Früher fiel der Hammer im Auktionshaus, heute vor allem im Internet - Versteigerungen sind alltäglich. Robert Wilson und Paul MiIgrom haben sie verbessert und erhalten dafür den Wirtschaftsnobelpreis.
Forscher Wilson (l.) und Milgrom: "Meine Frau weist darauf hin, dass wir Skischuhe auf Ebay gekauft haben. Ich schätze, das ist eine Auktion"

Forscher Wilson (l.) und Milgrom: "Meine Frau weist darauf hin, dass wir Skischuhe auf Ebay gekauft haben. Ich schätze, das ist eine Auktion"

Foto: ANDREW BRODHEAD / STANFORD / HAN / EPA-EFE / Shutterstock

Genial, aber auch etwas weltfremd - dieser Ruf haftet vielen Empfängern von Nobelpreisen an. Der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Wilson schien keine Ausnahme zu sein, als er kurz nach Bekanntgabe seiner Prämierung zu praktischen Erfahrungen mit seinem Forschungsgegenstand befragt wurde.

"Ich habe möglicherweise noch nie selbst an einer Auktion teilgenommen", bekannte der 83-Jährige lachend. Dann, offenbar nach einer Intervention aus dem Hintergrund, fügte Wilson hinzu: "Meine Frau weist darauf hin, dass wir Skischuhe auf Ebay gekauft haben. Ich schätze, das ist eine Auktion."

Tatsächlich ist es ein lebensnahes Thema, für das Wilson und sein früherer Doktorand Paul Milgrom (72) nun mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt werden, der auch als Wirtschaftsnobelpreis bekannt ist. Das Prinzip von Auktionen kennt schließlich jeder, auch dank des von Wilson erwähnten Internetauktionshauses. Dessen erster Vorläufer wurde bereits 1674 gegründet, und zwar in Stockholm. Dort gab die Schwedische Akademie der Wissenschaften nun auch die Ehrung von Wilson und Milgrom bekannt - und ließ vorab als kleinen Gag einen Auktionshammer niedergehen.

Die Versteigerung von Gemälden bei Sotheby's oder Skischuhen auf Ebay sind jedoch vergleichsweise simple Beispiele für Auktionen. Mittlerweile werden diese auch für deutlich komplexere Güter eingesetzt - etwa CO₂-Zertifikate, Strom oder Anzeigen in Onlinesuchmaschinen. Wilson und Milgrom haben erforscht, wie sich solche Auktionen möglichst effizient organisieren lassen. Dabei interessierte sie sowohl das Verhalten der Bieter als auch der Einfluss, den die Art der Versteigerung auf das Ergebnis hat.

Kampf gegen den Fluch des Gewinners

So gibt es neben der sogenannten englischen Auktion mit steigenden Geboten auch eine niederländische Version, bei der die Preise sinken, bis sich ein Käufer findet. Bei der ersten Variante erhalten Bieter einen Eindruck davon, welchen maximalen Wert ihre Konkurrenten einer Ware zumessen, wenn diese aus dem Wettbieten aussteigen. Diese Informationen fehlen bei der holländischen Auktion komplett. Das erhöht das Risiko, vom sogenannten Fluch des Gewinners (winner’s curse) getroffen zu werden: Ein Bieter stellt nach gewonnener Auktion fest, dass er einen überhöhten Preis gezahlt hat.

Auch Verkäufer haben ein Interesse an gut organisierten Versteigerungen - etwa die US-Regierung. Diese vergab Mobilfunkfrequenzen ursprünglich über einen sogenannten Schönheitswettbewerb: Unternehmen mussten darum werben, eine Lizenz zugeteilt zu bekommen. Dadurch floss viel Geld in Lobbyismus, beim Staat aber kam vergleichsweise wenig an.

Als in den Neunzigerjahren die Zahl der Mobilfunkanbieter rapide wuchs, war das Verfahren nicht mehr praktikabel. Die zuständige Aufsichtsbehörde FCC verlegte sich darauf, die Lizenzen zu verlosen. Das brachte erneut nur überschaubare Einnahmen. Da die Verlosungen auf regionaler Ebene stattfanden, konnten die Betreiber zudem oft nur unterschiedliche Frequenzen in verstreuten Regionen ersteigern - keine Grundlage für einen guten Service.

An dieser Stelle kommen Wilson und Milgrom ins Spiel. Sie entwickelten ein neues Format, die simultane Mehrrundenauktion (Simultaneous Multiple Round Auction, SMRA). Bei dieser werden alle Objekte gleichzeitig mit aufsteigenden Geboten und in mehreren Durchgängen angeboten. Dadurch verringert sich für die Bieter die Unsicherheit und damit die Gefahr, vom Fluch des Gewinners getroffen zu werden.

Wilson und Milgrom hätten bei der FCC "ganz hartes Lobbying" für SMRA gemacht, sagt Justus Haucap , ehemaliger Chef der deutschen Monopolkommission. Mit Erfolg: Im Juli 1994 wandte die FCC erstmals SMRA an. In insgesamt 47 Runden versteigerte sie zehn Lizenzen und nahm insgesamt 617 Millionen US-Dollar ein. Über einen Zeitraum von 20 Jahren brachte das Auktionsformat sogar 120 Milliarden Dollar.

"Wie doof waren wir eigentlich?"

Das habe für Regierungen in aller Welt Signalwirkung gehabt, erinnert sich Haucap, der kurz nach den ersten Versteigerungen an einer Sommerakademie mit Wilson teilnahm. Viele Regierungen hätten sich mit Blick auf ihre Lizenzen gefragt: "Wie doof waren wir eigentlich, dass wir die alle immer umsonst verteilt haben?" Inzwischen haben zahlreiche Länder das Auktionsverfahren erprobt, auch Deutschland.

Hierzulande wurde besonders die Versteigerung von UMTS-Lizenzen im Jahr 2000 bekannt, die dem Staat fast 100 Milliarden D-Mark einbrachte - ein Preis aus der Interneteuphorie der Jahrtausendwende, der sich später als völlig überteuert erwies. Mittlerweile sind die Anbieter vorsichtiger geworden, so brachte die Versteigerung von 5G-Lizenzen im vergangenen Jahr rund 6,5 Milliarden Euro.

Den Auktionsforschern geht es ohnehin nicht nur um Einnahmen, sondern auch um die effiziente Verteilung von Ressourcen. So schlug Wilson angesichts der Coronakrise gemeinsam mit Kollegen einen Ansatz vor , um knappe medizinische Hilfsgüter besser zu verteilen. Geschehen könnte das über eine künstliche Währung - ein Prinzip, das bereits von amerikanischen Lebensmitteltafeln angewendet wird.

Auch wenn Wilson zunächst keine persönlichen Versteigerungserfahrungen einfallen wollten, sind er und sein Co-Preisträger also durchaus praxiserfahren. Ihre Theorien seien "ein hübsches Beispiel dafür, wie Grundlagenforschung in der Folge zu Erfindungen führt, die der Gesellschaft nutzen", lobt die Schwedische Akademie der Wissenschaften. Besonders sei, "dass dieselben Leute die Theorie und ihre praktischen Anwendungen entwickelt haben". Haucap sieht es ähnlich. Milgrom sei zwar ein Theoretiker, sagt er. "Aber mit wahnsinnig hohem praktischem Einfluss."

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