Wirtschaftswachstum 2006 Ökonomen immer optimistischer

Man mag es ja eigentlich gar nicht glauben: Nach Monaten der Schwarzmalerei versprühen immer mehr Volkswirte Optimismus und korrigieren ihre Wachstumsprognosen für das nächste Jahr nach oben. Ganz ungetrübt ist die Freude freilich nicht.


Frankfurt am Main/ Berlin - Das Urteil der sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten war vernichtend: Lediglich 1,2 Prozent Wirtschaftswachstum sagten sie der darbenden deutschen Wirtschaft voraus. Doch wenige Wochen später scheint plötzlich alles anders.

Nach dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) und dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) planen nun noch zwei weitere Forschungseinrichtungen, ihre Wachstumsprognosen für das kommende Jahr zu erhöhen. Das berichtet der "Tagesspiegel" mit Verweis auf Institutskreise. Das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) plant demnach kurz vor Weihnachten eine Anhebung "in ähnlicher Größenordnung wie die anderen Häuser".

Das IfW hatte zuvor seine Prognose von 1,1 Prozent auf 1,5 nach oben korrigiert. Deutschland befinde sich im Aufschwung, erklärten dort die Experten. Die seit dem Frühjahr 2004 andauernde Schwächephase sei überwunden, zu Beginn des nächsten Jahres werde die Konjunktur deutlich an Fahrt gewinnen. Das RWI erhöhte seine Erwartung von 1,4 auf 1,6 Prozent. Die "weiterhin temporeich wachsende Weltwirtschaft, die verbesserte preisliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und einen anhaltenden Investitionsaufschwung", hätten den Ausschlag gegeben für die neue Prognose.

"Etwas zu schüchtern"

Die Annahme aus dem gemeinsamen Herbstgutachten der Institute von 1,2 Prozent Wachstum im nächsten Jahr sei "etwas zu schüchtern" gewesen, hieß es jetzt auch beim HWWA vorsichtig. Bisher hatte sich das HWWA hinsichtlich der Zukunftsaussichten ein besonders schwarzes Bild gemalt: Nur 1,0 Prozent Wachstum trauten sie Deutschland 2006 zu.

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sein in einer ersten Berechnung auf "etwas mehr als 1,5 Prozent Wachstum" gekommen, schreibt das Blatt weiter. Womöglich werde diese Annahme für die endgültige Prognose noch weiter angehoben. Erst gestern hatte der führende Wirtschaftsweise Bert Rürup entgegen früherer Voraussagen der "Fünf Weisen" einen "kleinen Merkel-Aufschwung" für 2006 vorausgesagt.

Das Wirtschaftswachstum werde wohl höher ausfallen, als bisher von den Regierungsberatern angenommen, sagte Rürup. Bislang ging der Sachverständigenrat nur von einem einprozentigen Wachstum aus. Der Sachverständigenrat habe seine pessimistische Prognose jedoch vor dem dritten Quartal und damit auf Basis einer "anderen Geschäftsgrundlage" erstellt.

2007 ist alles vorbei

Ganz ungetrübt ist die Freude freilich nicht. "Die Lage am Arbeitsmarkt verbessert sich nur sehr zögerlich", heißt es in dem Bericht des IfW. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte in diesem Jahr im Schnitt bei 4,80 Millionen liegen, im kommenden Jahr bei 4,61 Millionen und 2007 bei 4,46 Millionen. Noch pessimistischer sehen die Experten vom RWI die Beschäftigungslage: Sie gehen davon aus, dass es im nächsten Jahr durchschnittlich 4,73 Millionen Arbeitslose geben wird. Am Ende dieses Jahres werde der Durchschnitt bei 4,88 Millionen liegen.

Schwach bleibe aller Voraussicht nach auch im nächsten Jahr der private Konsum, erklärten beide Einrichtungen. Vor allem die hohen Energiepreise wirkten sich negativ auf die Kauflust der Verbraucher aus. Das HWWA erklärte außerdem wie viele Ökonomen, die optimistischeren Prognosen für das nächste Jahr erklärten sich dadurch, dass die für 2007 geplante Mehrwertsteuererhöhung zu Vorzieheffekten führe. 2007 sei der Höhenflug schon wieder vorbei.



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