Konjunkturprognose stark gesenkt Wirtschaftsweise erwarten nur noch Wachstum von 1,8 Prozent

Im November rechneten die Wirtschaftsweisen noch mit einem Wachstum von 4,6 Prozent im Jahr 2022. Doch seit dem Krieg in der Ukraine haben sich die Aussichten deutlich verschlechtert.
Frachtcontainer im Hamburger Hafen (Archivfoto)

Frachtcontainer im Hamburger Hafen (Archivfoto)

Foto: Christian Charisius/ picture alliance / dpa

Die »Wirtschaftsweisen« haben wegen der Folgen des Ukrainekriegs ihre Konjunkturprognose für dieses Jahr deutlich nach unten geschraubt. Der Sachverständigenrat erwartet nun nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,8 Prozent. Das teilte das Beratergremium der Bundesregierung in Berlin mit. Für das Jahr 2023 wird ein Plus von 3,6 Prozent vorhergesagt.

Die »Wirtschaftsweisen« hatten im vergangenen November für 2022 noch mit einem Wachstum von 4,6 Prozent gerechnet. Verschiedene Institute hatten ihre Prognose zuletzt bereits nach unten korrigiert. Die Unternehmen werden belastet etwa durch Lieferengpässe und steigende Energiepreise.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dämpfe das Wachstum, trage zum weiteren Anstieg der Energie- und Verbraucherpreise bei und führe zu hoher Unsicherheit, so der Sachverständigenrat. Die Inflation dürfte durch die hohen Energiepreise in diesem Jahr auf 6,1 Prozent steigen und im kommenden Jahr auf 3,4 Prozent zurückgehen.

Risiko einer tiefen Rezession

»Deutschland ist stark von russischen Energielieferungen abhängig. Ein Stopp dieser Lieferungen birgt das Risiko, dass die deutsche Volkswirtschaft in eine tiefere Rezession abrutscht und die Inflation noch stärker zunimmt«, sagte Monika Schnitzer, Mitglied des Gremiums.

Deutschland sollte umgehend alle Hebel in Bewegung setzen, um sich gegen einen Stopp russischer Energielieferungen zu wappnen und die Abhängigkeit von Russland zu beenden. Die Bundesregierung hat am Mittwoch die erste Stufe eines Notfallplans Gas ausgerufen. Russland fordert, dass russische Gaslieferungen nach Westeuropa in Rubel bezahlt werden. Das lehnen Deutschland und andere westliche Staaten ab.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berät die Politik. Die Experten werden umgangssprachlich auch als die »Wirtschaftsweisen« bezeichnet.

Die Ökonomin Veronika Grimm, die ebenfalls dem Sachverständigenrat angehört, hatte bereits zuvor in einem Interview gesagt, dass Deutschland durchaus mit den Folgen eines Gasembargos zurechtkommen könne. »Natürlich wäre ein Embargo für Deutschland mit massiven Einschnitten verbunden«, sagte sie den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. »Es würde eine Rezession auslösen, in der Größenordnung möglicherweise vergleichbar mit der Pandemie«, fuhr sie fort. Der Staat müsste unmittelbare Härten abfedern. »Es wäre also herausfordernd.«

Bei der Schuldenquote »ist noch Spielraum«

Jedoch teile sie die Einschätzung, »dass wir damit zurechtkämen, wenn Putin sprichwörtlich den Hahn zudreht«, sagte sie. Deutschland sei mit 60 Prozent Staatsschuldenquote in die Pandemie gegangen, jetzt seien es etwa 70 Prozent. »Da ist noch Spielraum. Den sollte man nutzen, wenn man glaubt, den Konflikt durch eine Einstellung der Zahlungen an Russland einhegen zu können.« Es sei »strategisch nicht klug, wie bisher einfach zu zahlen«.

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, warnte hingegen vor »dramatischen« wirtschaftlichen Auswirkungen, sollte es zu einem Stopp der gesamten russischen Energielieferungen kommen. In der »Passauer Neuen Presse« verwies er darauf, dass die Wirtschaft die Coronakrise noch nicht bewältigt habe. »Die deutsche Wirtschaft ist momentan fragil, und daher träfe uns ein solcher Schock nun hart.«

Im Fall eines Lieferstopps seien eine Rezession und eine Inflation in Höhe von zehn Prozent denkbar, warnte Fratzscher. »Manche Unternehmen würden ihre Produktion wohl einstellen müssen und mehr Menschen in Kurzarbeit schicken«, sagte er der Zeitung. Konsumenten müssten auf Gewohntes verzichten.

mamk/dpa/AFP
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