Russisch-türkische Wirtschaftsbeziehungen Zwei Autokraten, ein Ziel

Ein Atomkraftwerk, eine Gaspipeline und viele Urlauber für Antalya: Nach dem Ende ihrer Eiszeit reaktivieren Putin und Erdogan mehrere Großprojekte. Das Handelsvolumen soll auf 100 Milliarden Dollar steigen.

AP/ RIA-Novosti/ Presidential Press Service

Von , Moskau


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Ümit Yardim ist seit drei Jahren Botschafter der Türkei in Moskau und hat seitdem eine diplomatische Achterbahnfahrt erlebt: vom umworbenen Partner zum Paria - und wieder zurück.

Zu Yardims Beginn waren die Beziehungen zwischen der Türkei und Russland blendend. Doch Ende 2015 schoss die Türkei einen russischen Kampfjet ab und die Antwort des Kreml war heftig: ein Importstopp für türkische Lebensmittel, eine Art Flugverbot für russische Reiseveranstalter in die Türkei und der Stopp von Großprojekten. Das Moskauer Außenministerium bestellte Yardim ein.

Das scheint alles vergessen, seitdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan einen Beileidsbrief an die Angehörigen des getöteten Piloten verschickte. Am Dienstag treffen sich nun Erdogan und sein russisches Gegenüber Wladimir Putin in Sankt Petersburg. Dabei konzentrieren sie sich betont auf die Zukunft: Sie wollen beraten, wie sie ihren angeschlagenen Volkswirtschaften auf die Sprünge helfen können. Denn der Handel zwischen beiden Ländern war in der politischen Eiszeit um 42 Prozent eingebrochen.

Botschafter Yardim will schnell zurück zum Vorkrisenniveau. 30 Milliarden Dollar Handelsvolumen wie 2014 seien kurzfristig realistisch, hat der Diplomat im Interview mit dem russischen TV-Sender Rossija24 verkündet. Mittelfristig müssten aber 100 Milliarden Dollar das Ziel sein. Das sei "eine würdige Ziffer" für die beiden Länder.

Neue Pipeline, neues Atomkraftwerk

Unterfüttert wird die große Versöhnung durch wiederbelebte Großprojekte. Unmittelbar nach Erdogans Schreiben wurden die Planungen für das eingefrorene Pipeline-Projekt Turkish Stream wieder aufgenommen. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe beider Länder soll das Vorhaben vorantreiben. Putin hatte den Plan 2014 präsentiert, als Ersatz für die am Widerstand der EU-Kommission gescheiterte Pipeline South Stream.

Turkish Stream soll Gas über den Grund des Schwarzen Meeres in die Türkei liefern. Die Türkei ist - nach Deutschland - größter Abnehmer russischen Erdgases. Im Jahr 2015 kaufte Ankara rund 27 Milliarden Kubikmeter Gas in Russland, rund 55 Prozent des türkischen Gesamtverbrauchs.

Die neue Leitung soll zunächst über eine Kapazität von rund 32 Milliarden Kubikmetern verfügen. Der russische Staatskonzern Gazprom hofft, die Leitung Richtung Balkan und Südosteuropa zu verlängern. Moskau will so die Ukraine als Transitland umgehen.

Viele osteuropäische Staaten, aber auch die USA sind gegen Turkish Stream. Das US-Außenministerium hält die Pipeline "für ein politisches Projekt mit zweifelhaftem wirtschaftlichen Wert".

Ein zweites Milliardenprojekt könnte von der Wiederannäherung zwischen Erdogan und Putin profitieren. An der Mittelmeerküste will die Türkei das neue Atomkraftwerk Akkuyu bauen. Der Komplex soll 20 bis 25 Milliarden Dollar kosten und nach Fertigstellung sechs Prozent des türkischen Strombedarfs decken. Bauen und betreiben soll das Kraftwerk eine Tochter des russischen Staatskonzerns Rosatom. Zwischenzeitlich hatte Ankara erwogen, Atomexperten aus der Ukraine mit dem Projekt zu betrauen. Nun will das türkische Energieministerium, dass die Russen noch 2016 mit den Bauarbeiten beginnen.

Abhängig vom Tourismus

Auf türkischer Seite hoffen viele Agrarproduzenten, bald wieder vollen Zugang zum russischen Markt zu bekommen. Moskau hatte Obst- und Gemüse-Einfuhren untersagt. Für die Türkei war das ein schwerer Schlag. Bis zum Abschuss des russischen Kampfjets stammte etwa jede zweite in Russland verzehrte Tomate aus der Türkei. Allein mit Tomatenverkäufen nach Russland erlöste das Land 2015 rund 280 Millionen Dollar.

Am schwersten aber hat die Türkei der russische Urlaubsboykott getroffen. Präsident Putin hatte Ende 2015 russischen Reiseveranstaltern mit einem gewissen Nachdruck empfohlen, auf Charterflüge zu verzichten. Begründung: die schwierige Sicherheitslage. In den vergangenen Wochen haben russische Experten nun türkische Flughäfen und Urlaubsorte in Augenschein genommen. Sie sollen entscheiden, ob für die Sicherheit russischer Urlauber gesorgt ist.

Vor Ausbruch der Krise reisten pro Jahr rund vier Millionen Russen zum Urlaub in die Türkei, mehr als aus jedem anderen Land. In diesem Jahr bisher sind die Buchungen aus Russland aber um 92 Prozent zurückgegangen. Es kommen auch weniger Touristen aus anderen Ländern. So sind etwa die Fluggastzahlen im beliebten Ferienort Antalya um 39 Prozent gesunken.

Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren der Türkei. Die Einnahmen aus dem Reisegeschäft belaufen sich pro Jahr auf rund 30 Milliarden Dollar, das entspricht rund vier Prozent der gesamten türkischen Wirtschaftsleistung.

Doch auch hier macht sich der neue Schmusekurs zwischen Ankara und Moskau schon bemerkbar: Die großen Reiseveranstalter in Russland haben die Türkei schon wieder in ihr Programm aufgenommen: eine Woche Antalya zu zweit für 700 Euro, fünf Tage Kemer all-inclusive für 450 Euro.

Botschafter Yardim drückt es so aus: Alle Seiten "arbeiten mit erhöhtem Tempo" an der Wiederherstellung der guten Beziehungen.

Zusammengefasst: Wladimir Putin empfängt den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Sankt Petersburg. Die türkische Wirtschaft hat stark unter Russlands Strafmaßnahmen nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets gelitten. Nun hofft die Türkei auf neuen Schwung im Handel - und russische Milliardeninvestitionen in ein Pipeline-Projekt und ein Atomkraftwerk.

Video: Massenkundgebung für Erdogan in Istanbul

insgesamt 109 Beiträge
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berndkoch2016 08.08.2016
1. Ein genialer Schachzug von Erdogan und Putin
Ein Schachspieler denkt sofort an die Rochade. Die neue Freundschaft Putin/Erdogan macht Sinn. Denn die Amis werden auch die Diktatur eines Erdogan unterstützen, wenn es um Ihre Interessen am Bosporus geht. Dass sie wegen "Menschenrechten" Ihre Stützpunkte an Putin übergeben, ist kaum denkbar. Für die Freiheit der Türken in der Türkei sehe ich deshalb schwarz. Sie müssen Ihr Problem in jedem Fall selbst lösen. Kein Nato-Mitglied wird ihnen helfen.
hdwinkel 08.08.2016
2. Wirtschaftsbeziehungen
Dafür, daß noch vor Monaten die Gefahr eines Krieges zwischen den beiden Staaten nicht ganz unrealistisch war, kann man die gegenseitige Entspannung nun durchaus begrüßen. Ob ein Kernkraftwerk in einer politisch wie geologisch instabilen Umgebung nun unbedingt sein muß, steht natürlich auf einem anderen Blatt.
warkeinnickmehrfrei 08.08.2016
3. Nur als kleiner Hinweis:
2 Kranke ergeben keinen Gesunden. Rußland kann und wird die türkischen Produkte weder abnehmen noch bezahlen und mit dem Geld von ein paar russischen Touristen ist kein Staat zu machen. Aber darum geht es bei diesem und vorangegangenen Artikel auch gar nicht. Auch hier soll nur die Öffentlichkeit dahin gedreht werden zu akzeptieren, dass man gegen Erdogans Kurs nichts unternehmen will. Um die eigene politische Feigheit zu bemänteln schiebt man nun wirtschaftliche Gründe vor.
ricson 08.08.2016
4.
Da wächst ja zusammen was zusammen gehört. Vielleicht haben wir ja Glück und Putin lässt Europa in Ruhe wenn er jetzt einen neuen Spielkameraden hat. Interessant finde ich besonders, dass es besonders unsere Russlandfreunde waren die Merkel angeblafft haben man solle gefälligst nicht mit einem wie Erdogan verhandeln. Und jetzt das. Was sagt Putin eigentlich zum Zustand des türkischen Rechtsstaates? Vermutlich kann er das kein Problem sehen.
DMenakker 08.08.2016
5.
Vom "neuen" Freund, über Todfeind, dem man nach dem Flugzeugaschuss am besten mit Atomwaffen begegnet, zurück zur telegenen Männerfreundschaft. Stabil ist anders, und was übrig bleibt, wenn die beiden Möchtgern lupenreinen Demokraten mal keine Werbewirksamen Kameras zum Pfötchen schütteln im Umkreis haben steht noch auf einem ganz anderen Blatt Papier. Aber das einzige auf was in der Politik zu 100 % Verlass ist, ist das miese Gedächtnis der Wähler.
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