WM im Supermarkt Fußball-Wahnsinn in der Tiefkühltruhe

Einfache Brötchen und schlichtes Obst sind selten geworden - stattdessen gibt's Klinsibrot, "WM-Fitness-Pusher" oder Fußball-Hühnersuppe. Die Deutschen machen den WM-Wahnsinn an der Ladentheke begeistert mit - und zahlen dafür auch gerne mal mehr. Ein Streifzug durch Berliner Läden.


Berlin - Seit Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft herrscht auch im Supermarkt der Ausnahmezustand. Da beschweren sich Kunden, weil sie am Stammplatz in der Tiefkühltruhe das italienische Auflaufgericht nicht finden - dort liegt nun die WM-Torte. Oder das Lieblingsbier ist aus und die Chips mit dem WM-Logo auch.

Verwirrung herrscht auch an der Bäckereitheke. Die Weltmeisterbrötchen gibt es nicht mehr - oder eigentlich doch: Sie heißen jetzt allerdings Meisterbrötchen, weil die FIFA etwas gegen den alten Namen hatte.

Auch wegen des "Fanikaners" (eigentlich Amerikaner) und des Klinsibrots gibt es Ärger: Das riesige Brot passt nicht in die Tüten und das süße Stückchen ist wegen der Zucker-Flaggen darauf noch fragiler als sonst und kommt deshalb zu Hause völlig zerbröselt an.

Doch der deutsche Verbraucher macht den Fußball-Wahnsinn im Lebensmittelgeschäft überraschend willig mit. Seitdem die Kicker auf dem Rasen unterwegs sind, müssen die Regale ständig aufgefüllt werden, erklärt Marktleiterin Elke Heilmann. Die Eis-Fankurve, die schwarz-rot-gold gestreuselten Fußballküsse, Fan-Packungen in vielfachen Variationen (schokoladig oder salzig) sind schon wieder weg. Selbst die Fußball-Hühnersuppe scheint zu schmecken, und viele Mütter backen willig mit der Fertigmischung eine Fußball-"Tooorte".

200 bis 250 Lebensmittel und Getränke, die irgendwie mit dem Spiel auf dem Rasen werben, werden in manchen Märkten verkauft - mit dem entsprechenden WM-Preisaufschlag. Die originelle Verpackung kann schon mal eine 40-prozentige Preissteigerung nach sich ziehen.

"Ich bin ein Volltreffer"

Nicht nur im Supermarkt sind die Verkäufer zufrieden. Auch die Vertreiber von Fanartikeln haben eigentlich nur ein Problem: Nachschub besorgen. In einem der großen Berliner Sporthäuser herrscht dort, wo eigentlich laut Etikett die Deutschlandfähnchen und Tröten hingehören, schon am vierten WM-Tag gähnende Leere im Regal. "Ausverkauft", sagt der Chef des Ladens bedauernd. "Und nicht nur in Berlin. Auch bundesweit in unseren anderen Läden sind fast alle weg." Nur noch die riesigen Fahnen sind vereinzelt da, doch die eignen sich nicht zur Verzierung des Autos.

Auch die WM-T-Shirts sind Verkaufsschlager. "Bundestrainer" und "Torjäger" für die Jungs; "Ich bin ein Renner" und "Ich bin ein Volltreffer" auf rosa, türkisen oder kanariengelben Shirts für die weiblichen Fans. Nur bei den Original-Mannschafts-Trikots halten sich die Fans noch etwas zurück: "Im Schnitt um die 65 Euro - da warten viele doch noch etwas ab, denn sie hoffen, dass die Trikots billiger werden gegen Ende der WM", sagt ein Sportfachverkäufer, der mit einem Deutschland-Hemd Reklame läuft. Allerdings gibt es auch da Ausnahmen: "Ich hatte hier zwei japanische Kunden, die sich alle Trikots aus ihrer Gruppe gekauft haben, also das australische, brasilianische, kroatische. Und zusätzlich noch das deutsche. Das waren Sammler."

Patriotismus ist das Thema in der Bio-Metzgerei. Ob er nicht ein bisschen übertreibe mit seiner deutschen Ballwurst "Teamgeist", wird der Chef gefragt. Das, so erklärt der sogleich der verblüfften Kundin, "ist mein Beitrag zur Völkerverständigung". Nichts erklären muss der Florist, der Blumengestecke in Nationalfarben mit und ohne WM-Maskottchen Goleo in einem Rasenfußballschuh verkauft - die Treter sind der Renner.

Gegen das erste Schwächeln und Fitnessprobleme hat sich auch der Gemüseladen etwas einfallen lassen: Er machte aus dem simplen Obstkorb den "WM-Fitness-Pusher". Wobei die deutsche Version mit Äpfeln, Bananen und Erdbeeren anderes Obst enthält als etwa die argentinische oder die englische Variante. Der Händler hat sich gut vorbereitet: "Ich habe vorher gelesen, was für ein Lieblingsobst die haben. Und das ist dann da auch drin", sagt er.

Bianka Schreiber-Rietig, AP



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