WM-Proteste Nadelstiche gegen die Sponsoren

Drei Milliarden Menschen am Fernseher, Millionen Besucher, Tausende Journalisten aus aller Welt – die Fußball-WM ist für Sponsoren wie Adidas und Coca-Cola Chance und Risiko zugleich. Denn Protestgruppen wollen öffentlich zum Boykott der Konzerne aufrufen.

Von Hendrik Ankenbrand


Hamburg - "Näherinnen schuften in China", steht auf dem Stoffdrachen, den Studenten in ein Kölner Kaufhaus für Sportartikel geschmuggelt haben. Sie stehen hinter den Ständern mit Fußball-Trikots und rufen "Keine Pausen" und "Überstunden". Weitere Mitstreiter pinnen Handzettel auf die Etiketten der Trikots und Fußballhosen: "Hergestellt im rechtsfreien Raum. 100 Prozent Ausbeutung."

Adidas: "Fakten auf Vorwürfe"
DDP

Adidas: "Fakten auf Vorwürfe"

Dann setzen bullige Bodyguards die Demonstranten vor die Tür. Das bestellte Fernsehteam filmt, Reporter machen Notizen. "Gelbe Karte für Adidas & Co." titelt später eine überregionale Zeitung.

Das war vor zwei Jahren. Maik Pflaum erinnert sich gerne an den aus seiner Sicht "gelungenen" Nachmittag. Die Fußball-Europameisterschaft in Portugal lief gerade mal zwei Tage - da hatte der Sprecher der "Kampagne für saubere Kleidung" seinen kleinen Sieg errungen.

Dieses Jahr zur WM haben sich Pflaum, die Gruppe Attac und andere Globalisierungskritiker mehr vorgenommen. Denn 2006 haben auch sie ein Heimspiel. Drei Milliarden Menschen werden Schätzungen zufolge die Spiele live am Bildschirm verfolgen, Millionen Touristen und unzählige Journalisten in die deutschen WM-Städte strömen.

Wenn die ganze Welt hinschaut, so das Kalkül der Kritiker, sind Konzerne mit Vorwürfen wie "Ausbeutung" und "Umweltverschmutzung" leichter in Bedrängnis zu bringen – und die eigenen Forderungen gelangen schneller in die Schlagzeilen. Plaum sagt: "Für unsere Arbeit ist das Turnier ein Traum."

Adidas: Vorwürfe ungerecht

Eigentlich müsste das auch für die Arbeit von Jan Runau gelten. Der PR-Mann leitet die Kommunikationsabteilung von Adidas Chart zeigen, Europas größtem Sportartikelhersteller und einer der Hauptsponsoren der Weltmeisterschaft. Geschätzte 40 Millionen Euro zahlt Adidas für das Recht, das Turnier mit seinen drei Streifen zu schmücken – und das soll sich auszahlen: Mit Hilfe des WM-Fiebers wollen die Herzogenauracher dieses Jahr Fußballprodukte im Wert von 1,2 Milliarden Euro verkaufen, davon alleine 15 Millionen mal den WM-Ball mit dem Namen "Teamgeist".

Runau nennt die Vorwürfe der Kritiker "ungerecht". Er verweist darauf, dass Adidas-Chef Herbert Hainer mit dem Preis des "Öko-Managers des Jahres 2005" ausgezeichnet wurde. Die Vorwürfe kämen von Minderheiten - dem Konzern werde ansonsten inzwischen auch von früheren Kritikern ein vorbildliches Engagement für seine Produktionsstandorte bescheinigt.

Davon lässt sich die "Kampagne" nicht beeindrucken. Adidas biete sich aufgrund der Markenbekanntheit und der Rolle als WM-Hauptsponsor für Protest geradezu an, findet sie. Aktivist Pflaum stellte Konzernchef Herbert Hainer erst am vergangenen Donnerstag auf der Adidas-Hauptversammlung in seiner Rede ein "Armutszeugnis" aus. Währenddessen demonstrierten vor der Halle in Fürth rund 100 "Kampagnen"-Mitglieder in knallroter Kleidung – und schafften es prompt auf die Wirtschaftsseiten der Tageszeitungen.

Riesen-Sporttrikot "made in Hell"

Damit dieser Erfolg während der WM wiederholt werden kann, kündigt die "Kampagne" auf ihrer Internetseite Propaganda-Material an: etwa das "Riesen Sport-Trikot" von zwei Metern Höhe, "mobil und selbstaufblasend (Batteriebetrieb)", das mit der Aufschrift "Made in Hell" die Vorwürfe an die Textilindustrie in gebotenem Umfang darstellen soll. Kurz vor und während der WM sollen weitere Proteste die Konzerne ärgern, eine Pressekonferenz für die mediale Unterstützung sorgen.

Neben Adidas soll auch der weitere Hauptsponsor Coca-Cola während der Weltmeisterschaft die Nadelstiche der Aktivisten zu spüren bekommen. Der Weltkonzern steht seit Jahren bei linksgerichteten Gruppen in der Kritik. Zuletzt wurde ihm vorgeworfen, dass örtliche Abfüllunternehmer in Kolumbien Todesschwadrone angeheuert hätten, um Gewerkschaftler unter massiven Druck zu setzen. Infolge der Vorwürfe hatten einige Universitäten in den USA und Kanada im Frühjahr einen Boykott von Coca-Cola-Produkten beschlossen.

Coca-Cola selbst geht mittlerweile in die Offensive. Als Gegenstück zur Seite www.killercoke.org hat der Konzern die Seite www.cokefacts.org eingerichtet. Dort verweist Coca-Cola auf das Eingreifen der unabhängigen Internationalen Arbeitsagentur (ILO), die nun die Arbeitsbedingungen der kolumbianischen Arbeiter untersuchen will. Coca-Cola bemühe sich darum, die Rechte und Sicherheit seiner Arbeiter sicherzustellen, heißt es dort außerdem.

Die Globalisierungskritiker von Attac wollen trotzdem dafür sorgen, dass der Anti-Coke-Protest zur WM nach Deutschland hinüberschwappt. Am vergangenen Samstag wurden die Pläne für das Projekt "Coca-Cola Boykott" festgezurrt. "Anderen Fans verklickern, keine Cola mehr zu kaufen" lautet das Motto. Zahlreiche Demonstrationen sind geplant, Details sind geheim.

"Durchsichtige Protest-Motive im WM-Jahr"

Der Getränkeriese, der mit Coca-Cola die wertvollste Marke der Welt besitzt, ist sich des Risikos durchaus bewusst, das von möglichen Protesten bei der WM ausgeht: "Jede globale Marke muss damit rechnen, dass sie überall auf der Welt für Vorgänge verantwortlich gemacht werden kann, für die sie nicht verantwortlich ist", sagte Pablo Largacha, Public-Affairs-Manager der Konzernzentrale kürzlich in einem Interview mit der Fachzeitschrift "werben & verkaufen". Die Mitarbeiter in Deutschland seien vor der WM dementsprechend geschult worden.

Vor allem will man auf die Taktik "Fakten auf Vorwürfe" setzen, die auch Adidas zu seiner Verteidigungsstrategie ausbauen will: Man habe ein reines Gewissen und sehe für großangelegte Gegenoffensiven schlicht keinen Anlass, sagt Runau - man werde auf der Website die Vorwürfe Punkt für Punkt widerlegen. 

Klar sei aber auch, dass die Ziele der Aktivisten "im Grundsatz richtig" seien, fügt der Adidas-Sprecher hinzu. Man habe dafür Verständnis. Dass aber ausgerechnet Adidas als Zielscheibe des Protestes ausgewählt wurde, sei von "durchsichtigen Motiven" geprägt, glaubt Runau. "Ausgerechnet im WM-Jahr."



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