WM-TV-Rechte Kirchs Eigentor

Haben ARD und ZDF Leo Kirch beim geplatzen Deal um die WM-Fernsehrechte ausgepokert? Experten glauben inzwischen, dass der Medienunternehmer bei der Vergabe der Lizenzen an den Öffentlich-Rechtlichen nicht vorbeikommt.

Von Rüdiger Ditz


Schlechtere Verhandlungsposition: Leo Kirch
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Schlechtere Verhandlungsposition: Leo Kirch

Hamburg - "Man kann schon sagen, dass Kirch ein Eigentor geschossen hat", urteilt Medienexperte Roland Pfänder von der BHF-Bank. Der geplatzte Deal über die Fernsehrechte für die Fußballweltmeisterschaften 2002 in Japan und Südkorea und 2006 in Deutschland mit ARD und ZDF setze die KirchGruppe (Premiere World, Sat.1, Pro Sieben, DSF, Kabel 1) unter Druck. "Die Verhandlungsposition in anderen Ländern ist erheblich schlechter geworden", sagte Pfänder zu SPIEGEL ONLINE.

Bislang, so räumte Kirch-Vize Dieter Hahn ein, gebe es lediglich mit den spanischen Sendern Antena 3 (Free-TV) und Via Digital (Pay-TV) einen Vertragsabschluss über 180 Millionen Dollar für die WM 2002. Dazu noch mit Polen und einer Reihe anderer kleiner Länder Europas.

Frankreich und Italien spielen auf Zeit

Französische und italienische Sender spielen dagegen auf Zeit, "schließlich findet das Turnier erst in anderthalb Jahren statt", bemerkte ein Sprecher des italienischen Fußballverbands (FIGC). Prekärer noch ist die Lage in England. Kirch hat eine Klage gegen die EU laufen, weil die Kommission den Briten zugestanden hat, alle Spiele der Fernost-WM im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu übertragen.

Pfänder unkt: "Man sieht, wie schwierig die Verhandlungen geworden sind, nachdem die Preise so hochgejubelt wurden." Doch nicht nur im Ausland drohen Kirchs Blütenträume zum Alptraum zu werden. Allein für die deutschen Free-TV-Rechte für die WM 2002 verlangt Kirch das Vierfache der Summe, die 1998 bezahlt werden musste. Wo sollen die 750 Millionen Mark herkommen, die das Unternehmen hier zu Lande für die Rechte 2002 und 2006 einnehmen wollte?

Linke Tasche, rechte Tasche?

Die schlechteste Lösung wäre nach Einschätzung von Experten der Verkauf an die eigenen Free-TV-Sender Sat.1, DSF oder Pro Sieben. Die Erlöse würden nur nach dem Prinzip "linke Tasche, rechte Tasche" im Konzern herumgeschoben. Wie viel Mehrwert Werbung einspielt, ist unabsehbar.

Auch mit RTL lässt sich der Deal nicht so ohne Weiteres machen. "RTL ist der Hauptkonkurrent von Kirch im Free-TV. Warum sollte die Sendergruppe die gigantische Summe dem Wettbewerber in die Taschen schieben?", fragt sich Pfänder. Oder wie es RTL-Chef Hans Mahr mit Blick auf die öffentlich-rechtliche Werbekampagne stichelte: "Wir schauen uns das Ganze aus der ersten Reihe Mitte an." Weil er keine inländische Konkurrenz fürchten muss, hofft er offenbar auf ein Schnäppchenangebot von Kirch.

Doch hat RTL wirklich die öffentlich-rechtlichen Sender auf die hinteren Plätze verwiesen? Der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen rechnet offenbar mit einer zweiten Halbzeit im Verhandlungspoker. Und womöglich sogar mit einem günstigeren Angebot. "Das Leben schlägt oft seltsame Wege ein, warum sollte also alles vorbei sein? Warten wir ab, was auf der Kirch-Seite passiert; die werden jetzt erst mal ihr Dream-Team zusammenstellen", passte er im SPIEGEL-ONLINE-Interview den Ball zum früheren Verhandlungspartner.

"Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen", sagt auch BHF-Mann Pfänder. Das gelte für beide Seiten: "Kirch kann, um im Bild zu bleiben, den Ball aus dem eigenen Tor holen und von vorn anfangen. Das Spiel ist noch nicht beendet."



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