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OSTRANDEL Wo was läuft

Dscherman Gwischiani, Schwiegersohn des Sowjet-Premiers Alexej Kossygin, kam in die Bundesrepublik. Unter Westdeutschlands Industriellen verbreitete er Hochstimmung.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Der Mercedes 600 Pullman rollte neben die planmäßige PanAm-Maschine aus Berlin. Ein graumelierter, elegant gekleideter Herr kam die Gangway herab und verschwand im Wagen.

»Ohne besonderes Tamtam« so Rußland-Liebhaber Ernst Wolf Mommsen, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, landete am Dienstag vorletzter Woche einer der bedeutendsten Sowjet-Funktionäre auf dem Köln-Bonner Flughafen: Dscherman Gwischiani, stellvertretender Vorsitzender des Staatskomitees für Wissenschaft und Technik und Schwiegersohn des russischen Ministerpräsidenten Kossygin, reiste erstmals in die Bundesrepublik.

Obgleich als stellvertretender Leiter jener Sowjetbehörde, die sämtliche Forschungs- und Entwicklungsergebnisse der Welt auf ihre Anwendbarkeit auswertet, ständig im westlichen Ausland unterwegs. hatte der schnauzbärtige Georgier bislang ·die westdeutschen Techniker geschnitten. »Weil die Atmosphäre nun aber besser geworden ist«. so vertraute er Freunden an, besuchte er Wissenschaftsminister Hans Leussink und -- in einer sechstägigen Gewalttour -- fast sämtliche Konzernbosse, die im Osten Geschäfte machen.

Nach der Moskau-Visite Leussinks im vergangenen Herbst und den Rußland-Reisen westdeutscher Industrieller im Januar und Juni bekundeten die Sowjets damit auch ihrerseits Interesse an neuen Geschäftskontakten mit Bonn. Denn, verriet Mommsen, »diese Herren besuchen nur Unternehmen, wo was läuft«.

Gwischiani, 48, habilitiert (Thema: »Kritik an der amerikanischen Organisations- und Managementtheorie") und verheiratet mit der Historikerin Ljudmila geb. Kossygina, verhieß denn auch, wo immer er auftrat, wachsende Zusammenarbeit zwischen bundesdeutschen Kapitalisten und sowjetischen Staatsbetrieben. Der gewandte und gutaussehende Schwiegersohn des Premiers (Siemens-Vorstand Paul Dax: »Bei ihm fühle ich mich positiv befangen") ver

* Am Tisch von links: Siemens-Direktor Helmut Hoffmann, Siemens-Vorstand Paul Dax, Gwischiani, Sowjetbotschafter Walentin Falin. Im Hintergrund: Elias Gordejewskaja, Sachbearbeiterin für die Bundesrepublik im Komitee für Wissenschaft und Technik.

breitete -- nach den geplatzten Milliarden-Aufträgen vergangener Monate -- erneut Hochstimmung unter Westdeutschlands Industriemanagern.

Gleich am ersten Tag bemühte sich Ost-Sprecher Otto Wolff von Amerongen, dem hochgestellten Sowjet-Funktionär die Ruhr-Prominenz vorzustellen: Etwa 40 Bosse und Direktoren -- von Mannesmann-Chef Egon Overbeck bis Deutsch-Bankier Franz Heinrich Ulrich -- konferierten mit Gwischiani über mögliche Entwicklungsgemeinschaften der Deutschen und der Sowjets. Nicht mit von der Partie war lediglich Krupp-Manager Berthold Beitz. der sich einen Sondertermin in Essen hatte geben lassen.

In Düsseldorf, Frankfurt und München unterzeichnete der sowjetische Atheist (am Heiligen Abend geboren) dann bereits drei Abkommen über wissenschaftlich-technische Kooperationen: mit Henkel, Hoechst und mit Siemens. Während die Chemiker und Elektrotechniker eine »Rahmenvereinbarung« über künftige Expertengespräche abschlossen, kontrahierten die rheinischen Weißmacher sogar schon einen spezifizierten Vertrag über gemeinsame Forschungsarbeiten für Waschpulver, Pflegemittel und Klebstoffe.

Das Geschäftsinteresse der Deutschen beruhte dabei auf der Hoffnung -- so Peter Metzenthin, Ostverkäufer der BASF, die gleichfalls mit baldigem Vertragsabschluß rechnen -, »daß in der Sowjet-Union ein Wissen schlummert, das bei uns noch nicht veröffentlicht ist«. Sie erwarteten außerdem, so Siemens-Vorstand Dax, »eine gewisse Patronanz in Moskau« bei künftigen Verkaufsgesprächen.

Gwischiani ließ sich in der Pullman-Limousine von Konzern zu Konzern jagen: Nach der Vertragsunterschrift bei Hoechst-Boß Rolf Sammet tagte er in Ludwigshafen mit dem BASF-Vorstand und anschließend wieder in Frankfurt mit AEG-Chef Hans Groebe. Jürgen Ponto, Sprecher der Dresdner Bank, hatte noch am gleichen Abend -- vergebens -- auf einen Termin gehofft.

Bei Linde in München räumte der Wissenschafts-Funktionär sogar »die alte Verbitterung« (Linde-Prokurist Günter Groß) über den geplatzten Auftrag vom vergangenen Dezember aus (siehe SPIEGEL 53/1970); selbst bei Daimler-Benz in Stuttgart -- das sich im letzten Jahr Hoffnungen auf einen Zwei-Milliarden-Auftrag zum Bau eines Lkw-Werks gemacht hatte -- erweckte er neue Geschäftserwartungen.

Bei seinem Frankfurter Freund, dem Osthändler Franz-Josef Gattys, wollte Westkenner Gwischiani wenigstens ein -- mal auch mit westdeutschen Jugendlichen diskutieren. Doch Vater Gattys griff ein -- seinen 17 und 19 Jahre alten Kindern ließ er vorher die Haare schneiden.

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