Wodka-Groteske Wie Moskovskaya entrussifiziert wurde

Die Importeure des Wodka-Klassikers Moskovskaya dürfen künftig nicht mehr mit dem Zusatz "echt russisch" werben - das ist das Ergebnis eines juristischen Gefechts um Macht, Marken und PR. Mit dem Verfahren in Hamburg haben die teils gewalttätigen russischen Wodka-Kriege Deutschland erfasst.

Hamburg - "Echt russischer Wodka" steht bisher auf den Flaschen der bekannten Wodka-Sorte - und außerdem "destilliert in Russland". Diese und andere Werbehinweise müssen laut einem Vergleich, der am Dienstag vor dem Hamburger Landgericht geschlossen wurde, nach einer Übergangsfrist verschwinden, weil sie irreführend seien. Denn tatsächlich wird der für Deutschland bestimmte Alkohol mit dem Namen der russischen Hauptstadt inzwischen in der lettischen Kapitale Riga abgefüllt - anscheinend unter bemerkenswerten Umständen.

Geklagt hatte die von Russen gegründete Hamburger Dovgan GmbH, die offenbar enge Kontakte zum staatlichen russischen Wodka-Handelsunternehmen Sojusplodoimport unterhält. Die beklagte Importfirma Simex, die Moskovskaya seit Jahrzehnten nach Deutschland einführt, muss sich nun bis spätestens Ende März 2003 neue Etiketten zulegen, darf aber den Markennahmen weiter benutzen. Auf der Rückseite der Flaschen soll künftig klar auf den Abfüllort Riga hingewiesen werden.

Trickgeschäfte und Schattenmänner

Mit dem Verfahren wurde Hamburg zum Nebenschauplatz der russischen "Wodka-Kriege", die in der Vergangenheit zum Teil von schwer bewaffneten Privatarmeen umstrittener Mogule ausgetragen wurden. Diese Gefechte um Russlands kostbares "Wässerchen" sind auch Schuld daran, dass die russischen und die internationalen Rechte an der Marke Moskovskaya bei unterschiedlichen, verfeindeten Unternehmen liegen.

Die Handelsgesellschaft Sojusplodoimport, die traditionell die Markenrechte besaß, war 1992 unter die Kontrolle des Magnaten Jurij Schefler geraten. Wenige Jahre später verkaufte Schefler die realistischerweise wohl weitaus wertvolleren Marken für 300.000 Dollar an sich selbst - nach Meinung vieler ein eklatantes Beispiel für die Selbstbedienungs-Privatisierung der Jelzin-Ära. So landeten die Rechte an Moskovskaya, Stolichnaya und anderen Wodka-Sorten schließlich bei Scheflers neuem Unternehmen, das sich - absichtlich ähnlich - Sojusplodimport (SPI) nannte.

Der Wodka-Durst des asketischen Staatschefs

Diese umstrittene Transaktion ist innerhalb Russlands inzwischen zurückgedreht worden. Das staatliche Patentamt, das die zuvor beispiellose und international umstrittene Renationalisierung der Markenrechte betrieb, folgte damit wohl auch dem Wunsch des Präsidenten Wladimir Putin - er spekuliert offenbar auf hohe Einnahmen aus dem Alkohol-Geschäft. Die Rechte an 17 Wodka-Marken wurden so auf die ursprüngliche, wieder hergesellte Firma Sojusplodoimport zurückübertragen. Sie wird inzwischen von Wladimir Loginow geführt, einem ehemaligen Mitarbeiter des Agrarministeriums.

Allerdings hält die laut Medienberichten weiter von Schefler dominierte SPI immer noch die internationalen Rechte an Moskovskaya und anderen Marken.

Schizophrenie und Verschwörung

Russische Zeitungen wie die "Moscow Times" werteten das Hamburger Verfahren als ersten Versuch, die Markenrecht-Schizophrenie zu beenden. Hinter der Dovgan GmbH als Kläger stecke offenbar Loginow und damit mittelbar der russische Staat. Dafür spricht, dass ein stellvertretender Geschäftsführer der staatlichen Sojusplodoimport sich die Mühe machte, persönlich nach Hamburg zu reisen. Nach der Deutung der russischen Presse ging es in dem Verfahren nur scheinbar um Fragen der Etikettierung und faktisch darum, Scheflers deutschem Importeur Simex den Vertrieb von Moskovskaya abzujagen. Auch das "Handelsblatt" spekulierte, Dovgan würde Moskovskaya am liebsten selbst importieren. Simex' Stellung als Alleinimporteur ist juristisch aber offenbar nur schwer zu erschüttern.

Auch der Simex-Anwalt ließ indes durchblicken, dass er weiter gehende Absichten hinter der Klage vermutet. Zweck sei es offenbar, Simex durch rechtliche Angriffe zu bewegen, den Wodka künftig von Brennereien zu beziehen, die mit der offiziellen Sojusplodoimport kooperieren. Das ist bisher nicht der Fall, denn Scheflers SPI betreibt nach Angaben auf ihrer Internet-Seite weiter eine eigene Destillerie in Kaliningrad, die zu den größten Russlands gehören soll.

Warum Moskovskaya zweimal abgefüllt wird

Die offiziellen russischen Stellen haben den deutschen Moskovskaya-Importeure schon früher zu Rückzugsgefechten gezwungen. Bis zum Jahresbeginn nämlich wurde für Deutschland bestimmter Moskovskya nicht nur in Kaliningrad gebrannt, sondern direkt von dort importiert. Weil SPI die innerrussischen Markenrechte verloren hatte, beschlagnahmte der Zoll im Februar Wodka im Wert von 40 Millionen Dollar. SPI verlagerte die Abfüllung daraufhin nach Riga.

Daran, dass Moskovskaya immer noch russischer Wodka sei, bestehe trotzdem kein Zweifel, beteuerte der Anwalt des deutschen Importeurs. Denn der Alkohol werde weiter im früheren Königsberg gebrannt und trinkfertig exportiert. Damit er vom russischen Zoll nicht konfisziert werden könne, müsse er allerdings unter der nicht geschützten Marke Kaliningradskaya in Tanks und Flaschen über die Grenze geschafft werden. In der Rigaer Abfüllstation angekommen, werde der Wodka sodann ausgekippt und in neue Flaschen mit der Aufschrift Moskovskaya umgefüllt.

Der Anwalt der Klägerfirma deutete an, dass er dieser Schilderung nicht recht Glauben schenken mag. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass der für Deutschland bestimmte Moskovskaya-Wodka gar nicht mehr aus Russland stamme, obwohl Simex das weiterhin behauptete. Falls sich dieser Verdacht erhärten sollte - dann könnten die russischen Wodka-Kriege noch zu weiteren Rechtsscharmützeln auf deutschem Boden führen.