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Woher sie auch kommen mögen

aus DER SPIEGEL 29/1949

Baron v. Payrebrune schwang auf urbayrische Art eine Kuhglocke und bat um Ruhe. Dann eröffnete er die Protestkundgebung der »Interessengemeinschaft aller am Fremdenverkehr beteiligten Gewerbe« in Tegernsee. 4S Stunden später wurde der bayrische Staat einmütig aufgefordert, sofort ein Staatssekretariat für den Fremdenverkehr zu schaffen.

Eine Woche vorher hatten sich bereits einige Hoteliers aus dem Tegernseer Tal zusammengesetzt, um über die »Katastrophe des bayrischen Fremdenverkehrs« zu diskutieren. 1939 hatten sie noch einen Umsatz von 27 Millionen Reichsmark verbuchen können. Für die diesjährige Saison rechnen sie mit mageren 1,8 Millionen.

Mit gelben Plakaten forderten die Katastrophenbetroffenen alle Kollegen aus dem bayrischen Oberland zur Teilnahme an ihrer Protestaktion auf. An die maßgebenden und zuständigen Behördenvertreter ergingen schriftliche Einladungen. Punkt sechs der Tagesordnung war besonders fett gedruckt: »Wir wollen frei bleiben von den Streitigkeiten zwischen Nord und Süd!«

Dieses Gelöbnis hatte 900 Besucher angelockt, auch solche die mit dem Bettenvermieten direkt nichts zu tun haben: Flüchtlinge, Evakuierte, Bayernparteiler, Presseleute aus dem Norden und den bayrischen Rundfunk. Der große Saal des Tegernseer »Sommerkeller« war bis auf den letzten Stehplatz gefüllt.

»Das beste diesjährige Sommergeschäft haben wir am heutigen Abend zu verzeichnen«, überschaute der vorsitzende Baron die schwitzende Versammlung. Anschließend erklärte er in aller Oeffentlichkeit, die Protestkundgebung habe einzig und allein den Zweck, Erholungsuchende nach dem schönen Alpenland zu bringen: »Woher sie auch kommen mögen.«

Parkhotelier Brenner aus Bad Wiessee setzte - mit der Grammatik ringend - die Reichsbahn auf die Anklagebank. Früher habe die ermäßigte Ferienkarte Hamburg - Tegernsee RM 38 gekostet. Heute »begnüge« sich die fahrgastarme Bahn mit 114 DM. Daß aber für 200 DM ein Gast 14 Tage in Tegernsee leben könne, war selbst seinen Kollegen vom Fach noch unbekannt. Sie lachten lauthals.

»Wir fordern für den Erholungsreisenden die gleichen Vergünstigungen seitens der Bahn, wie sie den Reisebüros eingeräumt werden! Und wir verlangen die Verlängerung der Sonntags-Rückfahrkarten von Samstag Null Uhr bis Montag 24 Uhr«, rief Brenner in den Saal: »Wer dieser Forderung zustimmt, antworte mir mit einem kräftigen Bravo!« Es bravote wunschgemäß aus allen Ecken.

Der Verständigung zwischen Nord und Süd war der letzte Punkt der Tagesordnung gewidmet. »Was nützt uns unser Kampf um die Wiedergesundung des bayrischen Fremdenverkehrs, wenn uns politische Parteien unsere norddeutschen Gäste vertreiben?« fragten die Bettenvermieter erbittert.

»Ich protestiere!« schrie Dr. Falkner, Generalsekretär der Bayernpartei. »Sie haben meine Partei angegriffen! Der Fremdenverkehr ist für Bayern eine ebenso wichtige Industrie wie etwa Eisen- und Hüttenwerke für Nordrhein-Westfalen.« Der Bayernpartei, beteuerte Dr. Falkner, sei jeder Nichtbayer als Gast herzlich willkommen.

»Wir wollen frei bleiben von allen Streitigkeiten«, verwies Versammlungsleiter Baron von Payrebrune beschwichtigend auf Punkt 6 der Protest-Tagesordnung, als es dem Generalsekretär ans Leder gehen sollte. Für die »Interessengemeinschaft« formulierte er: »Wir distanzieren uns von den Machenschaften einzelner politischer Parteien«.

In Westdeutschland sei Bayern der Kampf angesagt worden, wußten einige Pensionswirte zu berichten. So würde in Hamburger Reisebüros den Erholungssuchenden erklärt, Bayern sei belegt. In Hannover versuche man durch Flüsterpropaganda die Ferienreisenden von ihrer Bayernfahrt abzubringen. Und in Dortmund und Wiesbaden forderten Plakate die Reiselustigen auf, Bayern zu meiden.

»Das ist eine Lüge!« rief der hemdsärmelige Stadtrat Hochreiter um 00.30 Uhr in den frühen Morgen. »Wenn mir einer ein solches Plakat bringen kann, darf er auf meine Kosten nach dem Westen reisen. Ich weiß genau, daß das nicht stimmt. Schließlich bin ich kein Lump, sondern Stadtrat von Bad Reichenhall!«

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