Flucht vor teuren Mieten Cottbus statt Berlin

Die Mietpreise in deutschen Großstädten sind auch im zweiten Coronajahr fast ungebremst gestiegen. Experten machen Wohnungssuchenden wenig Hoffnung auf Besserung, empfehlen aber Ausweichmöglichkeiten.
Wohnhaus und Einkaufszentrum in Cottbus: Alternative zu Berlin?

Wohnhaus und Einkaufszentrum in Cottbus: Alternative zu Berlin?

Foto: AXEL SCHMIDT/ REUTERS

Berlin bleibt ein Eldorado für Vermieter. Wer dort eine Wohnung zu vergeben hat, kann sich sogar mit einem handgeschriebenen Zettel am Schwarzen Brett des örtlichen Supermarkts behelfen, um genügend Kandidaten zu finden. Etwas mehr Aufwand – zum Beispiel ein Inserat in einem der großen Immobilienportale, führt schnell zu einer Flut von Bewerbern. Die Statistiker von ImmoScout24 haben für das vergangene Jahr durchschnittlich 174 Reaktionen ermittelt – pro Anzeige und Woche.

In Frankfurt am Main waren es gerade einmal 15 – aber auch das bedeutet für die Wohnungssuchenden kaum Entspannung, denn das Risiko ist groß, dass von den 14 Konkurrenten gleich mehrere ernstes Interesse haben und bessere Referenzen vorweisen können.

Die große Nachfrage nach Mietwohnungen sorgt allerdings nicht nur für Frust im Wettbewerb mit anderen, sie führt auch zu überproportionalen Preissteigerungen. Deutschlandweit lagen die Angebotspreise für Bestandswohnungen 2021 um 4,1 Prozent höher als noch ein Jahr zuvor, wie die Statistiker von Immoscout24 feststellten. Für Neubauten betrug die Differenz gar sieben Prozent.

Der Immobilien-Dienstleister JLL errechnete zwar etwas geringere Steigerungsraten, in einzelnen Städten sogar einen leichten Rückgang, doch insgesamt ist die Tendenz eindeutig: Die Mieten in den deutschen Metropolen werden teurer. Auch die amtlichen Gutachter bestätigen den Trend. »Die Party geht weiter«, fasst Reiner Rössler die Situation zusammen, der die Gruppe der Länderausschüsse derzeit nach außen vertritt.

»Wir haben keinen Coronaknick nach unten.«

Sonja Andresen, Gutachterausschuss Hamburg

Die Gründe liegen auf der Hand. Speziell in den Großstädten fehlen immer noch Tausende Wohnungen, die den Zuzug des letzten Jahrzehnts ausgleichen könnten. »Wir haben keinen Coronaknick nach unten«, beschreibt die Vizevorsitzende des Hamburger Gutachterausschusses, Sonja Andresen die Situation. Die Preise in den einfachen Lagen näherten sich denen der mittleren an. Viele Menschen suchen deshalb am Stadtrand und im Umland nach Wohnungen und Häusern.

Auch seien die Menschen mit dem Wechsel ins Homeoffice offenbar zunehmend bereit, längere Pendelstrecken mit Arbeitswegen von bis zu eineinhalb Stunden in Kauf zu nehmen, sagte Andresen.

Die Zahlen der ImmoScout24-Statistiker bestätigen den Eindruck. Es ziehe zwar nicht alle Großstädter an den Stadtrand, erklärt ImmoScout-Geschäftsführer Thomas Schroeter: »In den Speckgürteln übersteigt die Nachfrage jedoch ebenso das Angebot wie in den Zentren«.

Eine besonders krasse Entwicklung stellen die Experten für 2021 in Berlin fest. Dort hatte zunächst der Mietendeckel den Preisaufschwung spürbar gebremst. Nachdem das Bundesverfassungsgericht die Regelung für rechtswidrig erklärt hatte, holte der Markt die Entwicklung allerdings schnell nach. »Der Anstieg von rund vier Prozent wird stark geprägt von einem knapp zehnprozentigen Anstieg bei den Mieten in Bestandsimmobilien«, erklärte JLL-Experte Roman Heidrich.

Eine Ausweichmöglichkeit für stark belastete Mieter sehen die ImmoScout24-Experten in Mittelstädten, die in der weiteren Umgebung der Metropolen liegen. Während zum Beispiel in Berlin im Durchschnitt rund 28 Prozent des Nettoeinkommens für die Miete aufgewendet werden müsse, seien es in Cottbus – rund 75 Minuten Bahnfahrt entfernt – lediglich 16 Prozent. Für Hamburger (24 Prozent) käme Schwerin infrage (17 Prozent), Kölner sollten über einen Umzug nach Ratingen nachdenken.

Nur in München könnte es billiger werden

Natürlich sind solche Empfehlungen keine Rezepte für jeden. Wer in seiner Umgebung fest verwurzelt ist, oder dankbar für den Freundeskreis der Kinder in Kita oder Sportverein, wer gar seine betagten Eltern versorgen muss, der denkt über einen Wegzug etwa aus Berlin-Friedrichshain nach Cottbus erst gar nicht nach.

Und für Kölner wäre der Umzug ins eher düsseldorferisch geprägte Ratingen wie ein Aufbruch in eine neue Welt.

Dass der Preisanstieg bald an sein Ende kommt, erwarten die Experten nicht. Den größten Schub erwartet ImmoScout für Berlin mit Teuerungen von acht Prozent für Bestands- und sieben Prozent für Neubau-Mietwohnungen innerhalb der kommenden zwölf Monate. Auch in Hamburg und Frankfurt am Main dürfte die Belastung für die Mieter noch steigen. Allein in München könnte die Spirale erst einmal zum Stillstand kommen.

Mit Material von Reuters