WTC-Plünderer Die dümmsten Betrüger der Welt

In der allgemeinen Verwirrung nach den Terroattacken auf New York witterten rund 4000 Staatsbedienstete ihre Chance. Sie überzogen gnadenlos ihre Konten, weil ihr Kreditinstitut Computerausfälle meldete. Zu früh gefreut.


Geldautomat in New York: Abheben ohne Ende?
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Geldautomat in New York: Abheben ohne Ende?

New York – Es hätte alles so schön sein können. Kurz nach dem 11. September entdeckten Kunden der Municipal Credit Union (MCU), dass der Geldautomat auch dann noch Geld spuckte, wenn das Konto schon im Minus war. Was folgte, war ein beispielloser Run auf die Geldautomaten und der bisher größte gemeinschaftliche Betrugsfall seit den Terror-Anschlägen auf New York.

Rund 4000 Angestellte im öffentlichen Dienst nahmen sich bis Anfang November, was sie kriegen konnten. Bis dahin war die Leitung des genossenschaftlichen Kreditinstituts zu den Geldautomaten gestört. Weil die MCU-Verantwortlichen ihren Kunden den Geldhahn nicht ganz abdrehen wollten, verließen sie sich auf deren Ehrlichkeit.

Damit war es allerdings nicht weit her: Rund 15 Millionen Dollar wurden nach MCU-Angaben unberechtigt abgehoben. Eine Krankenschwester des Manhattan Psychiatric Center holte sich noch 54 mal Geld vom Automaten, obwohl ihr Konto bereits vor dem 11. September überzogen war. Sie brachte es auf ein Minus von 18.111 Dollar. Ein Angestellter der New Yorker Wohnungsbehörde, der vor den Terror-Angriffen nie mehr als 130 Dollar auf seinem MCU-Konto gehabt hatte, überzog sein Konto mit 53 Abhebungen und 101 Kreditkarten-Käufen um 10.378 Dollar.

Doch der Goldrausch blieb nur scheinbar unbemerkt. Die MCU war zwar bis November nicht in der Lage, den Automaten Konteninformationen zu schicken, die Abhebungen und Kreditkartenumsätze wurden jedoch weiterhin genau verbucht. Schon im Oktober begann die MCU deshalb damit, die betreffenden Kunden über die unberechtigte Überziehung ihrer Konten zu informieren und ihnen Kredite für die Rückzahlung anzubieten.

Wer das Geld nicht zurückzahlen konnte oder wollte, den trifft nun die Härte des Gesetzes. Nach Angaben von Robert Morgenthau, leitender Staatsanwalt von Manhattan, wurden bereits 62 Beschuldigte festgenommen, 39 vermeintliche Straftäter würden bereits mit Haftbefehl gesucht. Jeder von ihnen habe versucht, die MCU um mindestens 7500 Dollar zu betrügen. Laut Morgenthau müssen sie nun mit einer Anklage wegen schweren Diebstahls rechnen, die zu einer Freiheitsstrafe von bis zu sieben Jahren führen kann.



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