WTO-Kollaps Sieg auf dem Rücken der Ärmsten

Die einen jubeln, andere sprechen von Pyrrhus-Sieg, weitere warnen vor der kalten Wirklichkeit, die jetzt den Welthandel wieder regiert. Nach der gescheiterten WTO-Konferenz in Cancún fühlen sich die Verlierer wie Sieger, die Sieger wie Verlierer. Sicher ist: Am ungerechten Handelssystem wird sich nichts ändern.


Jubel auf der WTO-Konferenz: "Phyrrus-Sieg für die, die von Sieg reden"
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Jubel auf der WTO-Konferenz: "Phyrrus-Sieg für die, die von Sieg reden"

Cancùn - George Yeo war überhaupt nicht amüsiert, als die Delegierten einiger Entwicklungsländer plötzlich lautstark applaudierten. Eben hatte der mexikanische Konferenz-Chef, Außenminister Luis Ernesto Derbez das endgültige Scheitern der WTO-Verhandlungen erklärt. "Wir sind ermutigt davon, dass unsere Stimme jetzt gehört worden ist", sagte beispielsweise der philippinische Handelsminister Manuel Roxas auf einer späteren Pressekonferenz.

Yeo dagegen, Handelsminister von Singapur, ist sich ganz sicher, dass die eigentlichen Verlierer gejubelt haben. "Das ist der Teil der Tragödie, der mich am meisten schmerzt. Das sind doch die Länder, die nach dem Scheitern von Cancún am meisten benachteiligt sein werden", sagt er. Seine Logik ist so einfach wie niederschmetternd für die ärmsten Länder der Welt. Gemeinsam mit den meisten Experten erwartet er, dass die reichen und mächtigen Länder nun wieder verstärkt bilaterale Handelsabkommen abschließen werden. "Dabei werden die Entwicklungsländer die größten Verlierer sein", sagt Yeo.

Ähnlich kritisch beurteilt Jean-Marie Metzger, Chef des Handels-Direktorats der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die momentane Situation. "Das ist ein Phyrrus-Sieg für die, die von Sieg reden", sagte er. Vorsichtig gerechnet würde der Abbau von Handelsschranken den armen Ländern pro Jahr mehr als das Doppelte der derzeitigen Entwicklungshilfe einbringen, so der OECD-Experte. Nach Berechnungen der Weltbank sollte der in Cancún in Gang gesetzte Prozess der Liberalisierung des Welthandels bis 2015 weltweit zu Einkommenssteigerungen von mehr als 500 Milliarden Dollar führen und damit rund 144 Millionen Menschen aus der Armut befreien.

Wie unangenehm es nun wieder für die Handelsbeauftragten armer Länder wird, machte auch der US-Handelbeauftragte Robert Zoellick unmissverständlich klar: "Zahlreiche Staaten sehen sich nun mit der kalten Wirklichkeit ihrer Strategie konfrontiert und kommen nun mit nichts nach Hause." So ergeht es beispielsweise den Baumwoll-Exporteueren aus Zentral- und Westafrika, die sich lautstark darüber beklagt haben, dass die Agrarsubventionen der reichen Länder Millionen ihrer Bauern in Armut stürzen. An dieser Ungerechtigkeit wird sich in naher Zukunft nichts ändern.

Razeen Sally, Handelsexperte an der London School of Economics erwartet sogar, dass die mächtigsten Handelsnationen der Welt das Scheitern von Cancún nutzen werden, um ihren Einfluss weiter zu stärken. "Ich wette darauf, dass nun China und die USA stärker zusammen arbeiten werden. China hat ein großes Interesse daran, auch wirtschaftlich das einflussreichste Land in der Region zu werden."

Solche Überlegungen sind für Handelsminister Yeo, dessen Stadtstaat gerade die Schrecken der Sars-Epidemie durgestanden hat, allerdings zweitrangig. Seine Besorgnis geht weit über wirtschaftliche Machtspiele hinaus: "Es ist nicht in unserem Interesse, die armen Länder in Armut zu halten, weil ihre Probleme zu unseren Problemen werden - ob nun durch Seuchen, Migration oder Terrorismus."

Carsten Matthäus



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