Zur Ausgabe
Artikel 34 / 74
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

WIRTSCHAFTSTHEORIE Wüster Schwall

So ratlos und unsicher sind die Wirtschaftsforscher der westlichen Welt, daß einige Zuflucht zu alten Theorien nehmen. Nach diesen Lehren stehen der Weltwirtschaft Jahrzehnte des Niedergangs bevor.
aus DER SPIEGEL 3/1975

Selbstzufrieden rief Professor Walter Wolfgang Heller, wirtschaftspolitischer Chefberater der US-Präsidenten Kennedy und Johnson, das »Zeitalter des Ökonomen« aus. Und der »Rest der Welt«, beobachtete Wirtschaftswissenschaftler Paul A. Samuelson vom Massachusetts Institute of Technology, »oohote und aahate in Bewunderung« vor den vermeintlich unfehlbaren wirtschaftspolitischen Rezepten akademisch hochgetrimmter Nationalökonomen, die -- mit Wachstums- und Preisprognosen auf die Kommastelle genau -- vorgaben, die Wirtschaft fest im Griff zu haben.

Das war in der Mitte der sechziger Jahre -- zu einer Zeit, da die US-Konjunktur bei relativ stabilen Preisen in das sechste Jahr ununterbrochenen Aufschwungs brummte und kurz darauf Ex-Hochschullehrer Karl Schiller die deutsche Wirtschaft aus dunkler Rezessions-Talsohle in einen »Aufschwung nach Maß« dirigierte. Ihr umfangreiches geld- und finanzpolitisches Instrumentarium reiche hin, kündeten die Ökonomen, rasch jeden Konjunktur-Knick wieder auszubügeln und den Geldwertschwund auf Schleich-Geschwindigkeit zu beschränken.

Seit allerdings trabende Inflation und steigende Unterbeschäftigung den Wohlstand des kapitalistisch organisierten Teils der Welt bedrohen, sind Prestige und Selbstgefälligkeit der Ökonomen-Zunft stark gesunken. Denn für einen Zwei-Frontenkampf gegen Arbeitslosigkeit und Inflation zugleich sind die Helden der sechziger Jahre schlecht gerüstet.

»Es gibt vieles, was wir nicht wissen«, räumt Professor Robert A. Gordon von der University of California in Berkeley ein. »Finden Sie mir einen Wirtschaftswissenschaftler«, illustriert der zum Präsidenten der American Economic Association, des angesehensten Ökonomen-Klubs der Erde, gewählte Hochschullehrer die Ratlosigkeit seiner Gilde, »der die Ursachen des gegenwärtigen Preisschubs erklären und die Inflation ohne massive Arbeitslosigkeit wegkurieren kann, und ich würde ihn gern treffen.«

In den sechziger Jahren hatten die Wirtschaftsforscher noch fast einhellig angenommen, je nach Konjunkturlage sei einmal die Arbeitslosigkeit, ein andermal die Inflation der wirtschaftspolitische Gegner -- nie aber könnten beide Übel zugleich gefährlich werden.

Denn in Zeiten starken Preisauftriebs, so hatte der britische Ökonom A. W. Phillips Ende der fünfziger Jahre durch statistische Studien nachgewiesen, war die Arbeitslosigkeit niedrig, in Phasen hoher Arbeitslosigkeit dagegen der Geldwertschwund gering gewesen.

Konjunkturpolitische Aufgabe der Regierungen sei daher, so dozierten die Ökonomie-Ordinarien vom Katheder, den Wachstumsprozeß der Wirtschaft durch wohldosierte Brems- oder Ankurbelungsmaßnahmen so zu stabilisieren, daß Arbeitslosenquote und Inflationsrate das -- auch bei ausgewogener Entwicklung -- unvermeidliche Niveau nicht übersteigen.

Wie der Kampf gegen einen zu niedrigen Beschäftigungsstand zu führen sei, hatte bereits unmittelbar nach der Weltwirtschaftskrise von 1929/33 der britische Wirtschaftstheoretiker John Maynard Keynes gelehrt. Bei Unterbeschäftigung aufgrund schlechter Absatzlage hat der Staat, so das Antidepressionsrezept des Briten, durch höhere Ausgaben, niedrigere Steuern und billigere Kredite die Wirtschaft so stark zu dopen, daß genügend neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Bei Überbeschäftigung und rasch steigenden Preisen dagegen haben Regierung und Notenbank, so priesen die Jünger von Keynes die Lehre des Meisters auch für Phasen zu hektischen Aufschwungs an, durch gekürzte Staatsausgaben, erhöhte Steuern und teures Geld den Boom zu kühlen.

Für die Schlacht gegen steigende Preise und fallende Produktion zugleich aber sind die Konjunktur-Waffen der Keynesianer ungeeignet. Falls etwa -- wie in der Ölkrise -- knappe und teure Rohstoffe die Wirtschaft lähmen, schüren Nachfrage stimulierende Maßnahmen nur die Inflation. Und wenn statt exzessiver Nachfrage hohe Kosten die Preise treiben, führen restriktive Mittel zu Massenentlassungen und Konkursen.

»In diesem Dilemma ist offensichtlich mit Keynesschen Rezepten nicht mehr weiterzukommen«, stellt der Schweizer Wirtschaftsprofessor Emil Küng fest. »Wir sind in einer Sackgasse gelandet, die mit den traditionellen Methoden nicht zu bewältigen ist.«

Es ist viel komplizierter, als wir Ökonomen dachten«, gesteht auch James Litvack, Dozent in Princeton, den zu großen Optimismus ein, mit dem die Keynesianer »die Verheißung der modernen Wirtschaftspolitik« (Heller) von kontinuierlichem Wachstum bei relativ stabilen Preisen verkündet hatten.

Auf der Suche nach Ursachen für die weltweite Stagnation und nach Auswegen aus der Krise gerieten einige Forscher überraschend an einen Ökonomen, dessen Thesen schon 1926 -- zehn Jahre vor der »Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes«, dem Hauptwerk von Keynes -- veröffentlicht worden und in der Wachstums-Euphorie der Nachkriegsjahre in Vergessenheit geraten waren.

Dieser Ökonom, der Russe Nikolai D. Kondratjew, der acht Jahre lang das von ihm 1920 gegründete sowjetische Konjunktur-Institut geleitet hatte und vermutlich 1931 in einem stalinschen Gefängnis gestorben war, hatte statistische Zeitreihen über Preise, Zinssätze, Löhne, Außenhandel, Kohle- und Eisenerzproduktion seit Ende des 18. Jahrhunderts in verschiedenen Ländern untersucht. Dabei war dem russischen Forscher aufgefallen, daß allem Anschein nach lange Wellen des Auf- und Abschwungs von rund 50 bis 60 Jahren Dauer für den kapitalistischen Entwicklungsprozeß charakteristisch sind.

Da diesen langen Kondratjew-Zyklen noch kurz- und mittelfristige Wellenbewegungen überlagert sind, werden zwar Zeiten vorherrschender Prosperität durch kurze negative Phasen und umgekehrt langfristige Talfahrten durch kurzlebige Aufschwünge unterbrochen. Aber die langen Wellen sorgen »für das Grundcrescendo, das der Wirtschaft den allgemeinen Ton gibt« (so der österreichische Wirtschaftstheoretiker Joseph A. Schumpeter).

Wenn auch der früh verstorbene Kondratjew (Solschenizyn erwähnt ihn in seinem »Archipel GULAG") noch keine geschlossene Theorie des semi-säkularen Auf und Ab der Wirtschaft entwickeln konnte, so deutete er immerhin an, worin er die Ursache für die Langfrist-Schwankungen sehe: »Während des Absinkens der langen Wellen werden besonders viele wichtige Entdeckungen und Erfindungen in der Produktions- und Verkehrstechnik gemacht«, so bemerkte der Forscher, »die jedoch gewöhnlich erst beim Beginn des neuen langen Anstiegs im großen auf die wirtschaftliche Praxis angewandt zu werden pflegen.«

Erst Joseph A. Schumpeter, der neben Keynes überragende Ökonom dieses Jahrhunderts, lieferte einige Jahre später für den beobachteten Zusammenhang zwischen umwälzenden Erfindungen und langen Zyklen eine fundierte theoretische Erklärung ab. Nach Schumpeter treiben zur Marktreife entwickelte Neuerungen, sogenannte Innovationen, den kapitalistischen Produktionsprozeß in Schüben an. Denn die Innovationen fallen nicht kontinuierlich an, sondern setzen sich erst am Ende von Stagnationsperioden durch, wenn die Unternehmer wegen verstopfter Märkte neue Methoden wagen müssen.

Jede der Kondratjew-Wellen, so Schumpeter, »besteht aus einer »industriellen Revolution« und der Absorption ihrer Wirkungen«. In der Aufschwung-Phase krempeln revolutionäre Produktionsmethoden wie mechanisierte und elektrifizierte Fabriken, neue Güter wie Eisenbahnen, Autos und Elektrogeräte, neue Organisationsformen wie multinationale Konzerne, neue Rohstoffquellen oder erstmals erschlossene Absatzmärkte die gesamte Wirtschaft um. In der Periode des Abschwungs verkrusten die industriellen Strukturen wieder. Durch jahrzehntelange Massenproduktion der Standardgüter sind die Märkte gesättigt, der Absatz stockt, die Gewinne schrumpfen.

Schumpeter-Fans, wie etwa der Berliner Innovations-Forscher Gerhard Mensch, führen denn auch die gegenwärtige Stagnation in den Industrieländern auf einen Mangel an bahnbrechendem Fortschritt seit dem Zweiten Weltkrieg zurück. Mit der Vermarktung der in den dreißiger Jahren entwickelten Technologien beschäftigt, versäumten die Unternehmer in den vergangenen drei Jahrzehnten, rechtzeitig neue »Basis-Innovationen« aufzureißen, und beschränkten sich auf weniger kühne »Verbesserungs-Innovationen«.

Wie in den Kondratjew-Phasen vor 1825, 1873 und 1929, die in großen Wirtschaftskrisen geendet hatten, ist die industrielle Welt daher seit wenigen Jahren wieder in eine Periode des »technologischen Patts« (Mensch) geschlittert.

Stimmt diese These und läuft der gegenwärtige Kondratjew-Zyklus tatsächlich nach der gleichen Mechanik wie seine wirtschaftsgeschichtlichen Vorgänger ab, so hält die technologische Langeweile noch rund ein Dutzend Jahre an, ehe es zu einer scharfen Weltwirtschaftskrise und »zu einem wüsten Schwall von großtechnischen Neuerungen kommt« (Mensch).

Stagnierende oder gar schrumpfende Produktion, hohe Arbeitslosenquoten, aber schließlich auch fallende Preise sind dann bis Ende der achtziger oder neunziger Jahre unser Schicksal.

Kriege allerdings, so der Trost der Kondratjew-Jünger, sind in dieser Zeit ökonomischen Niedergangs unwahrscheinlich. Denn »in die Zeit des Ansteigens der langen Wellen, das heißt der Hochspannung im Wachstum des Wirtschaftslebens«, so beobachtete schon Langweilen-Pionier Kondratjew, »fallen in der Regel die meisten und größten kriegerischen und inneren sozialen Erschütterungen

Zur Ausgabe
Artikel 34 / 74
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel