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WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Wunder auf Pump

Von Stefan Baron *
aus DER SPIEGEL 33/1984

Die Bewunderung kennt keine Grenzen mehr, endlich gibt es wieder ein Vorbild: Amerika.

BMW-Chef Eberhard von Kuenheim fordert die Deutschen auf, sich »das Beispiel USA vor Augen« zu halten. Die »Frankfurter Allgemeine« preist den Zustand der US-Wirtschaft als »Wirtschaftswunder«. Der Frankfurter Ökonomieprofessor und »Wirtschaftswoche«-Herausgeber Wolfram Engels empfiehlt Reagans Politik uneingeschränkt »zur Nachahmung«. Amerika über alles?

Die US-Wirtschaft wird derzeit wie ihre Währung gehandelt: weit über Wert. Denn die Dollar-Stärke und die Stärke der Wirtschaft sind nicht erarbeitet, sondern nur geborgt. Das Ende ist absehbar.

Merkwürdige Ökonomen sind das, die hierzulande über klotzige Wachstumsraten in Verzückung geraten - so, als ob es kein Haushaltsdefizit von schwindelerregenden 180 Milliarden Dollar gäbe; so, als ob die US-Leistungsbilanz in diesem Jahr nicht mit 85 Milliarden Dollar ins Minus geriete.

Als Anfang der achtziger Jahre die Bundesrepublik vergleichsweise weitaus geringere Fehlbeträge im Etat und in der Außenbilanz auswies, da war für die gleichen Kommentatoren, die nun das amerikanische Wunder feiern, Land unter.

Dabei handeln die Amerikaner heute genauso wie seinerzeit die Deutschen: Sie leben über ihre Verhältnisse. Die Rechnung müssen erstmal andere bezahlen: Weil die eigenen Ersparnisse und Steuern nicht ausreichen, um die neuen Raketen und die neuen Autos zugleich zu finanzieren, pumpen die USA das Ausland an. Der einst größte Geldgeber der Welt ist auf dem besten Weg, zum größten Geldleiher zu werden.

Auf den Euro-Dollar-Märkten werden die US-Banken, traditionell die größten Gläubiger, bereits als die größten Schuldner geführt. Die Kapital-Märkte sind inzwischen vor allem damit beschäftigt, die privaten und öffentlichen Ansprüche der Amerikaner zu finanzieren. Im nächsten Jahr werden die US-Auslandsschulden erstmals seit dem Ersten Weltkrieg die Auslandsinvestitionen übersteigen.

Geht die Entwicklung so weiter, könnte das reichste Industrieland der Welt 1986 sogar den größten Schuldner Brasilien überholen. Während alle Augen auf die Schuldenkrise in Lateinamerika gerichtet seien, bahne sich, so warnt der Finanzexperte Kurt Richebächer, in den USA »die allergrößte Schuldenkrise« an.

Gewiß, es steht nicht zu befürchten, daß die Amerikaner eines Tages ihre Zinsen nicht mehr zahlen oder ihre Schulden nicht mehr tilgen könnten. Schließlich verschulden sie sich fast ausschließlich in eigener Währung - der Vorzug eines Leitwährungslandes, der eine Pleite unmöglich macht.

Doch das ändert nichts an den absurden Konsequenzen der zunehmenden US-Verschuldung: Das reichste Industrieland der Welt saugt Kapital in Ländern ab, die auf dieses Kapital sehr viel mehr angewiesen sind.

Europa verliert durch die grapschigen Amerikaner Investitionskapital, das der Kontinent dringend benötigt, um den Rückstand in einigen Zukunftsbranchen (gerade auch gegenüber den Vereinigten Staaten) aufzuholen.

Noch viel schlimmer ergeht es den Schuldnerländern in Lateinamerika. Um ihren hohen privaten und öffentlichen Konsum finanzieren zu können, müssen die Amerikaner ihren Geldgebern hohe Zinsen anbieten. Das treibt die Sollzinsen der Schuldnerländer entsprechend in die Höhe und erschwert die Schuldenlast zusätzlich.

Die Kreditgeber vom Internationalen Währungsfonds zwingen die Lateinamerikaner auf einen politisch und sozial bedenklichen Sparkurs. Diese Länder haben jahrelang das getan, was jetzt die Amerikaner tun: Sie haben über ihre Verhältnisse gelebt.

Wer aber sollte die Amerikaner zum Sparen zwingen? Das macht eben den Unterschied zwischen Herrschern und Beherrschten aus: Die einen machen die Regeln, die anderen haben sie zu befolgen.

Stefan Baron
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