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STEUERN Wunderlich verteilt

Vorige Woche gab es die ersten Gehaltsabrechnungen nach der Steuersenkung. Bei vielen bleibt enttäuschend wenig übrig, bei manchen gar nichts. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Handfeste Verbesserungen« versprach Helmut Kohl dem Volk. Durch das angeblich größte Steuerpaket sollten die Deutschen 1986 elf Milliarden Mark zusätzlich auf den Konten haben. Der Kanzler ließ in Anzeigen jubeln: »Darauf können sich alle Bürger freuen.«

Letzte Woche, als die »lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger« (Kohl) den Inhalt des Steuerpakets näher begutachten konnten, war die Freude hin. »Die Entlastung«, bemerkte Volker Stern vom Bund der Steuerzahler, »ist doch sehr bescheiden.«

Die Milliarden, die Finanzminister Gerhard Stoltenberg unter das Volk streut, sammelt sein Sozialminister gleich wieder ein. Durch höhere Beiträge zur Krankenversicherung sinken die Nettolöhne oft sogar.

Die Mehrzahl der Krankenkassen hat die Beitragssätze angehoben, zum Teil recht drastisch. Bei manchen Ortskrankenkassen, wie denen in Hamburg oder im Saarland, in Hamm oder in Wilhelmshaven, kletterten die Sätze steil auf mehr als 14 Prozent des Bruttolohns, die Höchstbeiträge (einschließlich des Arbeitgeberanteils) auf über 600 Mark pro Monat. Nur die Ersatzkassen haben die Beiträge bisher noch stabil gelassen.

»Vor allem Familien und Bürger mit kleinem und mittlerem Einkommen, so werben die Bonner, würden nun mehr Geld haben. In Wirklichkeit aber ist der Segen recht wunderlich verteilt.

In der Steuerklasse eins zahlen Ledige mit einem Bruttolohn von 2200 Mark jetzt 317,90 Mark an den Fiskus 6,90 Mark weniger als im Vorjahr. Zusätzlich gibt es noch eine Ersparnis von 1,10 Mark bei der Arbeitslosenkasse.

Doch der spärliche Gewinn zerrinnt. Bei der AOK Bad Hersfeld etwa werden nun 19,80 Mark mehr für die Krankenkasse fällig. Insgesamt bleibt in diesem Fall ein Verlust von 11,80 Mark.

Verheiratete in der Klasse drei mit einem Bruttoverdienst von 3600 Mark sind kaum besser dran: Die Steuerlast sinkt lediglich um zwölf auf 481 Mark. Um 1,80 Mark schrumpft die Abgabe an die Arbeitslosenversicherung.

Ist der so Beglückte aber bei der Ortskrankenkasse in Flensburg versichert, steigt sein Obolus für die Krankenversicherung um 32,40 Mark. Das Netto-Einkommen schrumpft pro Monat um 18,60 Mark, im Jahr um 223,20 Mark.

Bescheidenen Gewinn bringt die Steuersenkung erst jenen, die sich zu den oberen Einkommensschichten zählen. In diesen Steuerklassen wurde die Progression einigermaßen gedämpft.

So erhalten Verheiratete mit einem Kind und 6000 Mark Monatsgehalt seit dem ersten Januar 67 Mark mehr aufs Gehaltskonto. Den ganzen Steuergewinn aber darf die Einkommensoberklasse, wenn sie im Angestelltenverhältnis steht, nicht einstreichen: In allen drei Sozialversicherungen steigen die Beitragsbemessungsgrenzen.

Von 67 Mark Zugewinn knapsen die Rentenversicherung und die Arbeitslosenversicherung mehr als 20 Mark ab. Ist der Steuerzahler bei der IKK Krefeld versichert, dann verlangt die Kasse zusätzlich über 44 Mark. Der Reingewinn bleibt bescheiden: 2,35 Mark.

Zweifellos haben die Bonner sich diesmal bemüht, kinderreiche Familien etwas pfleglicher zu behandeln. Der Freibetrag wurde von 432 auf 2484 kräftig angehoben. Andere Steuerermäßigungen für Eltern fielen dagegen weg.

Ehepaare mit zwei Kindern und Monatseinkommen zwischen 3000 und 6000 Mark haben zwar zunächst einen Zugewinn von 70 bis 80 Mark monatlich - wenn die Krankenkasse nicht zulangt. Diese Anhebungen allerdings mindern die Mehreinnahmen bereits für Durchschnittsverdiener um etwa ein Viertel.

Segensreich wirkt das Bonner Präsent, unterschiedlich je nach Steuerklasse und Krankenkasse, zumeist erst bei Einkommen über 10000 Mark. Da bleibt schon mal ein Hunderter übrig. So hohe Haushaltseinkommen haben jedoch nur zehn Prozent der Angestellten- und 3,3 Prozent der Arbeiterhaushalte.

Die Regierung sieht das anders. »Millionen Steuerzahler haben mehr Geld in der Tasche«, so trommeln die Bonner in Inseraten. Phantastisch, was das bringt: Die Steuererleichterungen, das glaubt der Kanzler, »verstärken den Anreiz zur Initiative und zum persönlichen Engagement, wirken der Schattenwirtschaft entgegen, erleichtern die Übernahme von Investitionsrisiken und fördern die Bildung von Eigenkapital«.

Erstaunlich, was mit 2,35 Mark alles zu machen ist.

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