YouTube-Kauf Googles risikoreichste Investition

Es ist der mit Abstand teuerste Kauf in der Google-Geschichte. Ein Branchenkenner erklärte erst kürzlich, nur "ein Idiot" würde YouTube kaufen. Doch Google will am neuesten Dotcom-Wunder teilhaben - und verleibte sich die Seite trotz all ihrer Baustellen ein.

San Francisco - Es ist eins dieser Wunder, die nur im Internet möglich sind: Im Februar 2005 startete das Portal YouTube - ohne jeglichen Marketingaufwand. Inzwischen hat die Seite täglich 30 bis 40 Millionen Besucher. Allein in Deutschland nutzten im August nach Angaben von Nielsen NetRatings 3,238 Millionen Menschen das Angebot, nahezu sechs Mal so viel wie im Februar und weit mehr als die 1,227 Millionen Nutzer des bisherigen Konkurrenzangebots Google Video.

Die Geschäftsidee von YouTube ist einfach: Unter dem Motto "Broadcast Yourself" ("Sende Selbst") werden neben urheberrechtlich geschütztem Material vor allem zu Hause aufgenommene Videos eingestellt. Das Angebot ist gratis - die Seite finanziert sich über Werbung.

70.000 neue Fernsehausschnitte, Interviews, Parodien, Musikclips und selbst gedrehte Heimvideos kommen so bei YouTube täglich dazu. Kein Wunder, dass sich der Internetvorreiter Google bei der Erfolgsseite jetzt einklinkt. Rund 1,65 Milliarden Dollar ließ Google sich den Kauf des Portals kosten. "Verdammt günstig für ein Unternehmen, das bereits eine globale Reichweite hat", findet das Trip Chowdhry vom Analyseinstitut Global Equities Research in San Francisco. "Die Marke von YouTube ist nicht geringer einzuschätzen als Google oder Coca Cola." Wenn die Popularität des Portals weiterhin so rasant nach oben gehe, könnte Google sicherstellen, dass die Infrastruktur der Website mit dem Wachstum Schritt halte, erklärte die Expertin.

Manche Beobachter sehen das kritischer. Der Kauf ist die mit Abstand teuerste Akquisition in der Google-Geschichte. Zuletzt sicherte sich das Internetunternehmen für einen Betrag von mindestens 900 Millionen Dollar die populäre Community-Website MySpace.com für mehrere Jahre als Werbepartner und kaufte für eine Milliarde Dollar einen Anteil von fünf Prozent am Portalbetreiber AOL. Aber vor allem: YouTube ist trotz seiner weltweit hohen Zugriffszahlen noch immer ein Unternehmen, das ganz am Anfang steht. Deshalb sei die Investition ein riskanter Schachzug.

Wichtigstes Problem: Urheberrechte

Ein Problem waren die Urheberrechte, denn viele YouTube-Nutzer laden Ausschnitte aus Fernsehsendungen, Musikvideos oder Filmen, die geschützt sind. Die Rechteinhaber tolerierten es bisher weitgehend, weil es auch Werbung für ihre Produkte bedeutet, einige US-Fernsehsender platzieren auch von sich aus Ausschnitte aus neuen Serienstaffeln auf der Seite. Zudem stellte YouTube im September ein System vor, mit dem die Halter der Autorenrechte automatisch ermittelt und entsprechend an den Werbeeinnahmen beteiligt werden sollen.

Branchenpionier Mark Cuban etwa, in den Neunzigern Mitgründer des Unternehmens Broadcast.com (und heutiger Besitzer des Basketballteams Dallas Mavericks), hatte deswegen erst vor einem Monat bei einer Konferenz gesagt, nur "ein Idiot" würde YouTube kaufen. Nun aber scheint es, als ob Google und YouTube fieberhaft dabei sind, dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen: Kurz nach der Bestätigung des Kaufs erklärten YouTube und Google gestern, man habe sich mit wichtigen Medienkonzernen inzwischen auf die Übernahme von Videoclips geeinigt.

So wird Google künftig mehrere Tausend Musikvideos der Plattenfirmen Sony BMG Music Entertainment und Warner Music Group auf seiner Internet-Seite zeigen. Das Angebot werde durch Werbepartner finanziert. Zuvor hatte YouTube bereits mitgeteilt, es habe ebenfalls mit Sony BMG sowie CBS und Universal Music die Nutzung von Videoclips vereinbart. Mit Warner Music hatte YouTube bereits im September eine entsprechende Vereinbarung geschlossen. Der US-Fernsehsender CBS kündigte an, er werde auf YouTube Kurzbeiträge aus seinem Programm anbieten. Das Angebot soll ebenfalls durch Werbung finanziert werden.

Analysten erwarten nun, dass die Google-Wettbewerber mit dem Kauf anderer Videoanbieter nachziehen werden, um den Anschluss nicht zu verlieren. Analyst Anthony Noto von Goldman Sachs sagte, neben E-Mail und Suchmaschine werde wohl das Videoangebot zum dritten zentralen Internetangebot werden. Einem "Wall Street Journal"-Bericht zufolge hatte auch Yahoo schon Interesse an YouTube angemeldet. Erst im August hatte Sony den kleineren YouTube-Konkurrenten Grouper für 65 Millionen Dollar gekauft.

ase/AP/ddp/dpa-AFX/Reuters