Zur Ausgabe
Artikel 63 / 104

Landwirtschaft Zauber am Hof

Unfähige Berater und dreiste Betrüger sind seit der Wende über die Bauern in der Oberlausitz hergefallen. Jetzt droht die Pleite.
aus DER SPIEGEL 16/1992

Stumm sitzen fast 600 Oberlausitzer Bauern, alle Aktionäre der Agros Agrarprodukte AG, in der buntgeschmückten Halle des Zittauer »Top«. Sie sagen nichts. Sie hatten nie etwas zu sagen.

Vorn redet einer, der schon immer große Reden gehalten hatte: Heinz Warzecha, 62, der scheidende Agros-Vorstand, einst mächtiger Generaldirektor eines DDR-Kombinats. »Der Sinn des Kapitalismus«, sagt Warzecha, »ist Geld zu verdienen, viel Geld.«

Wie im Kapitalismus Geld zu machen ist, das haben die Bauern in den vergangenen Monaten erfahren: Berater und windige Geschäftemacher haben sich in der Oberlausitz saniert - und die ehemaligen LPG dort zugrunde gerichtet.

Im ersten Geschäftsjahr der Agros, das am 30. Juni 1991 endete, gab es ein Minus von 13,5 Millionen Mark. Seither sind vermutlich noch einmal drei bis vier Millionen versickert.

Die Agros sollte ein Modell für die Landwirtschaft im Osten sein. Bis zum 31. Dezember vergangenen Jahres mußten sich die ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) in andere Betriebsformen umwandeln. So verlangt es das Landwirtschaftsanpassungsgesetz.

Die Voraussetzungen für die Oberlausitzer schienen günstig; sie gingen, anders als die meisten der 5000 DDR-Agrarbetriebe, ohne Schulden in die Marktwirtschaft.

Doch ganz allein konnten und wollten sich die Bauern in der neuen Freiheit nicht bewegen. Nach willigen Helfern mußten sie nicht lange suchen.

Ganze Schwärme von Experten fallen seit der Wende über die Höfe in der ehemaligen DDR her. Allein die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) nennt 900 offiziell anerkannte Berater.

In Zittau kam einer zum Zuge, der nicht auf der DLG-Liste steht: Horst Jüdemann, 59, weitgereister Unternehmensberater aus Frankfurt. Der kräftige Hesse mit Vorliebe für amerikanisches Management ("Wenn sich Zahlen nicht ändern, müssen sich Köpfe ändern") ist ein Verkaufsprofi, von Landwirtschaft versteht er nichts.

Im Auftrag der Treac Berlin, einer Tochter der Münchner Beratungsfirma Trebag, hatte Jüdemann die Zittauer Bauern schnell überzeugt, ihre LPG in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Bis zu zehn Prozent Dividende soll er versprochen haben. Daß mindestens 1000 Jobs wegfallen mußten, stand nur in einem Papier für den Vorstand.

Weit über 90 Prozent der Bauern stimmten der Gründung der Agros zu. Jüdemann selbst avancierte zum Aufsichtsratsvorsitzenden.

Der Oberaufseher konnte mit dem, was er sah, nicht zufrieden sein: Bei der Agros regierte von Anfang an das Chaos. Rechnungen wurden verschlampt, Inventar verschwand. In Oberseifersdorf lösten sich angeblich gleich 1000 Kühe in nichts auf. Laut Jüdemann »saßen überall Dilettanten«.

Der Umsatz blieb weit hinter den Prognosen zurück, dazu drückten enorme Lohnkosten. Von den ehemals 1400 Mitarbeitern der vier zusammengefaßten Genossenschaften Zittau, Wittgendorf-Eckartsberg, Oberseifersdorf und Schlegel waren im vergangenen Sommer noch knapp 700 angestellt. Für die 6000 Hektar Land und die ausgegründeten Betriebe waren das viel zu viele.

Aufsichtsrat und Vorstand der Agros tagten zwar häufig, aber nichts passierte. »Erst im März 1991«, so Jüdemann, »bekamen wir konkrete Zahlen auf den Tisch.« Und die waren katastrophal. Als der Aufsichtsrat endlich handelte, war es schon zu spät.

An den Aktionären vorbei sollte nun die sogenannte Primärproduktion privatisiert werden. Für diesen Job holte Jüdemann einen zweiten Trebag-Mann nach Zittau: Heinz Warzecha, den einstigen DDR-Vorzeige-Manager beim Maschinenbau-Kombinat »7. Oktober«.

Warzecha rückte in den Vorstand, und das hat sich für ihn und die Trebag gelohnt: Das Honorar betrug 25 000 Mark im Monat, seine vier Kollegen, die ebenfalls in Agros-Diensten standen, begnügten sich mit je 2500 Mark.

Die Agros-Verluste blieben - Warzecha sah nur noch einen Ausweg: die Firmen stillzulegen. Spätestens zum Dezember 1991 wurden alle Mitarbeiter entlassen. Die Aktionäre erfuhren aus der Lokalausgabe der Sächsischen Zeitung von der geplanten Umwandlung ihrer Agros in eine Vermögensverwaltungsgesellschaft.

Als Sündenbock mußte Vorstands-Sprecher Gerhard Anton, 55, herhalten. Der Agronom war schon zu SED-Zeiten Chef der LPG Gemüse Zittau gewesen und galt als unbequemer, aber erfolgreicher Macher. Nun mußte er gehen.

Die Aktion traf zwar nicht den Schuldigen, aber auch nicht den Falschen. Das »gutmütige Schlitzohr« (Anton über Anton) hatte meist zuerst an sich selbst gedacht.

Auf der Suche nach einem Partner für einträgliche Nebengeschäfte war er auf Berthold Schmidt, Weinhändler aus Heidelberg, gestoßen. Der soll bei krummen Transfer-Rubel-Geschäften mehrere tausend Tonnen Schweinefleisch nach Polen verschoben und den Staat sowie einige Mastbetriebe um mehr als 23 Millionen Mark geprellt haben.

Anton hatte die Kontakte zu den Bauern hergestellt und Schmidt ein Büro im Verwaltungsgebäude der Agros vermietet. Wenige Tage nach der Währungsunion fuhr der »Zauberer«, wie Anton in Zittau genannt wird, mit einem schwarzen 3,6-Liter Jaguar auf den Hof. Den hatte ihm der neue Freund als Provision hingestellt.

Auch sonst verstanden die beiden sich offenbar prächtig. Gemeinsam gründeten sie eine ganze Reihe von Firmen, für die sich jetzt die Staatsanwaltschaft interessiert. Schmidt hat sich derweil über die Grenze nach Polen abgesetzt.

Noch peinlicher für die Agros ist der Konkurs der HVI, der ehemaligen LPG-Werkstatt. Dort hatte Peter Nestler als Geschäftsführer angeheuert und binnen weniger Wochen für einen Auftragsboom gesorgt. Zu Dumping-Preisen wurden wahre Lkw-Flotten aus Stuttgart in Zittau repariert. 70 Mechaniker wurden eingestellt.

Nestler übernahm 26 Prozent an der HVI, Anton ebenso. Erst als der Österreicher noch mehr wollte, holte Jüdemann eine Kreditauskunft ein. Ergebnis: Nestler ist als Bankrotteur registriert, bislang hat er es auf drei Offenbarungseide gebracht. Als seine Vorgeschichte aufflog, war die HVI konkursreif: Offene Rechnungen, nicht abgeführte Sozialabgaben - insgesamt fehlten rund 1,9 Millionen Mark.

Den Schaden haben auch Männer wie Gerhard Scholz, 69, und Helmfried Schlegel, 62, Landwirte, die nichts mit der Agros zu schaffen haben wollten. Sie wollten »bloß raus aus der Kolchose«, aber nicht in die neue AG hinein. Zusammen mit 20 anderen Bauern kündigten die beiden deshalb schon vor der Gründungsversammlung.

Dennoch bekamen sie in einem netten Schreiben ihr Aktienpaket zugeteilt. Wer immer noch nicht wollte, wurde unter Druck gesetzt, von der Agros und von Nachbarn. Schlegel bekam per Telefon sogar eine Morddrohung.

Nun ist ein neuer Retter in Zittau aufgetaucht, und wieder hoffen die Bauern auf bessere Zeiten. Hermann Doerr, ein Wiesbadener Anwalt, der auch eine Kanzlei in Dresden hat, wurde im Oktober vom Vorstand als Rechtsbeistand geholt. Doch nach Durchsicht der Agros-Papiere »konnten wir uns«, so der kühl auftretende Advokat, »nicht auf die Rechtsberatung beschränken«.

Die Aktionärsversammlung nutzte Doerr in seinem Sinne. Ohne eine Miene zu verziehen, rechnete er vor den Aktionären mit Jüdemann ab: Jetzt müsse jemand ran, der »wenigstens etwas Kompetenz mitbringt«.

Der Coup glückte. Der Anwalt konnte Arnfried Schurich, 39, früher Direktor eines DDR-Volksguts, als »Notvorstand« einsetzen.

Schon wenige Tage später schickte Schurich den Aufsichtsräten die geplante Tagesordnung für die Agros-Hauptversammlung am 16. Mai ins Haus. Unter Punkt acht heißt es lapidar: »Die Aktionärsversammlung beschließt die Liquidation der Agros AG zum 1.6.1992.« Doch fürs erste konnte der Aufsichtsrat unter Jüdemanns Führung den Passus kippen.

Was nun mit ihrer AG geschehen soll, davon dürfen die Oberlausitzer Bauern sich überraschen lassen.

Vielleicht wird ja Schurichs Förderer für den Aufsichtsratsvorsitz kandidieren. Das macht nicht nur die Kontrolle leichter, notfalls könnte er einen anderen, äußerst lukrativen Job übernehmen. Die alte Tagesordnung vermerkte nämlich: »Zum Liquidator wird Herr Rechtsanwalt und Notar Hermann Doerr bestellt.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 104
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.