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ENGLAND Zeichen der Zeit

Die Thatcher-Regierung verkauft britische Unternehmen mit Vorliebe an US-Konzerne. Im Land macht sich Anti-Amerikanismus breit. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

»Die Regierung hat den Union Jack eingeholt«, klagte der Labour-Abgeordnete Dale Campbell-Savours das Kabinett der Margaret Thatcher an, »und über der britischen Industrie das Sternenbanner aufgezogen.«

Der Oppositionspolitiker erhielt Unterstützung von den Regierungsbänken. »Kann man sich eine US-Administration vorstellen«, fragte der ehemalige konservative Partei- und Regierungschef Edward Heath, »welche die gesamte amerikanische Automobilindustrie an Ausländer verkauft?«

Margaret Thatcher hat es wieder mal geschafft, Rechte wie Linke gegen sich aufzubringen: Was von der britischen Autoindustrie geblieben ist, würde sie nur zu gern an die größten amerikanischen Autokonzerne verscherbeln.

Vorige Woche wurde bekannt, daß General Motors die Lkw-Abteilung des Staatsunternehmens British Leyland übernehmen soll. Ford interessiert sich für das British-Leyland-Unternehmen Austin Rover, das 18 Prozent des britischen Pkw-Marktes beliefert.

Für die Regierungschefin bedeutet der geplante Verkauf nicht mehr als die Fortsetzung ihres Reprivatisierung-Programms - ein marodes Staatsunternehmen wird abgestoßen. British Leyland schluckte in den vergangenen zehn Jahren über zwei Milliarden Pfund an Steuergeldern, ohne aus den roten Zahlen zu kommen.

Es würde die Regierung noch einmal gut eine Milliarde Pfund kosten, die verschiedenen Zweige des international kaum noch konkurrenzfähigen Autokonzerns wenigstens bis zu den spätestens Mitte 1988 fälligen Parlamentswahlen am Leben zu erhalten.

So richtig der Verkauf aus der Sicht der Regierungsbuchhalter sein mag - für viele Briten ginge mit Leyland ein Stück ihres Landes verloren. Die Furcht wächst, daß Englands Industrie demnächst von New York und Detroit aus gelenkt wird.

Den ersten größeren Ärger gab es bei der Auseinandersetzung über den Verkauf der defizitären Hubschrauberfirma Westland. Die Regierung ergriff Partei für das kaufinteressierte US-Unternehmen Sikorsky und gegen ein europäisches Fünfer-Konsortium, obwohl dem die britischen Firmen Aerospace und General Electric angehören.

Wenn Westland nicht mit Sikorsky ginge, so wurde von Beamten gestreut, seien bedeutende Aufträge für England aus Reagans SDI-Programm in Frage gestellt. Sogar der Verkauf des europäischen Airbus in den USA sei dann gefährdet. »Die Premierministerin«, schrieb der rechte Abgeordnete Enoch Powell, »ist erpreßt worden.«

Das ist wohl gar nicht nötig. Margaret Thatcher fühlt sich auch ohne äußeren Druck zu dem Amerika Ronald Reagans hingezogen. »Sie neigt dazu, immer über den Atlantik zu schielen«, sagt der Chef der Sozialdemokraten, David Owen.

Wann immer es politische Differenzen zwischen Europäern und Amerikanern gibt, findet Washington in der Thatcher-Regierung einen Verbündeten. Widerspruchsloser als alle anderen Nato-Mitglieder folgte London beispielsweise Amerikas Star-Wars-Programm. Zu Reagans Freude und zum Ärger der europäischen Partner zogen die Engländer sich auch aus der UN-Organisation Unesco zurück.

Wurden solche Entscheidungen von den britischen Konservativen noch gutgeheißen, so stößt der Unternehmensverkauf an die Amerikaner auch im Lager der Tory-Partei auf breite Ablehnung.

Seit der Westland-Affäre warnen nicht mehr nur Linke vor übermächtigen US-Unternehmen. Der britische Industrielle Alan Bristow, ein Anhänger der »europäisch-britischen Westland-Lösung«, gab 250000 Pfund für eine Anzeigenserie in englischen Zeitungen aus: Über dem Text der ganzseitigen Annoncen hackt ein amerikanischer Adler seine Krallen in einen Hubschrauber und in das Westland-Werk.

Zudem schockte Bristow vergangenen Donnerstag mit einer Enthüllung in eigener Sache die Nation. Ihm seien, so der Industrielle in einem TV-Interview, die Erhebung in den Ritterstand, zwei Millionen Pfund und ein Sitz im Westland-Vorstand geboten worden, wenn er öffentlich für den Verkauf an die Amerikaner eintreten würde.

Die Stimmung war schon vorher schlecht: Das »Wall Street Journal« erkannte einen »tiefen - und für manche besorgniserregenden - Anti-Amerikanismus« und überschrieb einen Leitartikel zur Westland-Affäre mit der Zeile »Yankee go home?«. Anti-Amerikanismus, so die Londoner »Times«, sei die »Parole des Tages«.

Manchem wurde sie Anleitung zum Handeln. Dem im Januar zurückgetretenen Verteidigungsminister Michael Heseltine warfen seine Gegner vor, daß er in »trüben Tümpeln des Anti-Amerikanismus« fischte, als er zunächst im Kabinett und später auch draußen gegen ein Zusammengehen von Westland mit Sikorsky kämpfte.

So trüb ist der Tümpel gar nicht. Die wachsende Skepsis gegenüber den Amerikanern, glaubt die »Irish Times«, könnte sich als »Beitrag zu Margaret Thatchers schließlichem Untergang« erweisen.

Gefolgsleute erkennen die Zeichen der Zeit. Letzten Mittwoch im Unterhaus verweigerten Dutzende von Tory-Abgeordneten dem Plan der Regierung ihre Zustimmung, British Leyland zum Verkauf freizugeben. Das Kabinett reagierte dieses Mal rasch und beschloß, zumindest die Verhandlungen über den Verkauf von Austin Rover an Ford abzubrechen.

»Ich bin nicht bereit«, hatte zuvor der konservative Abgeordnete Anthony Beaumont-Dark verkündet, »bei der Beerdigung der britischen Automobilindustrie als Sargträger mitzuwirken.«

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