Zeugenaussagen VW-Spitze soll schon 2004 von Lustreisen gewusst haben

Unliebsame Details: Im VW-Prozess plaudert ein ehemaliger Betriebsarzt freizügig über die Einzelheiten der Lustreisen auf Firmenkosten. Und er will vom angeklagten früheren Personalmanager Gebauer schon 2004 die Worte gehört haben: "Die da oben wissen Bescheid."


Braunschweig - Der leitende Werksarzt im Ruhestand berichtete in dem Verfahren gegen Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert und den früheren Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer über einen Vorfall in einem Berliner Hotel, durch den das VW-Management möglicherweise bereits Anfang des Jahres 2004 auf unkorrekte Spesen-Abrechnungen von Gebauer aufmerksam geworden sein könnte.

Aufsichtsratschef Piëch: "Die da oben wissen Bescheid"
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Aufsichtsratschef Piëch: "Die da oben wissen Bescheid"

Die Managerin des Berliner Hotels, in dem Gebauer unter Alkoholeinfluss aggressiv geworden sei, habe sich bei einem VW-Topmanager beschwert. Der wiederum habe den Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder angesprochen, sagte der Werksarzt aus. Pischetsrieder habe daraufhin Vorstand Peter Hartz angesprochen, und der habe schließlich eine Untersuchung Gebauers wegen eines möglichen Alkoholproblems veranlasst.

Bei einem Arzttermin im Januar 2004 habe Gebauer erklärt, VW-Topmanager und der Vorstand wüssten über die unkorrekten Spesenabrechnungen nunmehr Bescheid, sagte der Mediziner vor Gericht aus. Gebauer habe seinerzeit gesagt: "Die da oben wissen Bescheid über gewisse Reisen und Abrechnungen." Es sei dabei um Reisekostenabrechnungen der vergangenen zwei, drei Jahre und um mehrere hunderttausend Mark gegangen.

Mit der Aussage verstärkt sich der Verdacht, dass neben VW-Chef Pischetsrieder auch Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch von den Lustreisen gewusst haben könnte. Erst vor knapp zwei Wochen war ein Brief aufgetaucht, in dem ein damaliger VW-Mitarbeiter den Aufsichtsratsvorsitzenden lange vor Bekanntwerden der Affäre darauf hinwies, dass "hier Millionen für zweifelhafte Arrangements ausgeben werden". VW teilte jedoch mit, der Konzern halte das Schreiben für eine Fälschung. Bisher hatte es geheißen, die Ausgaben für Betriebsratsreisen seien erst im Februar 2005 auffällig geworden.

"Allgemeinwissen, dass Volkert als Topmanager gilt"

Nach Aussage des Arztes war die hohe Bezahlung des ehemaligen VW-Betriebsratschefs Klaus Volkert bei Volkswagen bekannt. "Es war Allgemeinwissen bei den VW-Topmanagern und bei Managern des VW-Personalwesens, dass Herr Volkert wie ein Topmanager behandelt wird", sagte er. Einige Topmanager hätten auch gemeint, Volkert werde wie ein Markenvorstand bezahlt. "Im Kontext der VW-Kultur war das allgemein akzeptiert", sagte der Zeuge.

Der Zeuge gab außerdem zu, bei Reisen selbst Dienste von VW bezahlten Prostituierten in Anspruch genommen zu haben. Er habe auch den Besuch eines Etablissements in Prag bei VW abgerechnet. Ein Ermittlungsverfahren gegen den Arzt hatte die Staatsanwaltschaft gegen eine Geldbuße eingestellt.

Im dritten Prozess in der Sommer 2005 publik gewordenen VW-Affäre geht es um sogenannte Lustreisen von Betriebsräten auf VW-Kosten. Neben Gebauer muss sich auch der frühere VW-Betriebsratchef Klaus Volkert wegen Beihilfe zur Untreue vor Gericht verantworten.

Der frühere Personalvorstand der VW-Tochter Skoda, Helmuth Schuster, sagte aus, Ziel der Lustreisen sei es gewesen, durch eine "atmosphärische Ergänzung" zu erreichen, dass der Betriebsrat bei wichtigen Entscheidungen mitspielte. Der frühere VW-Arbeitsdirektor Peter Hartz hätte ihm gegenüber betont, dass Betriebsräte immer gut gepflegt werden sollten.

Schuster, der als Vertrauter von Hartz galt und sich für die Organisation von Betriebsratsveranstaltungen verantwortlich zeichnete, betonte, ohne die Arbeitnehmerbank seien schwierige Themen nicht zu bewegen gewesen. Man sei froh gewesen, in Volkert einen Partner gehabt zu haben, der qualifiziert mitentscheiden konnte. Hartz habe ihm 1998 gesagt, dass Volkert wie ein Markenvorstand zu behandeln sei. Dies sei mit dem damaligen VW-Vorstandschef Ferdinand Piech abgesprochen gewesen.

Gebauer handelte Schuster zufolge stets auftragsgemäß. Der Vorstand sei stets zufrieden gewesen, wenn der Betriebsrat glücklich sei.

Es sei nicht üblich gewesen, Fragen nach der umstrittenen Praxis der Eigenbelege zu stellen, sagte Schuster. Nach seinem Eindruck habe der Unternehmensvorstand nicht gewünscht, dass etwas überprüft werde. Das Vorstandskonto 1860, auf dem die Abrechnungen vorgenommen wurden, sei im Generalsekretariat des Vorstandsvorsitzenden geführt worden. Es sei so gewesen, dass die Revision bei dieser Kostenstelle nicht so genau hingesehen habe.

Der ehemalige Finanzvorstand Bruno Adelt hat die Vorwürfe gegen Piëch dagegen zurückgewiesen. Er sagte vor dem Braunschweiger Landgericht, er habe Piëch nicht auf Unregelmäßigkeiten bei der Kostenstelle 1860 hingewiesen. Er selbst habe keine Kenntnis über mögliche Unregelmäßigkeiten gehabt.

sam/AP/Reuters/dpa



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