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WÄHRUNG Ziehen ab

Zweifel an der Reagan-Politik schwächten den Dollar. Die Mark ist plötzlich wieder gefragt. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Da staunten selbst die Profis von der Börse. »Einen solchen Sturz fast ohne Pause haben wir noch nie erlebt«, wunderte sich Devisen-Chef Heinrich Kunz von der Deutschen Bank über den Schwächeanfall des Dollars in den letzten zwei Wochen.

Geradezu unaufhaltsam schien lange Zeit der Anstieg der US-Valuta. Von 2,39 Mark vor gut einem Jahr kletterte der Preis für einen Dollar bis auf 2,83 Mark Mitte Januar.

Danach ging es bergab - am schnellsten in den letzten zwei Wochen. Vorigen Mittwoch rutschte der Dollar bis auf 2,54 Mark weg, erst gegen Wochenende erholte er sich wieder bis auf 2,58 Mark.

An den Devisen-Märkten herrschten in der vorigen Woche zeitweilig Zustände, als ob an der New Yorker Wallstreet eine kommunistische Invasion drohe und die Vertreter des Kapitals das Capitol räumen müßten.

Der Dollar und mit ihm amerikanische Anleihen und Aktien waren ins Gerede gekommen. Aus Angst vor weiteren Währungsverlusten trennten sich ausländische Großanleger in immer größeren Mengen von US-Staatsanleihen oder Bankguthaben.

Der Brüsseler Bankier Roland Leuschel, der vor drei Jahren als einer der ersten einen dramatischen Wertzuwachs für die US-Währung prophezeit hat, erkannte: »Erstmalig ziehen Ausländer ihre Dollarguthaben aus den USA ab.«

Schlagartig hatten arabische, englische wie Schweizer Bankiers und Vermögensverwalter entdeckt, daß der Tausch der amerikanischen Währung in die aufwertungsverdächtigen Devisen Franken, Mark und Yen wieder lohnt.

An den wichtigsten deutschen Börsenplätzen, in Frankfurt und Düsseldorf, kam es in den letzten beiden Wochen zu einem regelrechten »Sturm auf deutsche Staatspapiere«, wie der Börsenchef einer Frankfurter Großbank beobachtete.

Die Renditen für festverzinsliche Papiere fielen im freien Fall, die Kurse kletterten an elf Börsentagen hintereinander in immer lichtere Höhen. Im Gefolge senkten einige deutsche Bankhäuser auch die Zinssätze für Hypothekendarlehen.

Die Analysten in den volkswirtschaftlichen Abteilungen der Banken haben sich schon schwergetan, passable Erklärungen für das Dollar-Hoch im vorigen Jahr zu finden. Noch mehr Mühe hatten sie jetzt, ihrer nervösen Kundschaft etwas halbwegs Plausibles und Glaubwürdiges für den plötzlichen Wertverlust mitzuteilen.

Viele Monate lang waren die hohen Zinssätze der Wallstreet stets als Hauptgrund für die Dollar-Hausse angeführt worden. Dieser Trend hat sich keineswegs verändert - im Gegenteil: Ende vergangener Woche erreichten die Zinsen für langfristige US-Staatstitel mit 12,3 Prozent den höchsten Stand seit anderthalb Jahren. Wer sein Geld hierzulande anlegt, kassiert viel weniger: Vergleichbare deutsche Rentenpapiere werfen eine Rendite ab, die fast volle fünf Prozentpunkte niedriger liegt.

Lange Zeit galt der Wirtschaftsaufschwung in den USA als Hauptursache für die Kapitalwanderung in Richtung USA. Aber auch daran hat sich nichts geändert - nach wie vor glänzt die US-Wirtschaft mit vergleichsweise hohen Wachstumsraten.

Dennoch scheinen es vor allem Zweifel an der politischen Kunst des US-Präsidenten Ronald Reagan zu sein, die viele ausländische Großanleger zur Flucht aus der Wallstreet veranlaßten. Besonders nahöstliche Dollar-Anleger, die seit fast drei Jahren immer neue Milliarden an den Finanzplatz New York geschafft hatten, sorgten sich plötzlich über die drastische Verschlechterung der amerikanischen Handelsbilanz.

Im Januar wies sie ein Rekorddefizit von 9,5 Milliarden Dollar aus. Neuesten Hochrechnungen zufolge werden die Amerikaner voraussichtlich in diesem und im nächsten Jahr für 120 bis 150 Milliarden Dollar mehr Rohstoffe und Fertigprodukte importieren, als sie selbst im Ausland absetzen.

In der eigenen Region konnten die Milliardäre vom Golf zudem beobachten, daß Reagans gewaltigem Aufrüstungsprogramm zum Trotz auch die militärische Stärke der Weltmacht USA ihre Grenze hat. »Das Libanon-Debakel hat vielen Nahost-Anlegern die Augen geöffnet«, sagt Devisen-Händler Kunz.

Vielleicht begreifen die Anleger und Devisen-Händler auch allmählich, wie riskant und unsolide die Washingtoner Haushaltspolitik ist. Im laufenden Etat-Jahr muß Reagan wieder zusätzlich fast 200 Milliarden Dollar pumpen, um seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. »Das Land der unbegrenzten Defizite« heißen die USA inzwischen bei den Frankfurter Devisen-Händlern.

Lange Zeit hatten die Geldprofis das Haushaltsdefizit kaum wahrgenommen. Das änderte sich, als US-Präsident Reagan Anfang Februar sein neues Budget präsentierte, das wiederum einen gewaltigen Fehlbetrag aufwies.

Paul Volcker, der Chef der US-Notenbank, nährte die Zweifel. Öffentlich wies er darauf hin, wie sehr die USA bereits bei der Finanzierung ihrer Mammut-Defizite auf Kapital aus dem Ausland angewiesen sind.

»Die größte und reichste Volkswirtschaft ist auf dem Wege«, so Volcker vor dem Haushaltsausschuß des US-Senats, »ein internationaler Schuldner zu werden, und gleich der größte überhaupt.«

Die europäische Finanzszene rechnet jetzt damit, daß die Deutsche Mark, ohnedies zweitwichtigste Reservewährung der westlichen Welt, gegenüber dem Dollar zusehends teurer wird - auch wenn sich die US-Valuta Ende voriger Woche vorübergehend wieder fing.

Devisen-Profi Kunz: »Ein tiefgreifender Umdenkungsprozeß scheint eingeleitet.«

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DOLLAR-FALL Wert des Dollar in Mark Monats-Höchststände Kurs am 7. März: 2,54 Mark Monats-Tiefststände

[GrafiktextEnde]

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