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»Zielstrebiger Bursche«

Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, 47, über seinen Deal mit dem 19-jährigen Napster-Gründer Shawn Fanning
Von Gabor Steingart
aus DER SPIEGEL 45/2000

SPIEGEL: Herr Middelhoff, haben Sie als Teenager Musik im Radio mitgeschnitten?

Middelhoff: Klar hab ich das gemacht. Ich habe sogar die Uhr gestellt, damit ich die Hitparade genau pünktlich erwische.

SPIEGEL: Und diesen Spaß wollen Sie den jungen Leuten jetzt vermiesen. Die kostenlose Online-Musiktauschbörse Napster soll kommerzialisiert werden. Künftig müssen die User ihr Taschengeld an die Musikkonzerne überweisen.

Middelhoff: Genau das Gegenteil ist richtig. Es wird auch weiterhin einen kostenlosen Promotionsbereich geben. Wenn wir bei Bertelsmann nicht ein genaues Gefühl dafür entwickelt hätten, was der Kunde vom Internet erwartet, wäre Napster geschlossen worden. Denken Sie nur an die Klage der Musikindustrie. Die meisten Majors würden lieber - wie gehabt - komplette CDs verkaufen, nicht einzelne Lieder. Ich dagegen bin der festen Überzeugung, dass File-Sharing, also der Austausch einzelner Musikstücke, ein festes Element des Online-Vertriebs von Musikprodukten sein wird. Wir müssen jetzt nur eine gute Balance finden zwischen den Interessen der Musikliebhaber einerseits und den Interessen der Künstler, Komponisten und der Musikindustrie andererseits.

SPIEGEL: Auch Bertelsmann hatte sich zunächst der Klage der Musikindustrie angeschlossen. Warum jetzt dieser Sinneswandel?

Middelhoff: Weil wir, die gesamte Musikindustrie, Zeit gebraucht haben, um ein Verständnis zu entwickeln dafür, was File-Sharing bedeutet. Heute wissen wir, dem Ins-Netz-Stellen einzelner Musikstücke, dem Tauschen und Runterladen gehört die Zukunft. Den Verkauf von kompletten CDs wird es weiter geben, aber die Jüngeren wollen ihre eigene CD zusammenstellen. Wir registrierten 13 Millionen Nutzer von Napster im Mai, wir haben heute 38 Millionen. Mittlerweile sind auf dieser Plattform 152 Millionen Musiktitel verfügbar, und pro Tag werden ungefähr 20 bis 30 Millionen Songs getauscht. Dieses Wachstum ist unwahrscheinlich, da konnten wir nicht zuschauen und mit erhobenem Finger auf die jungen Leute zeigen.

SPIEGEL: Wie sieht denn das neue Geschäftsmodell aus? Wie viel sollen die Musikfreunde künftig zahlen?

Middelhoff: Wir können uns vorstellen, dass es mehrere Angebote geben wird: Eine Art Promotion-Service, der - wie erwähnt - kostenlos ist, wo man in einzelne Songs reinhören kann. Ein erweiterter Bereich, für den man eine Art Mitgliedsbeitrag zahlt und dafür eine bestimmte Menge an Musikstücken erhält. Und wer dann mehr will, kann ein Premium-Angebot wählen.

SPIEGEL: Von einer 5-Dollar-Grundgebühr ist die Rede.

Middelhoff: Es gibt noch keine Festlegungen, da wir zuerst mit den anderen Musikkonzernen sprechen. Es wird keinen Alleingang Napster/Bertelsmann geben.

SPIEGEL: Andere Start-ups bieten einen ähnlichen Service wie Napster. Besteht nicht die Gefahr, dass die Kunden nach Einführung eines Bezahlsystems abwandern?

Middelhoff: Das glaube ich nicht. Napster ist dafür bekannt, dass es den besten und zuverlässigsten Service, eine einfach zu bedienende Software und auch die besten Community-Elemente anbietet. Die Größenunterschiede, fast 40 Millionen bei Napster und eine Million bei Gnutella, einer instabilen Plattform, sind gravierend. Wir haben die User aber auch schon vor Abschluss unserer Verhandlungen befragen lassen, wie viel sie bereit wären zu zah-

len. Die so ermittelte Zahlungsbereitschaft liegt deutlich über 5 Dollar, sie liegt für rund 70 Prozent der User bei ungefähr 15 Dollar. Das ist doch ein sehr guter Wert. AOL kostet übrigens 21,95 Dollar pro Monat.

SPIEGEL: Wie viel muss Bertelsmann für den Einstieg zahlen?

Middelhoff: Konkrete Zahlen kann ich leider nicht nennen. Aber ich kann so viel sagen, dass wir einen Millionen-Kredit geben, damit jetzt Technologie und Business-Modell weiterentwickelt werden können. Ist diese Arbeit geleistet, können wir unseren Kredit umwandeln in eine Beteiligung an Napster, die dann zu einer Mehrheit für Bertelsmann führen wird.

SPIEGEL: Das heißt, auch der Totalverlust Ihres Einsatzes ist nicht ausgeschlossen?

Middelhoff: Die Firma Napster ist gerade mal eineinhalb Jahre alt, aber mittlerweile zur zweitgrößten Internet-Firma aufgestiegen. Das Unternehmen hat das Zeug dazu, in ein paar Monaten von der Nutzung und von der Mitgliederzahl her die größte Internet-Company der Welt zu sein. Aber natürlich besteht auch das Risiko der Totalabschreibung dieses Kredits, was ich nicht hoffe.

SPIEGEL: Ihr Gegenspieler bei Napster ist ein 19-Jähriger. Wie verlässlich sind die Verabredungungen mit Shawn Fanning?

Middelhoff: Sie sind sehr verlässlich, ich habe keinen Zweifel daran, dass Shawn und Hank Barry, der sehr vertrauenswürdige CEO von Napster, sich an die Verabredungen halten. Ich habe großen Respekt vor diesem jungen Mann, der ein sehr zielstrebiger Bursche mit großen Talenten ist. Er hat auf mich einen ähnlich tollen Eindruck gemacht wie ein anderer Firmengründer, der dann später zum Star der Internet-Wirtschaft aufstieg: Steve Case von AOL.

INTERVIEW: GABOR STEINGART

* Mit Napster-Vorstand Hank Barry, Bertelsmann-Manager AndreasSchmidt, Shawn Fanning.

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