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KONZERNE Ziffern im Griff

Der Bundes-Energiekonzern Veba soll neu organisiert werden -- damit er für ausländische Interessenten reizvoller wird.
aus DER SPIEGEL 12/1977

Noch in diesem Monat trifft Rudolf von Bennigsen-Foerder, Chef des nationalen Energie-Giganten Veba, entscheidende Besucher. Abgesandte des Schahs von Persien werden den Manager darüber aufklären, ob sie ein Interesse daran haben, bei dem fußkranken Bundeskonzern einzusteigen.

Beim letzten Rendezvous, Mitte Januar in London, hatte der Iran Spitzenkräfte abgestellt: Als die Veba-Führer mit den Ölmanagern der National Iranian Oil Company (Nioc) konferierten, saß zeitweise selbst Persiens Wirtschaftsminister Huschang Ansari nebst Bruder Kyros, der den Kauf des 25prozentigen Schah-Anteils an der Krupp-Hütte vermittelte, mit am Tisch.

Dabei ging es durchaus um mehr als »nur routinemäßige Kontakte« (ein Nioc-Sprecher). Viel Geld und die Zukunft des von Bonn beherrschten (Bundesanteil an der Veba: 43,7 Prozent) Kraft-Kombinats aus Öl, Chemie, Strom und Handel standen zur Diskussion.

Denn zwei Jahre, nachdem die Bundesregierung die Energiekonzerne Veba und Gelsenberg zum umsatzschwersten Unternehmen der Republik (1976: rund 27 Milliarden Mark) bündelte, hat die Konzernführung den »zwecks Absicherung der Rohölversorgung« (Von Bennigsen) gesuchten direkten Zugang zu den Ölquellen noch nicht gefunden. Und auch die passenden Absatzmärkte für die petrochemischen Produkte der Veba konnten noch nicht erschlossen werden.

Bonn müßte seine hochgespannten Erwartungen in einen leistungsfähigen Konzern internationalen Zuschnitts inzwischen deutlich zurücknehmen. »Der Weg zum multinationalen Konzern im Ölgeschäft«, weiß Kanzlerberater und Ex-Veba-Kontrolleur Ernst Wolf Mommsen« »kam über Versuche nicht hinaus.«

Bei seiner Partnersuche handelte sich von Bennigsen manchen Korb ein. So platzte die von ihm im Frühjahr 1975 angekündigte Liaison mit dem US-Konzern Gulf Oil. Und auch die angestrebte engere Kooperation mit der Mobil Oil kam nicht über die Bildung einer Kommission hinaus, obgleich Deutsche und Amerikaner bereits seit Jahren in der Tankstellenfirma Aral zusammenarbeiten.

Anfang letzten Jahres entschloß sich deshalb Finanzminister Hans Apel, dem einstigen Ministerialbeamten von Bennigsen einen gelernten Manager zur Seite zu stellen: Günter Vogelsang, 57, der seine Karriere bei Willy Schlieker begann und bei Krupp beendete, wurde zum neuen Aufsichtsratschef bestellt.

Seither, meint Ludwig Poullain, Chef der Westdeutschen Landesbank und Veba-Aufsichtsrat, »kommt das Ding allmählich zur Ruhe«. Und Aufsichtsrats-Kollege Otto Graf Lambsdorff -- der FDP-Abgeordnete fühlt sich im Konzernrat als Abgesandter der Volksaktionäre -- gerät über den neuen Veba-Sanierer gar ins Schwärmen: »Der ist ein Segen für die Veba, der Mann ist einsame Spitze in Einarbeitung und Vorbereitung. Er hat Ziffern und Zahlen im Griff. Er ist zugleich verbindlich und erschöpfend.«

Vogelsang selber gibt sich gelassen. Die Firma habe »gute Chancen«, bemerkte er auf der letzten Ratssitzung im Dezember, »für einen Weg in die unternehmerisch richtige Richtung«.

Und diese Richtung bestimmt kein anderer als Vogelsang. Anders als die Aufsichtsratschefs vieler Unternehmen begreift der Ex-Manager sein Amt als anspruchsvollen Full-Time-Job, der weit über routinemäßige Kontroll- und Aufsichtspflichten hinausreicht.

Hatten die Gründer-Väter der Riesenfirma ihre machtlose Konzern-Holding noch auf drei selbständig agierende Sparten Strom, Mineralöl/Chemie und Handel gesetzt, so planen Vogelsang und sein Statthalter von Bennigsen ein neues Konzernschema.

Das Ölgeschäft soll säuberlich vom Chemiebereich abgesondert werden. Vorteil dieses Umbaus: Die Veba wäre für alle ausländischen Ölförder-Firmen interessanter, die sich als Gegenleistung für langfristige Liefergarantien an dem deutschen Energiekonzern

beteiligen wollen, sei es am Chemiegeschäft oder an der Ölsparte.

So sollen alle Ölaktivitäten der Konzern-Töchter Gelsenberg, Raab Karcher und Veba-Chemie mit den Raffinerien und der Aral-Beteiligung zu einem Pool zusammengefaßt werden. In das Zentrum der Konzern-Säule »Chemie«, die im Jahre 1976 immerhin 120 Millionen Mark Überschuß abwarf, sollen die Chemischen Werke Hüls (CHW) rücken.

Hüls freilich gehört bislang zu gleichen Teilen (je 44 Prozent) der Veba und dem Chemiekonzern Bayer. Und weil die Chemiesparte der Veba ohne bestimmenden Einfluß auf Hüls nicht allzu attraktiv wäre, versucht von Bennigsen, den Anteil der Leverkusener zu kaufen. Preisvorstellung bei Bayer: über 500 Millionen Mark. Von Bennigsen zum Aufsichtsrat: »Die Gespräche sind noch völlig offen.«

Solange aber Bennigsen nicht mit Bayer handelseinig geworden ist, stocken auch seine Kooperationsverhandlungen mit den Managern des norwegischen Staatskonzerns Statoil.

Noch vor gut einem halben Jahr hatte der Veba-Chef, im Nebenberuf norwegischer Konsul, während eines Nordland-Urlaubs den an der deutschen Petrochemie interessierten Nordlichtern Beteiligungsangebote an seiner Chemiesäule offeriert. Im Gegenzug erwartete der Veba-Chef langfristige Lieferverträge über Nordsee-Öl.

Die letzten Gespräche hatten wegen der ausstehenden Hüls-Entscheidung kaum weitergeführt. Von Bennigsen und der um Vermittlung bemühte Bonner Wirtschafts-Staatssekretär und Veba-Aufseher Detlev Karsten Rohwedder kehrten vor drei Wochen unverrichteterdinge aus Oslo zurück.

Die Ölsparte könnte leichter loszuschlagen sein: Die persische Nioc würde sich durch eine Beteiligung immerhin über deutsche Raffinerien und Tankstellen den Zugang zum europäischen Ölmarkt sichern. Übernähme Teheran tatsächlich 49 Prozent dieser neuen Veba-Nioc-AG, dann würde persisches Öl ohne Zwischenhandel in die deutschen Zapfsäulen fließen. Bekämen die Veba-Verkäufer obendrein den geforderten Kaufpreis von weit über einer halben Milliarde Mark, wäre für das Veba-Doppel Vogelsang und Bennigsen auch die Finanzierung des Hüls-Kaufpreises kein Problem.

Noch aber hat das persische Engagement einen Haken. Der persische Ölpreis zählt derzeit zu den höchsten der Welt. Selbst ein persisch-deutsches Gemeinschaftsunternehmen würde sich trotz kaiserlicher Vorzugsbehandlung kaum günstiger eindecken können als zum Beispiel jene Konzerne, die ihr Öl in Saudi-Arabien kaufen.

Bislang jedenfalls mußte die Veba im Ölgeschäft Jahr für Jahr Millionen-Verluste hinnehmen. 1975 setzte der Koloß 28 Mark pro Tonne Mineralölprodukte zu, ein Jahr später trotz besserer Konjunktur und gestiegener Nachfrage immerhin noch 15 Mark -- insgesamt fast 700 Millionen Mark in zwei Jahren. Nur durch Gewinne in den anderen Sparten könnte der Ölverlust 1976 (rund 260 Millionen Mark) in einen Konzernüberschuß nach Steuern von 300 Millionen umgewandelt werden.

Mit Argwohn beobachten derweil ranghohe Beamte aus dem Bonner Wirtschaftsministerium den von Vogelsang und Bennigsen betriebenen Verkauf ihres mit Bundesmitteln alimentierten Energie-Pakets. Einzig Freidemokrat Lambsdorff hätte gegen den Veba-Ausverkauf ("Wenn vernünftig, dann vorurteilsfrei prüfen") nichts einzuwenden.

Vogelsang scheint sogar über die personalpolitischen Schwächen seines Vorstandschefs hinwegzusehen, der bislang keinen im internationalen Ölgeschäft bewährten Manager in seinen Vorstand holte, statt dessen seinen Adlatus Klaus Piltz zum Topmann beförderte. Eigenwillige Kollegen läßt er lieber ziehen. So verabschiedet sich Ende dieses Monats der Chemie-Manager Dietrich Schliephake von der Veba: Der Professor wird Vorstandschef des Flick-Konzerns Dynamit-Nobel.

Auch für von Bennigsens Zukunft ist gesorgt. Vogelsang wird an diesem Montag dem Aufsichtsrat vorschlagen, den Vertrag des Edelmanns bis zum 31. Dezember 1982 zu verlängern.

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