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Prozesse Zitternder Schnurrbart

Darf der frühere Chef der deutschen Coca-Cola der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt werden? Ein Gericht soll entscheiden.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Bereitwillig unterstützte der Getränke-Multi Coca-Cola den US-Journalisten Mark Pendergrast bei dessen Recherchen über die Geschichte des Konzerns. Auch die deutsche Tochterfirma war gern behilflich.

Nur bei einem kleinen Detail stellte sich die Coca-Cola GmbH in Essen bockig. Sie verweigerte den Abdruck von zwei Fotos aus den Coca-Cola-Nachrichten Ausgabe März 1938. Da war der langjährige Deutschlandchef des US-Konzerns auf einem mit Hakenkreuzfahnen geschmückten Podium zu sehen.

Weil der in Deutschland wieder aufbrechende Rechtsradikalismus weltweit beachtet würde, so faxte die deutsche Coca-Tochter dem US-Autor, »halten wir es nicht für ratsam, solche Fotos zu veröffentlichen«.

Pendergrasts Werk kam, ohne die beiden Fotos, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse auf den deutschen Markt. Ob das Buch aber künftig ohne Streichungen verkauft werden darf, ist fraglich*.

Eine Klägerin aus Münster will dem Verlag acht Aussagen verbieten lassen. Am Mittwoch dieser Woche muß das Landgericht Düsseldorf darüber entscheiden. Klägerin ist Helga Velten-Hegemann, die Tochter von Max Keith, der 1933 zur deutschen Coca-Cola-Niederlassung ging und dort bald Chef wurde.

Ihr Vater, empört sich Velten-Hegemann, sei kein »Nazi-Kollaborateur« gewesen. Sie wirft Pendergrast »Schmähkritik« vor. Der Amerikaner beschreibt Keith als einen »Mann mit hohen teutonischen Wangenknochen . . . und einem kleinen bürstenartigen Schnurrbart, der wie bei Hitler alarmierend zitterte, wenn er wütend war«.

Tatsächlich war Max Keith nicht einmal NSDAP-Mitglied und wohl auch kein »Kollaborateur«. Er hat sich nur mit den Machthabern des Dritten Reichs arrangiert - wie so viele andere Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft, _(* Mark Pendergrast: »Für Gott, Vaterland ) _(und Coca-Cola. Die unautorisierte ) _(Geschichte der Coca-Cola Company«. ) _(Verlag Zsolnay, Wien; 512 Seiten; 48 ) _(Mark. ) denen nur eins wichtig war: ihr Geschäft. So sonderte denn auch der deutsche Coca-Chef Ergebenheitsadressen ab ("Unserem Führer Adolf Hitler ein dreifaches Sieg Heil!") und kümmerte sich ansonsten vor allem um den Absatz seiner Limonade.

Erstaunlicher als Keiths verbale Zugeständnisse an die Nazis war sein Geschick, im Dritten Reich erfolgreich ein Getränk zu vermarkten, das wie kaum ein anderes Produkt als Inbegriff amerikanischen Lebensstils gilt. Laut Pendergrast war das nur mit »List, Bluff, Einschüchterung, Schmeichelei, Einflußnahme, Verkaufsförderung und reiner Willensstärke« zu schaffen.

Keith verstand es, die Attacken deutscher Getränkehersteller abzuwehren, beispielsweise die Behauptung des Konkurrenten Afri-Cola, die amerikanische Brause sei ein jüdisches Produkt. Als der Krieg ausbrach, hatte Coca in Deutschland 39 Abfüllbetriebe, 9 weitere waren im Bau.

Bei Kriegsende lagen alle Coca-Abfüllbetriebe in Trümmern, aber Keith schickte sofort ein Telegramm an seine US-Chefs: »Coca-Cola GmbH läuft noch, schicken Sie Buchprüfer.« Wie im Dritten Reich war Keith nun auch beim Wiederaufbau unentbehrlich, bis er 1968 in Pension ging.

Später ehrten Essens sozialdemokratische Stadtväter den langjährigen Deutschlandchef, indem sie die Kaninenbergstraße in Max-Keith-Straße umtauften. Dort residiert die Coca-Cola GmbH noch heute.

Den Kollaborationsvorwurf, den Pendergrast in seinem Buch erhebt, hat der Autor selbst in einer Passage ein wenig abgeschwächt. Für Keith, so zitiert der Amerikaner einen Zeitzeugen, »galt nicht die Parole ,Deutschland über alles'', sondern ,Coca-Cola über alles''«. Y

* Mark Pendergrast: »Für Gott, Vaterland und Coca-Cola. Dieunautorisierte Geschichte der Coca-Cola Company«. Verlag Zsolnay,Wien; 512 Seiten; 48 Mark.

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