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BANKEN Zocken im Morgengrauen

Eine Pleite der Finanzholding Hypo Real Estate hätte das Weltfinanzsystem in den Abgrund reißen können. Diese Woche muss Finanzminister Peer Steinbrück vor dem Untersuchungsausschuss aussagen. Die Chronik eines einzigartigen ökonomischen Dramas.
aus DER SPIEGEL 34/2009

Sabine Lautenschläger-Peiter sitzt in ihrem Büro in der Graurheindorfer Straße in Bonn. Es ist Abend, als Georg Funke, Vorstandschef der Hypo Real Estate Group (HRE), anruft. Seine Finanzholding habe ein Problem, sagt Funke.

Seit April ist Lautenschläger-Peiter Mitglied im Direktorium der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), zuständig für die Bankenaufsicht. Es waren atemlose Monate im neuen Amt. Ihr Tagesgeschäft besteht aus Krisenmanagement, es lodert an allen Ecken. Die Kapitalmärkte wollen nicht zur Ruhe kommen. Immer tiefer frisst sich die Krise in die Weltfinanzmärkte.

Gerade zwei Tage ist es her, dass das bislang Undenkbare geschah und eine internationale Großbank kollabierte. Am Montag, 15. September 2008, hatte die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden müssen. Weltweit macht sich auf den Finanzmärkten Panik breit. Die Pleite zerstört das Vertrauen zwischen den Banken. Jeder spekuliert, wen es als Nächsten treffen könnte.

Und jetzt hat sie den Chef der HRE am Telefon. Der Finanzkonzern gehört zu den Schwergewichten im Deutschen Aktienindex Dax, mit einer Bilanzsumme von knapp 400 Milliarden Euro ist er ähnlich groß wie Lehman und beherrscht 20 Prozent des deutschen Pfandbriefmarkts.

Die HRE steht seit Monaten unter verschärfter Beobachtung der BaFin. Die Bank gilt als latent gefährdet durch die Finanzkrise. Besonders das riskante Geschäftsmodell der irischen Tochtergesellschaft Depfa bereitet Lautenschläger-Peiter Sorgen. Die Depfa finanziert die Hälfte ihrer langfristigen Staatsschulden mit kurzfristigen Krediten.

Die Depfa macht die Hälfte der Bilanzsumme des Konzerns aus. Es ist ein gutes Geschäft - solange die Märkte intakt sind. Doch sobald die Banken untereinander kein Geld mehr verleihen, bricht alles zusammen. Er mache sich Sorgen um die Refinanzierungssituation der HRE, sagt Funke. Nur mit Schwierigkeiten könne die Gruppe kurzfristige Kredite für auslaufende Finanzierungen am Geldmarkt bekommen. Er muss Milliarden refinanzieren.

Es ist Mittwoch, 17. September 2008. Die Welt ist nervös, seit die Finanzkrise fast alle amerikanischen Investmentbanken Richtung Abgrund gerissen hat. Aber in Deutschland gibt es noch die Hoffnung, das könne ein Problem der Vereinigten Staaten bleiben, zumal die Krise dort begonnen hat, mit dem Zusammenbruch des Immobilienmarkts.

Sabine Lautenschläger-Peiter bleibt ruhig. Sie hält die Lage der Bank für sehr schwierig, aber beherrschbar. Sie weiß nicht, dass der globalen wie der deutschen Finanzwelt die schlimmsten zweieinhalb Wochen noch bevorstehen.

Denn bald stellt sich heraus, dass die HRE vor der Pleite steht - und diese Pleite katastrophaler wäre als die von Lehman. Das deutsche Bankhaus ist so verflochten, dass es weltweit Institute, Versicherungen und Pensionsfonds gefährden würde. Für alle Teilnehmer an der Rettungsaktion gibt es Momente, in denen sie einen Kollaps der ökonomischen Grundlagen des Wohlstands vor Augen haben.

Die HRE wird gerettet, das ist bekannt. Doch die Sache hat ein Nachspiel. Der

Bundestag hat einen Untersuchungsausschuss eingerichtet, der fragt, ob die an der Rettung beteiligten Politiker und Beamten verantwortlich gehandelt haben. In dieser Woche werden Finanzminister Peer Steinbrück und sein Staatssekretär Jörg Asmussen Rede und Antwort stehen müssen.

Es ist schon durchgesickert, dass sie an einem wohl einzigartigen Pokerspiel beteiligt waren.

Die Finanzwelt stand vor dem Kollaps, und Asmussen, Steinbrück und Bundeskanzlerin Angela Merkel warteten cool bis zur letzten Sekunde, um ein paar Milliarden für den Haushalt rauszuschlagen. Es ist gutgegangen, und deshalb erübrigt sich die Frage, ob ihr Handeln womöglich zu gefährlich war.

Es ist ein Fehler dieses Untersuchungsausschusses, dass er viele falsche Fragen stellt. Er sucht nicht nach den Ursachen im System. Er betrachtet einen Problemfall, der mit einem teuer erkauften Erfolg der Politik endete.

Erfolg rechtfertigt eine Menge. Gleichwohl sind viele Fehler passiert, die es so weit haben kommen lassen mit der HRE. Aber das war vorher.

Es begann, wie vieles in dieser Krise, mit Selbstüberschätzung und Gier. In den Vorstandsetagen der Banken und auf den Fluren der staatlichen Aufsichtsbehörden und Ministerien wurde ignoriert, wie verletzlich das internationale Finanzsystem in Wahrheit ist. Niemand konnte und wollte sich vorstellen, dass die globalen Kapitalmärkte zusammenbrechen können.

Keiner gebot dem Expansionsdrang der Banker Einhalt. Weltweit glaubten die Regierungen deren Versprechen vom immerwährenden Wachstum und lockerten die Zügel für die sensible Branche. Die Notenbanken überschwemmten die Märkte mit billigem Geld und befeuerten so die Hetzjagd nach den größten Renditen.

Deutschland sprang erst spät auf den Zug der weltweiten Liberalisierung auf, aber dann mit Vehemenz. Entschieden kappte die rot-grüne Regierung am Beginn dieses Jahrzehnts die Fesseln. Gleichzeitig versäumten es die Regierungen der EU, im zusammenwachsenden Binnenmarkt eine grenzüberschreitende Finanzaufsicht zu installieren.

Die nationalen Bankenaufsichten prüften in ihrer Heimat mit Hingabe die Abläufe in den Banken, das Liquiditäts- und Risikomanagement. Bei der Identifizierung und Bewertung von Gefahren in den Geschäftsmodellen hielten sie sich merklich zurück. Sie hatten auch kaum Eingriffsmöglichkeiten.

In dieser Welt entstand 2003 die HRE. Funke kaufte sich eilig eine Finanzholding zusammen, die bereits Ende 2005 in den Dax aufgenommen wurde. Im Sommer 2007 übernahm die HRE für mehr als fünf Milliarden Euro die Depfa in Dublin.

Schon Jahre vorher war der Staatsfinanzierer Depfa von Deutschland nach Irland umgezogen. Sein Geschäft ist grundsolide, aber es wirft nur wenig Gewinn ab - wenn man es nach den alten Regeln spielt. In Irland konnte die Depfa die Fassade der soliden Pfandbriefbank aufrechterhalten, doch in Wahrheit agierte sie wie ein aggressiver Hedgefonds. Keine deutsche Bankenaufsicht konnte sie stoppen.

Aus all diesen Gründen war die HRE im September 2008 dem Tode geweiht. Von da an wurde in zwei Anläufen an ihrer Rettung gearbeitet. Es ergibt sich das Mosaik eines ökonomischen Dramas, wie es die Bundesrepublik zuvor nicht erlebt hat.

Freitag, 19. September 2008

Sabine Lautenschläger-Peiter ruft den Leiter der Abteilung Finanzmarktpolitik im Finanzministerium in Berlin an. Sie berichtet Rolf Wenzel über die Schwierigkeiten der HRE. Tags zuvor habe Funke sie angerufen und ihr gesagt, man habe bisher Kredite über zwei Milliarden Euro organisieren können. Am Abend habe sie ihn wieder am Telefon gehabt: Leider sei es bei den zwei Milliarden geblieben.

Montag, 22. September 2008

Immer mehr Geldgeber kürzen der Depfa die Kreditlinien. Funke wendet sich an den Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, und bittet um Hilfe. Er brauche 15 Milliarden Euro. Im Finanzministerium wird Staatssekretär Asmussen von seinen Fachbeamten ein Vermerk vorgelegt, in dem vor einem Liquiditätsengpass bei der HRE gewarnt wird. Asmussen alarmiert sofort Finanzminister Steinbrück. Beide kommen überein, das Thema mit den Spitzen der deutschen Finanzwirtschaft zu beraten.

Die sind im Rahmen eines Treffens mit dem Ministerium sowie den Chefs von Bundesbank und BaFin ohnehin für den nächsten Donnerstag ins Ministerium geladen. An die wichtigsten Bankenchefs ergeht die Aufforderung, sich für ein Anschlusstreffen bereitzuhalten. Die Einladung sollen sie vertraulich behandeln.

Donnerstag, 25. September 2008

15.30 Uhr: Das Treffen mit den Vertretern der Finanzindustrie beginnt im »Großen Saal« des Bundesfinanzministeriums. Über eine Stunde debattieren Steinbrück, Bundesbank-Präsident Axel Weber und BaFin-Chef Jochen Sanio mit den Bankern, Versicherungsvertretern und Verbandsleuten über die Lage der Branche. Die HRE ist kein Thema.

Am Ende der Sitzung geleiten Bedienstete des Ministeriums die Gäste hinaus, Josef Ackermann, der Chef der Commerzbank, Martin Blessing, und Bankenpräsident Klaus-Peter Müller werden durch einen anderen Eingang wieder ins Ministerium geschleust und in einen kleinen Sitzungssaal am Ende des Ministerflurs ge- führt.

Dort warten bereits Asmussen, Bundesbank-Präsident Axel Weber und BaFin-Chef Sanio. Später kommt Steinbrück hinzu. Niemand hat Verdacht geschöpft, die Täuschung gelingt.

17.30 Uhr: Die Runde diskutiert die Schieflage der HRE. Sanio berichtet, dass dem Institut rund 15 Milliaren Euro fehlen. Alle sind sich einig, dass die Situation nicht nur für die HRE bedrohlich ist.

Ackermann sagt, dass bereits ein Team seiner Bank in der HRE die Qualität der Sicherheiten prüft. Blessing bietet die Hilfe seiner Fachleute an. Am Wochenende solle dann in der Frankfurter Dependance der BaFin ein Rettungspaket geschnürt werden. Noch gehen alle davon aus, dass die privaten Banken die Kosten dafür allein aufbringen können.

Freitag, 26. September 2008

In der Lurgiallee in Frankfurt am Main herrscht an diesem Vormittag reger Verkehr. Ständig fahren Taxen und dunkle Limousinen vor dem Dienstsitz der BaFin vor. Das gläserne Bürohaus füllt sich mit Bankern und Beamten, Rechtsanwälten und Finanzexperten.

14.30 Uhr: BaFin-Präsident Sanio eröffnet die Sitzung. Danach spricht Funke und sagt, die HRE sei eine profitable Bank. Das Liquiditätsproblem resultiere allein aus der Situation der Depfa und den Verwerfungen am Geldmarkt. Eine längerfristige Refinanzierung sei nicht mehr möglich. Der täglich zu finanzierende Schneeball werde immer größer.

Drei Stunden lang wird Kassensturz gemacht, das Ergebnis ist ernüchternd. Von 15 Milliarden Euro ist keine Rede mehr. Die Experten machen eine strukturelle Lücke von 35 Milliarden Euro aus.

Um 17.30 Uhr endet die erste Verhandlungsrunde. Die Expertenteams sollen nochmals alle Zahlen bis zum nächsten Morgen prüfen und Rettungsszenarien entwickeln.

Samstag, 27. September 2008

10.40 Uhr: Sanio, Weber und die andern beugen sich über die Ergebnisse der Nachtschicht. Vor ihnen liegt eine Art Gordischer Knoten. Wenn sie den Faden an einer Stelle lockern, zieht sich eine Schlinge am anderen Ende wieder zu. Schickt man ein Tochterunternehmen der HRE in die Insolvenz, sterben auch die anderen. Der Konzern ist zu verflochten. Und der Liquiditätsbedarf von 35 Milliarden Euro lässt sich nicht drücken. Sanio und Weber sind überzeugt, dass es ohne Staatshilfe nicht geht.

12 Uhr: Finanzstaatssekretär Asmussen verbringt den Samstag zu Hause in Berlin. Dort hat er einen komplett eingerichteten Arbeitsplatz. Eigentlich wollte er sich schon nach Frankfurt aufmachen, doch sein Minister lässt ihn nicht. Je früher Vertreter der Regierung dort auftauchen, so Steinbrücks Befürchtung, desto teurer wird die HRE-Rettung für den Bund.

Asmussen ist trotzdem nicht abgeschnitten von dem Geschehen in Frankfurt. Bundesbank-Präsident Weber hält ihn auf dem Laufenden. Mehr als ein halbes Dutzend Mal telefonieren sie miteinander. Genauso oft ruft Asmussen anschließend eine Nummer in Bonn an. Dort sitzt Steinbrück an seinem Heimarbeitsplatz.

13.50 Uhr: Sanio und Weber schicken ein Fax an Steinbrück. Die Verhandlungen seien in der entscheidenden Phase. Wenn heute keine Grundsatzentscheidung getroffen werde, drohe am Montag die Insolvenz der HRE - mit allen Konsequenzen für das System. Nach jetzigem Verhandlungsstand erscheine die gebotene zeitnahe Lösung nur möglich, wenn die Bundesregierung sich hochrangig in die Verhandlungen einschalte, heißt es.

Soll ich fahren?, will Asmussen von seinem Chef wissen. Beide sind sich mittlerweile klar darüber, dass es wegen der neuen, riesigen Löcher bei der HRE eine Lösung ohne den Bund nicht geben wird. Noch nicht, entscheidet Steinbrück. Er will die Banker weichkochen. Stattdessen bieten sie der Versammlung in Frankfurt an, ein Unterabteilungsleiter könne kommen.

15.05 Uhr: Im Sitzungsaal hat sich die Spitze der deutschen Bankenwelt versammelt, auch Ackermann und Blessing sind da. Die Vorstände der HRE sind längst ins Nebengebäude der BaFin-Zentrale verbannt worden. Niemand traut mehr ihren Zahlen und Aussagen.

Weber informiert die Runde über das Schreiben an den Finanzminister - und dessen Reaktion. Er sagt, man habe abgelehnt, einen Unterabteilungsleiter einzuladen. Die Regierung wolle sich an der Rettung offenbar nicht beteiligen.

Die Manager sind entsetzt. Reihum werfen sie ein, dass eine rein private Rettung der HRE nicht bezahlbar sei.

Noch einmal spielen die Teilnehmer die Folgen einer Insolvenz der deutschen HRE-Töchter durch - und die wäre tödlich: Konkurs der Einlagensicherung, Kollaps des deutschen Bankensystems, Chaos auf den internationalen Kapitalmärkten, Zusammenbruch des Weltfinanzsystems.

17.10 Uhr: Allen Teilnehmern ist jetzt klar, dass sie die HRE retten müssen. Fortan geht es um die Frage, wer den Preis zu zahlen hat. Ackermann sagt, es gebe nur eine Lösung mit Hilfe der Bundesregierung. Sanio vertagt die Verhandlungen.

21 Uhr: Die Runde versammelt sich wieder im Sitzungssaal. Bis 22.40 Uhr stellen drei Mitarbeiter der Anwaltskanzlei Latham & Watkins verschiedene Konzepte vor, wie man die deutschen Töchter der HRE aus dem Konzernverbund herauslösen könnte. Alle werden verworfen.

Commerzbanker Blessing fordert noch einmal die Beteiligung des Bundes an den Risiken der Rettung. Sonst stehe am Montag keine deutsche Bank mehr.

Sonntag, 28. September 2008

10.40 Uhr: In 14 Stunden und 20 Minuten ist Geschäftsbeginn der Börse in Tokio. Bis dahin muss die HRE gerettet sein. Sonst bricht alles zusammen. Die Uhr tickt. Die Runde vom Vortag setzt die Verhandlungen fort. Weber telefoniert mit Steinbrück. Der Finanzminister lehnt eine Verstaatlichung ab, berichtet der Bundesbank-Präsident der Runde über das Gespräch. Bestenfalls könne er einer Rettung durch den Einlagensicherungsfonds der Banken zustimmen.

Steinbrück und Asmussen haben beschlossen, dass der Staatssekretär nachmittags nach Frankfurt fliegen soll. Er lässt sich einen Flug buchen. Immer wieder telefoniert er mit Weber, aber auch mit Jens Weidmann, Wirtschaftsabteilungsleiter im Kanzleramt. Der sitzt in einem Hamburger Café. Zusammen mit seiner Frau will Weidmann ein freies Wochenende in der Hansestadt verbringen. Bald sind beide Spitzenbeamten nur noch in der Nähe von Steckdosen zu finden. Die Akkus ihrer Handys sind immer wieder leer telefoniert.

14.10 Uhr: Ackermann fasst den Verhandlungsstand zusammen: 15 Milliarden Euro zur Rettung sollen von der Kreditwirtschaft kommen, 20 Milliarden von der Europäischen Zentralbank (EZB), abgesichert durch eine Bundesbürgschaft. Verluste übernehmen die Banken und die Regierung je zur Hälfte. Allerdings soll für die Finanzinstitute die Haftung bei maximal zwei Milliarden Euro enden.

16 Uhr: Bundesbank-Präsident Weber nimmt für anderthalb Stunden an einer EZB-Ratssitzung teil. Die Deutschen sind nicht allein mit ihren Problemen. Zur gleichen Zeit müssen in Belgien, den Niederlanden und Frankreich Banken vor dem Untergang gerettet werden.

16.45 Uhr: Sanio tritt vor die Tür der BaFin, um Asmussen zu empfangen. Es ist ein surrealer Moment, den er sein Leben lang nicht vergessen wird. Seit zwei Tagen diskutiert er drinnen über den Untergang des globalen Finanzsystems. Nun steht er auf der Straße, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern im nahen Wald. Die Welt draußen scheint noch intakt.

17.05 Uhr: Asmussen betritt den Sitzungssaal. Die vergangenen Stunden und Tage haben deutliche Spuren hinterlassen. Ackermann findet er blass, andere Bankenvertreter wirken nervös bis panisch. Sanio setzt Asmussen ins Bild, obwohl er weiß, dass er bestens informiert ist. Der Bund müsse 20 Milliarden Euro an Ausfallgarantien bereitstellen, fordern Sanio, Weber und Ackermann. Asmussen mauert. Der Bund könne nach dem Haushaltsrecht Garantien nur übernehmen, wenn das Verlustrisiko unter 50 Prozent liege. Außerdem müsse Vorsorge dafür im Haushalt geschaffen werden, unter Umständen im Rahmen eines Nachtragshaushalts. Das könne er nicht allein entscheiden, erst müsse er mit seinem Minister und dem Kanzleramt reden. Erzürnt weist Ackermann darauf hin, dass das Finanzministerium seit Donnerstag Bescheid wisse.

17.30 Uhr: Weber kehrt von der EZB-Sitzung zurück. Frankreich habe seinen Banken heute absolute Unterstützung zugesichert, sagt Weber. Die Niederlande und Belgien hätten taumelnden Banken Garantien, die Notenbanken die erforderliche Liquidität zugesagt. Weber sagt, angesichts dieser Lage dürfe man die HRE nicht fallen lassen.

18.27 Uhr: Asmussen zieht sich zu Telefonaten zurück. In einer Schaltkonferenz stimmt die Regierung ihre weitere Linie ab. Teilnehmer sind Kanzlerin Merkel und Kanzleramtschef Thomas de Maizière, die sich in der Regierungszentrale aufhalten. Auch Weidmann hat sich mittlerweile dort eingefunden. Aus Bonn ist Finanzminister Steinbrück zugeschaltet, aus Frankfurt Asmussen. Die Runde kommt überein, von den Privatbanken zu verlangen, dass sie mehr als die Hälfte des Risikos tragen.

Zwischendurch schaltet sich die Spitze der EZB in die Gespräche ein. Präsident Trichet telefoniert mit Steinbrück und Weidmann, Chefvolkswirt Jürgen Stark mit Asmussen. Beide Zentralbanker beknien die Deutschen, die HRE um jeden Preis zu retten. Ansonsten wären die Rettungsaktionen von Franzosen und Niederländern vergebens. Der Interbankenmarkt werde am folgenden Tag unausweichlich zusammenbrechen und damit das gesamte europäische Finanzsystem.

22.45 Uhr: Asmussen legt das Angebot der Regierung vor, die Banken sollen ohne Deckelung 55 Prozent tragen. Binnen 20 Minuten müsse eine Entscheidung vorliegen. Ackermann sagt, das sei der Tod des deutschen Bankensystems. Bei Verlustrisiken von 17 Milliarden Euro würde die Refinanzierung wegbrechen. Die Banken lehnen den Vorschlag der Bundesregierung ab. Die Rettung droht zu scheitern.

23 Uhr: BaFin-Präsident Sanio sagt, wegen der zugespitzten Lage müsse die börsennotierte HRE-Gruppe bald Ad-hoc-Meldungen abgeben. Er stellt klar, dass dies ihr Schicksal besiegeln würde. Er bittet seine Mitarbeiterin Frauke Menke, die Moratorien gegenüber den deutschen Töchtern der HRE vorzubereiten.

Sanio nimmt seine beiden Protokollanten zur Seite und macht einen Uhrenvergleich. Sie schreiben jetzt genau im Minutentakt auf, was passiert, sagt Sanio. Sie schreiben das Protokoll einer historischen Stunde.

23.30 Uhr: Sanio verkündet der Runde, er schließe jetzt die Bank.

Bundesbank-Präsident Weber informiert die irische Notenbank und EZB-Chef Trichet über das Scheitern der Verhandlungen. Er ist nicht nervös. Er weiß, solange die Beteiligten glauben, noch Zeit zu haben, nutzen sie diese Zeit für Spielchen.

Ackermann verlässt den Saal, um seine Bank auf den Kollaps der Finanzmärkte vorzubereiten. Da klingelt sein Handy. Steinbrück meldet sich. Er fragt Ackermann, wie er die Lage einschätze. Der Ton zwischen den beiden ist ernst, freundlich. Ackermann sagt, wenn die HRE nicht gerettet wird, werde es schwere Verwerfungen im europäischen Finanzsystem geben. Und dann sagt er einen Satz, der ihm nicht leicht über die Lippen kommt: Leider gibt es ohne den Staat keine Lösung.

Steinbrück bietet an, dass das Risiko von Kreditausfällen hälftig geteilt wird, 17,5 Milliarden für jeden. Ackermann sagt, das würden die Banken nicht schaffen. Er werde sich dafür einsetzen, dass die Banken 7 Milliarden übernehmen würden. Steinbrück weiß, dass er dieses Angebot annehmen müsste, falls Ackermann hart bliebe. Es ist für ihn undenkbar, die HRE und damit das Bankensystem kollabieren zu lassen. Aber er will noch etwas für den Staat herausholen.

Es ist noch gut eine Stunde, bis das Börsengeschäft in Asien anläuft, eine Stunde bis zur Katastrophe, und Steinbrück beginnt die heiße Phase des Pokerspiels. Er müsse das mit Angela Merkel besprechen. Sie werde sich bei Ackermann melden.

23.57 Uhr: Ackermann läuft zurück in das Verhandlungszimmer. Halt, ruft er, stoppen Sie die Vorbereitungen für das Moratorium, vielleicht ergibt sich doch noch eine Möglichkeit.

Montag, 29. September 2008

0.08 Uhr: Weber greift zum Telefon. Er ruft die irische Bankenaufsicht an. Maßnahmen gegen die Depfa sind noch nicht erforderlich, da weiterverhandelt werde, erklärt er dem Kollegen in Dublin.

Inzwischen telefoniert Steinbrück mit der Bundeskanzlerin. Sie einigen sich darauf, dass Merkel 10 Milliarden Euro von Ackermann fordern soll.

0.45 Uhr: Merkel ruft Ackermann an. Sie sagt ihm, dass die Bundesregierung von den Banken einen Beitrag von 10 Milliarden Euro erwarte.

Das ist zu viel, sagt Ackermann.

9 Milliarden, sagt Merkel.

Noch zehn Minuten bis zum Kollaps. In Tokio betreten die Händler das Börsenparkett und schalten ihre Computer ein.

Merkel und Ackermann einigen sich auf 8,5 Milliarden.

Er müsse das mit den Kollegen besprechen, sagt Ackermann.

Er geht zurück ins Verhandlungszimmer, erzählt von den 8,5 Milliarden und sagt, dass es keine andere Möglichkeit gebe, als zuzustimmen. Die anderen nicken.

1.05 Uhr: Ackermann ruft Merkel an und sagt, dass die Banken 8,5 Milliarden Euro des Ausfallrisikos übernehmen würden. Dann haben wir einen Deal, sagt Merkel. Die HRE ist gerettet. Vorerst.

In dieser Nacht wird vereinbart, dass die HRE Kredite über 35 Milliarden Euro erhält. Der Staat bürgt für 20 Milliarden Darlehen, die über die Notenbanken kommen. 15 Milliarden stellt die Finanzwirtschaft zur Verfügung. Auch die Lasten werden verteilt. Müssen Kredite abgeschrieben werden, stehen die Banken für 60 Prozent der Verluste ein, den Rest trägt der Bund; die Haftung der Banken wird auf 8,5 Milliarden Euro begrenzt, damit eine HRE-Pleite sie nicht in die Tiefe reißt.

Am Morgen telefonieren Weber und Ackermann. Es geht darum, wer welchen Anteil des Risikos übernehmen solle.

Weber bittet Ackermann, dass die Spezialisten für Liquiditätsmanagement der Deutschen Bank prüfen, wie verlässlich die Zahl von 35 Milliarden Euro Liquiditätsbedarf der HRE tatsächlich ist. Ackermann sagt zu, seine Fachleute nach Dublin und München zu schicken.

Die Nachricht von der Rettung der HRE beruhigt die Märkte nicht. Der Aktienkurs bricht um 74 Prozent ein.

In Berlin erläutert Steinbrück am Vormittag den Mitgliedern aller Bundestagsfraktionen das Rettungspaket. Als er danach vor die Kameras tritt, spricht er von einer »geordneten Abwicklung« der HRE. Der Satz ist eine Dummheit des Finanzministers, weil es nun so aussieht, als stünde die Bank kurz vor dem Ende. Bereits kurz danach versucht das Ministerium die Bemerkung wieder einzufangen.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

10.15 Uhr: Hugo Bänziger, Vorstandsmitglied und oberster Risikomanager der Deutschen Bank, ruft Sanio an. Eben hätten sich seine Spezialisten aus Dublin gemeldet. Sie haben den Eindruck, die HRE habe wesentliche Informationen zurückgehalten, sagt Bänziger.

17.21 Uhr: Die Nachrichtenagentur dpa meldet, dass in der Bundesbank in Frankfurt Gespräche über das Rettungspaket für die HRE liefen. Es gilt, die Bürgschaft der Privatwirtschaft von 8,5 Milliarden Euro zwischen den Banken, Sparkassen und Landesbanken, der Versicherungswirtschaft, den Genossenschaftbanken und Förderbanken zu verteilen. Ebenso muss der Liquiditätskredit von 15 Milliarden Euro zwischen den Konsortialpartnern verteilt werden. Denn Ackermann hat ohne Absprache mit der Finanzwirtschaft in den Deal mit der Kanzlerin eingeschlagen.

Freitag, 3. Oktober 2008

2 Uhr: Die Verhandlungen gehen ihrem Ende entgegen. Man hat sich über die Verteilung geeinigt, doch es ist eine Einigung ohne Wert. Denn aus der HRE-Gruppe fließt das Geld in Strömen ab. Die 35 Milliarden Euro reichen nicht. Am Ende des Tages ist klar, dass der Liquiditätsbedarf auf 50 Milliarden Euro gestiegen ist.

Samstag, 4. Oktober 2008

Am Vormittag ruft die BaFin-Mitarbeiterin Frauke Menke in der HRE-Zentrale an und teilt mit, das Rettungspaket sei gescheitert. Nun muss bis Sonntagabend eine neue Lösung gefunden werden.

19.44 Uhr: Die HRE gib eine Ad-hoc-Meldung raus. Sie teilt mit, dass die Rettungsaktion vom vorangegangen Wochenende gescheitert ist.

Zur gleichen Zeit gibt Angela Merkel eine Pressekonferenz in Paris. Niemand hat sie vorher informiert. Auch Asmussen und Weidmann sind im Pressesaal. Ihre Handys fangen an zu vibrieren. Die beiden Beamten verlassen den Saal.

Bundesbankpräsident Weber und BaFin-Chef Sanio rufen an. Aus dem Stand wird ein weiteres Krisentreffen für den folgenden Sonntag in Berlin einberufen.

Auf dem Rückflug berät Merkel mit Asmussen und Weidmann die Situation. Sie diskutieren über eine Garantieerklärung des Staats für alle Sparguthaben. Die Regierung hat von der Bundesbank alarmierende Nachrichten bekommen. Geldscheine über 100 Euro werden knapp. Ein deutlicher Hinweis, dass die Bürger aus Misstrauen gegenüber Banken Bargeld horten.

Sonntag, 5. Oktober 2008

10 Uhr: Asmussen, Weidmann, Weber und Sanio treffen sich im Finanzministerium, um die Verhandlungen vorzubereiten. Auf Nachfrage hat die HRE gemeldet, dass es bei einem zusätzlichen Liquiditätsbedarf von bis zu 15 Milliarden Euro geblieben ist. Insgesamt müssen 50 Milliarden Euro an diesem Tag aufgebracht werden.

Steinbrück ruft Merkel an. Sie beschließen, gemeinsam eine Patronatserklärung des Staats für die Sparguthaben der Bürger abzugeben.

Kurz darauf ruft Merkel wieder an. Wir geben die Erklärung getrennt an unterschiedlichen Orten ab, sagt sie. Erst Sie, dann ich. Merkel legt auf.

Steinbrück ist irritiert. Er versteht die Logik der Abfolge nicht. Er ist drauf und dran, Merkel anzurufen, als sein Handy wieder klingelt. Es bleibt bei dem gemeinsamen Termin, sagt Merkel.

15 Uhr: Im Kanzleramt treten Merkel und Steinbrück für zwei Minuten vor die Kameras. Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass Ihre Einlagen sicher sind, sagt die Kanzlerin. Wir müssen die HRE stabilisieren, weil sonst der Schaden für Deutschland und Europa untaxierbar groß werden könnte, sagt der Finanzminister. Sie wirken bleich und angeschlagen.

In Raum 4379 des Finanzministeriums trifft sich zur gleichen Zeit die Krisenrunde. Auf der einen Seite des Tisches nehmen die Vertreter der öffentlichen Hand Platz: Finanzstaatssekretär Asmussen, Kanzlerberater Weidmann, Bundesbank-Präsident Weber und BaFin-Chef Sanio. Ihnen gegenüber sitzen die Spitzen der deutschen Finanzbranche.

Nach vier Stunden steht die Lösung im Groben. Der Bund dehnt seinen Bürgschaftsrahmen nicht aus, wohl aber die Finanzwirtschaft. Im Gegenzug bekommt sie dafür Zugriff auf die HRE-Sicherheiten.

22 Uhr: Es ist vollbracht. Der Text steht. Die Runde verlagert sich in den Großen Saal, um bei einem Glas Wein auszuspannen. Steinbrück , der die ganze Zeit in seinem Büro Aktien bearbeitet hat, stößt dazu.

Montag, 6. Oktober 2008

1 Uhr: Die Runde ist kleiner geworden. Der Finanzminister sitzt mit Asmussen, Weber, Müller, Blessing und Ackermann zusammen. Bis halb drei Uhr nachts diskutieren sie die Frage, ob sie jetzt weiter von Fall zu Fall stolpern sollen oder eine systemische Antwort finden.

Es ist die Stunde des Bundesbank-Präsidenten. Seit September geht er mit der Idee eines staatlichen Rettungsfonds für Banken hausieren und ist auf wenig Gegenliebe gestoßen. Doch der Schrecken der vergangengen Woche ist den Beteiligten tief in die Knochen gefahren.

Am Ende sind sich alle einig, dass es eine grundsätzliche Lösung geben müsse. Noch in der Nacht, das Weißweinglas in der Hand, erteilt Steinbrück seinem Staatssekretär Asmussen den Auftrag, das Konzept für ein Finanzmarktstabilisierungsgesetz zu erarbeiten. Am Morgen macht sich Asmussen an die Arbeit. Eine Woche später verabschiedet die Regierung den Entwurf, fünf Tage später beschließen Bundestag und Bundesrat das Gesetz.

Kernelement ist der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung, der Banken in Schieflage mit Garantien oder frischem Eigenkapital versorgt. Auch die HRE nahm diesen Fonds noch mehrfach in Anspruch. Bislang stützt der Bund das notleidende Institut mit fast hundert Milliarden Euro an Bürgschaften und Krediten. Mittlerweile gehört es fast vollständig dem Bund.

MARKUS DETTMER, DIRK KURBJUWEIT,

CHRISTIAN REIERMANN

* Am 5. Oktober 2008 bei einer kurzfristig anberaumtenPressekonferenz im Kanzleramt in Berlin.

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