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GELDANLAGE Zu sehr verwöhnt

Immobilien und Gold sind kaum noch attraktiv, Anleihezinsen wenig verlockend: Viele Sparer wissen nicht, wohin mit dem Geld. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Das Mädchen, ein Lehrling des Hauses, hatte eine ungewöhnliche Aufgabe zu erfüllen: Es griff in einen Sektkübel, zog ein Los und verkündete, daß die Nummer sieben gewonnen habe.

Es war ein Glücksspiel, veranstaltet von der Deutschen Bank. Verlost wurden, des Andrangs wegen, die jungen Aktien der Schuh- und Sportartikelfirma Puma. Die Bank hatte jeden Interessenten unter einer Nummer in Listen aufgenommen; wer die Endziffer sieben hatte, bekam fünf Papiere.

Das hat gelohnt. Die Puma-Aktien wurden Mitte Juli für 310 Mark das Stück ausgegeben, vergangenen Freitag war der Kurs auf 805.

Doch selbst solche Treffer im Spiel ums Geld frustrieren den pfiffigen Spekulanten, der sein Erspartes vermehren möchte. Was bringt ihm schon ein Kurssprung von über 150 Prozent, wenn der Einsatz so begrenzt ist?

Viele Sparer, die ein paar Tausender oder auch mehr beisammen haben, sind ratlos. Sie wissen nicht, wohin mit dem Geld, die Früchte einer Anlage sind zu wenig verlockend.

Weltweit sinken die Zinsen. Auf Sparbüchern werden hierzulande gerade noch 2,5 Prozent gutgeschrieben. Immobilien und Edelmetalle versprechen derzeit ebenfalls wenig Gewinn, oft genug drohen sogar Verluste. Und daß die Aktienkurse weiter so kräftig steigen wie seit Jahren, scheint kaum wahrscheinlich.

Die Enttäuschung ist groß. »Vielleicht«, sinniert Diethard Simmert, Chef-Ökonom beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Bonn, »sind die deutschen Anleger in der Vergangenheit auch zu sehr verwöhnt worden.«

Sie konnten zumindest, wenn sie sich nicht auf windige Steuersparmodelle einließen, kaum schwere Fehler machen. Wer sein Geld gut anlegen wollte, mußte sich lediglich an einen festen Trend anhängen.

Erst waren es die Immobilien, die sicheren Wertzuwachs versprachen. Wer Grundstücke kaufte und Mietshäuser baute, durfte drei Jahrzehnte lang staunen, wie tüchtig das Kapital arbeitete. »Die Dummen«, sagt der Münchner Immobilien-Experte Thomas Vorwerk, »schafften 20 Prozent Gewinn, die Schlauen 200 Prozent.«

Seit fünf Jahren ist das freilich ganz anders. Die Preise stürzten, regional unterschiedlich, um 15 bis 60 Prozent. Der Markt ist kaputt, weiß Vorwerk heute,

und er »wird nie wieder das werden, was er einmal war«.

Auch beim Gold ist der Trend längst gekippt, auf schnelle Profite sollte derzeit niemand setzen. »Der Privatanleger fehlt als Käufer von Edelmetallen«, sagt Peter Kanstein vom Londoner Brokerhaus Shearson Lehman Brothers.

Dabei konnten Goldfreunde - wenn sie richtig ein- und ausstiegen - beinahe ein Jahrzehnt lang ähnlich schöne Gewinne machen wie Immobilien-Käufer. Der Preis für eine Unze Feingold (31,1 Gramm) kletterte seit 1970 von 35 Dollar (damals rund 150 Mark) bis auf 850 Dollar (etwa 1500 Mark) am Jahresanfang 1980. Seitdem sackte der Preis. Derzeit kostet eine Unze etwa 360 Dollar.

Für deutsche Anleger, die noch ein paar Münzen und Barren im Safe aufbewahren, sind die Verluste besonders schmerzlich, denn der Dollar-Kurs fiel. Für einen Krügerrand etwa, der noch vor Jahresfrist mehr als 1000 Mark gekostet hatte, bezahlten Sparkassen und Banken vergangene Woche gerade 733 Mark.

Die Experten warnen davor, Geld in Gold zu tauschen - die Preise könnten noch weiter fallen. »Die Aussichten sind«, wie die Dresdner Bank fein formuliert, »auf kurze bis mittlere Sicht eher zurückhaltend einzuschätzen.

Ähnlich vorsichtig gehen Vermögensberater inzwischen mit Wertpapieren um. Auch hier scheinen die Zeiten des mühelosen Geldverdienens zunächst vorbei.

Rentenwerte werfen schon seit Monaten nur kleine Renditen ab. Bundesobligationen bringen jetzt bei fünfjähriger Laufzeit nur 5,5 Prozent Zins. Alle wichtigen wirtschaftlichen Daten, meint die Deutsche Girozentrale-Deutsche Kommunalbank (DGZ), »zeigen eine weiter abwärts gerichtete Zinsentwicklung an«.

Damit ist die Realverzinsung - Nominalzins minus Teuerungsrate - immer noch höher als in den letzten 30 Jahren. Doch die Sparer rechnen offenbar anders. Sie sehen vor allem auf die Nominalzinsen, die tatsächlich nur selten, etwa 1961 oder 1978, so niedrig waren wie heute.

Die Liebhaber von Anleihen orientieren sich offensichtlich an vergangenen Größen. Viele haben Papiere aus den Jahren 1980 bis 1984 im Depot, die immer noch acht, neun, zehn Prozent oder gar mehr abwerfen. In dieser Zeit kauften Bundesbürger, Banken nicht mitgerechnet, für 220 Milliarden Mark festverzinsliche Wertpapiere.

Doch inzwischen sind deutsche Anleger auf dem Rentenmarkt zu einer kleinen Minderheit geworden. »Auf Platz eins schoben sich die Ausländer«, kommentiert die Bayerische Landesbank den »Szenenwechsel bei den Käufern«. Für Ausländer verlockend, glaubt die Bank, sei »in erster Linie die Aufwertungsphantasie": Bei einer Aufwertung der Mark verbuchen ausländische Investoren einen ordentlichen Bonus.

Schon 1985 stockten Ausländer ihre Wertpapierbestände aus Deutschland um 42,5 Milliarden Mark auf. Von Januar bis Mai 1986 orderten sie nochmals für 28,2 Milliarden Anleihen und für weitere 8,5 Milliarden Mark Aktien.

Wer den Trend rechtzeitig erkannte, konnte - vor allem mit Aktien - mühelos viel Geld verdienen. Im Sommer 1982 begann eine langanhaltende Hausse an den deutschen Börsen. Im Schnitt haben sich die Aktienkurse bis April 1986 mehr als verdreifacht.

Doch seit April fallen die Kurse. Der Aktienindex sackte um ein Fünftel ab. Zwar reden manche Börsenkenner schon wieder von einem neuen Boom, doch die Stimmung ist noch gedämpft.

Nach den Kursstürzen der jüngsten Vergangenheit, argwöhnt Alfred Heszheimer von der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank, habe das Vertrauen der Anleger in die weitere Entwicklung »fühlbar gelitten«.

Mit neuen »Jubelkursen«, bestätigte die Deutsche Bank, sei in der Tat nicht zu rechnen. Der Verlauf der Zinsen sei »unklar«, der Kurs des Dollars »unsicher«.

Viele Sparer suchen deshalb mit Tricks ihr Geld sicher und gewinnbringend unterzubringen. Manche legen es, ohne Rücksicht auf Währungsrisiken, der höheren Nominalzinsen wegen in Finnland, Frankreich oder den USA an. Andere schmuggeln Gold und Silber, um die fällige Steuer zu sparen, aus Österreich oder Luxemburg über die Grenzen.

Doch die meisten Deutschen halten ihr Geld lieber erst einmal fest, ehe sie sich auf riskante Geschäfte einlassen. Sie horten Bares oder nehmen die spärlichen Zinsen mit, die ihnen das Sparbuch bringt, und warten auf bessere Zeiten.

Für andere sind deshalb die guten Zeiten längst da. Rund 640 Milliarden Mark an Spargeldern sind inzwischen bei Banken und Sparkassen geparkt - und die wissen, wie ihre goldenen Geschäftsabschlüsse belegen, dieses Geld sehr wohl zu mehren. _(höchster bzw. tiefster ) _(Monatsdurchschnitt )

[Grafiktext]

WOHIN MIT DEN TAUSENDERN? Die Probleme der Geldanleger in der Bundesrepublik GOLD-Preise fallen Verkaufspreis in Mark je Kilogramm Quelle: Degussa Jahres-Höchstwert Jahres-Tiefstwert 4831,90 6979,13 30318,42 39650,90 27724,09 25042,22 AKTIEN-Kurse: Höchststand Commerzbank-Index 1953 = 100 Jahres-Höchstwert Jahres-Tiefstwert 640,2 797,3 2278,8 1762,4 Festverzinsliche WERTPAPIERE: Tiefststand Jahres-Höchstwert Jahres-Tiefstwert 8,7 7,7 11,5 9,2 6,4 5,6 Umlaufsrenditen in Prozent BAULAND-Preise kippen Jahres-Höchstwert Jahres-Tiefstwert 40,23 119,91 114,04 Kaufpreise für baureifes Land in Mark pro Quadratmeter

[GrafiktextEnde]

höchster bzw. tiefster Monatsdurchschnitt

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