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Automobile Zu stark gefordert

VW steht vor einer harten Entscheidung. Amerikaner kaufen kaum noch Volkswagen. Muß sich der Konzern vom US-Markt zurückziehen?
aus DER SPIEGEL 42/1993

VW-Chef Ferdinand Piech setzt sich gern ehrgeizige Ziele. Realistisch sind sie selten.

Auf dem amerikanischen Markt, so verkündete Piech noch vor wenigen Wochen, wolle VW den Absatzeinbruch stoppen und versuchen, wieder jene Position zu besetzen, die einst der Käfer für Volkswagen eroberte: einen Marktanteil von fünf Prozent. »Wer Amerika verliert, verliert die Welt«, sprach der Vorsitzende.

Wenn es denn so ist, muß Piech selbst sich sorgen. Das VW-Management prüft ernsthaft, ob Volkswagen sich völlig vom amerikanischen Markt zurückziehen soll. Europas größter Autohersteller steckt so tief in der Krise, daß Piechs Manager auf einer Sitzung des Konzernvorstands dafür plädierten, den Verkauf der VW- und Audi-Modelle in den USA, der nur noch Verluste einbringt, einzustellen. »Wir haben wahrscheinlich gar keine andere Wahl«, sagt ein Spitzenmann in Wolfsburg.

Auf dem größten Automarkt der Welt, wo VW Jahr für Jahr immer weniger Käufer locken kann (siehe Grafik), erreicht der Absatz in diesem Jahr einen absoluten Tiefpunkt. In den ersten neun Monaten konnten VW und Audi in den USA nur noch 43 685 Autos verkaufen, 39 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Der Marktanteil ist auf 0,4 Prozent gesunken. Selbst der kleine japanische Hersteller Subaru verkauft mehr Wagen in den USA.

Der VW-Vorstand wird sich bald entscheiden müssen, weil der angeschlagene Konzern die Verluste aus dem Nordamerika-Geschäft - in diesem Jahr internen Berechnungen zufolge über 500 Millionen Mark - kaum noch verkraften kann. In Europa bricht der Absatz fast aller Marken (VW, Audi und Seat) ein, die meisten Töchter arbeiten mit Verlust, und dem Konzern fehlt das Geld, alle kränkelnden Gesellschaften weiter durchzuschleppen.

Zudem gerät Volkswagen auf dem Heimatmarkt in Bedrängnis. Der Konzern muß in Deutschland wesentlich mehr Arbeitsplätze streichen als geplant. Von 112 000 Stellen sollten bis Ende nächsten Jahres 12 000 wegfallen. Nach den neuesten Berechnungen des VW-Vorstands werden bis Ende 1994 aber nur noch 85 000 Beschäftigte benötigt - Folge der korrigierten Verkaufsprognosen.

Die »schwarze Null«, das ausgeglichene Konzernergebnis, das Piech als Ziel für sein erstes Dienstjahr in Wolfsburg vorgegeben hat, ist längst Utopie. Von den angeblich so grandiosen Einsparungen des Vorstands Ignacio Lopez, gegen den wegen des Verdachts der Industriespionage ermittelt wird, ist wenig zu merken.

Zugespitzt hat sich die Lage vor allem, weil die spanische Tochter Seat für eine höchst unangenehme Überraschung sorgte. Als die VW-Spitze von der Schieflage bei Seat erfuhr, drohte dem Unternehmen schon der Konkurs. Den konnte Wolfsburg mit einer Soforthilfe von 1,5 Milliarden Mark verhindern.

Doch damit ist Seat nur für ein paar Monate gerettet. Zur langfristigen Sanierung des spanischen Unternehmens sind, wie erste Berechnungen der VW-Experten ergaben, noch weitere Milliarden nötig.

Der finanzschwache Volkswagen-Konzern steckt in einem Dilemma: Er muß entweder Seat schließen, um die erforderlichen Milliarden-Investitionen zu sparen, oder sich von einem weiteren großen Verlustgeschäft, dem Autoverkauf in den USA, trennen.

Bei dieser Alternative, so ein VW-Vorstand, müsse die Entscheidung »relativ eindeutig« ausfallen. Die Schließung der vier Seat-Fabriken in Spanien ist bei den dort geltenden Sozialgesetzen derart teuer, daß sie kaum in Frage komme. In den USA hingegen, wo VW seit der Aufgabe des Werkes in Westmoreland 1988 keine Produktionsstätte mehr besitzt, wäre der Abgang »eher zu verkraften«.

Der Rückzug aus dem US-Markt wird, wenn der Vorstand sich denn dazu entschließt, das Ende einer langen Leidensgeschichte. Nur noch Erinnerung sind jene Erfolgsjahre, in denen Volkswagen über eine halbe Million Käfer in den USA verkaufte und als Symbol des deutschen Wirtschaftswunders galt. Konsequentes Mißmanagement, über Jahre hinweg, sorgte danach für einen beispiellosen Niedergang.

Der zunächst in Westmoreland produzierte Käfer-Nachfolger, der Golf, traf nicht den Geschmack der Amerikaner und wurde zudem oft in lausiger Qualität ausgeliefert. Die Wolfsburger Führung sah dem Niedergang weitgehend tatenlos zu. Sie paßte die Produktion des Rabbit - wie der Golf in den USA hieß - an die geschrumpften Verkaufszahlen an, bis sich eine eigene Montagefabrik in den USA überhaupt nicht mehr lohnte. Schließlich wurde das Werk geschlossen.

Aus der VW-Fabrik in Mexiko, so hatte es Piechs Vorgänger Carl Hahn geplant, sollten fortan die Fahrzeuge für den US-Markt kommen. Doch nachdem Piech in Wolfsburg die Führung übernommen hatte, leistete er sich eine schlimme Fehlplanung, die den Niedergang von Volkswagen in den USA beschleunigte.

Der VW-Chef untersagte die Lieferung des Golf in die USA, weil die Qualität der Wagen aus Mexiko lange Zeit recht erbärmlich war. Die amerikanischen Händler, die schon Werbung für das Modell gemacht hatten, bekamen monatelang keine Fahrzeuge. Auch aus der Wolfsburger Produktion wurden kaum Wagen nach Amerika geschickt - der Export aus Deutschland ist für VW beim niedrigen Dollarkurs ein Verlustgeschäft.

Ergebnis dieser Strategie: In den USA fehlten den Händlern Fahrzeuge, und in Wolfsburg mußte für die Golf-Fertigung Kurzarbeit eingeführt werden.

Mitte dieses Jahres hatte Piech dem Aufsichtsrat noch eine Vergleichsrechnung vorgelegt, nach der es für den Konzern trotz hoher Verluste sinnvoll sei, auf dem amerikanischen Markt vertreten zu bleiben. Danach wären die Kosten für den Rückzug vom US-Geschäft höher als die Verluste, die der VW-Vorstand noch bis 1996 in den USA erwartet.

Inzwischen aber haben sich die Relationen geändert. Der Absatzeinbruch ist stärker, die Verluste werden höher als erwartet. Und vor allem: Volkswagen ist durch die erforderlichen Milliardenzahlungen an Seat so stark gefordert, daß der Wolfsburger Konzern sich die dauerhafte Subventionierung des Amerika-Geschäfts wohl kaum noch leisten kann.

Die Entscheidung wird Piech nicht leichtfallen. Gibt er Amerika auf, muß er gleichzeitig eine ganze Reihe eigener Fehler eingestehen, die er nicht mehr seinem Vorgänger zuschieben kann.

Lange zaudern indes darf er nicht mehr. In diesem Jahr verliert Volkswagen an jedem in den USA verkauften Fahrzeug mehr als 8000 Mark. »Allzulange«, so ein VW-Manager, »halten wir das nicht mehr durch.« Y

[Grafiktext]

_146b Verkaufszahlen von VW und Audi in den USA

[GrafiktextEnde]

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