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STEUERN Zu viele Frachter

Schlußverkauf für Steuersparer und Abschreibungskünstler: Am 31. Dezember werden viele Schlupflöcher geschlossen.
Von Hermann Bott
aus DER SPIEGEL 47/1998

So viele Schiffe wie in diesen Wochen sind in Norddeutschland noch nie gehandelt worden: Derzeit verkaufen sich die Reeder gegenseitig ihren alten Frachter. Jeder will noch bis Silvester Gerät im Wert bis zu 15 Millionen Mark loswerden, teurere Schiffe werden in Beteiligungen bis 15 Millionen Mark aufgeteilt und scheibchenweise verhökert.

Rudolf August Oetker, Herr über die Reedereigruppe Hamburg Süd, habe bereits Schiffe an seine acht Kinder übertragen, berichten Hamburger Reeder. Andere Schiffseigner verschenken rasch ihr schwimmendes Vermögen an Kinder und Ehefrauen oder verkaufen.

Die hanseatischen Millionäre nutzen ein Schlupfloch, das die Steuerreformer unter Oskar Lafontaine übersehen haben. Gewinne aus dem Verkauf von Schiffen sind vom nächsten Jahr an voll steuerpflichtig; bis Jahresende fordert der Fiskus nur seinen Anteil an der Hälfte des Veräußerungsgewinns - sofern der Gewinn jedes Gesellschafters nicht mehr als 15 Millionen Mark beträgt.

»Wir verstehen nicht den unendlich langen Gestaltungszeitraum, den uns die Steuerreform gibt«, wundert sich ein Reeder. Aber jeder profitiert von der Chance, noch schnell einen Gewinn zu realisieren, um statt 53 Prozent Einkommensteuer nur 26,5 Prozent zu zahlen. Oder sie vermachen ihren Kindern Schiffe, um Schenkungsteuern zu mindern.

Lafontaine und seine Truppe haben eine Reihe von Steuervergünstigungen gestrichen, mit denen Großverdiener ihre Steuern gegen null drücken konnten. Nur noch Verluste bis 100 000 Mark (Ledige) oder 200 000 Mark (Verheiratete) dürfen voll von dem zu versteuernden Einkommen abgesetzt werden; was darüber hinausgeht, erkennt das Finanzamt nur zur Hälfte an. Schon Lafontaine-Vorgänger Theo Waigel hatte die hohen Sonderabschreibungen für die Sanierung von Ost-Immobilien und für Schiffsbeteiligungen ab 1999 abgeschafft.

Am ärgsten trifft es die Steuersparer, die ihr Geld in einen Flugzeugleasing-Fonds oder in eine Schiffsbeteiligung gesteckt haben. Wenn die Investition abgeschrieben ist und das Flugzeug oder Schiff verkauft wird, muß der Veräußerungsgewinn künftig voll versteuert werden.

Schiffe sind nach zwölf Jahren voll abgeschrieben und werden spätestens dann verkauft - in der Regel zu einem Preis, der etwa die Hälfte der Anschaffungskosten beträgt. Dieser steuerbegünstigte Veräußerungsgewinn hat wesentlich dazu beigetragen, daß die rund 30 Anbieter von Schiffsbeteiligungen in ihren Prospekten den Anlegern zweistellige Renditen vorrechnen konnten.

Fordert das Finanzamt seinen gesamten Anteil am Veräußerungsgewinn, verliert eine Schiffsbeteiligung an Attraktivität. Übersehen haben die Steuerreformer wohl, daß Schiffe nicht nur von steuersparenden Besserverdienern finanziert werden, sondern auch von Reedern. Die kassieren jetzt noch schnell den Veräußerungsgewinn und drücken damit ein wenig die Mehreinnahmen, die Finanzminister Lafontaine erwartet: Die gestrichenen Steuergeschenke für Reiche sollen in vier Jahren über 17 Milliarden Mark mehr in die Kasse bringen.

Im nächsten Jahr wird »der große Boom der Steuersparmodelle beendet sein«, sagt Dieter Ondracek, Vorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft. Zu den sinnlosesten Steuergeschenken gehört die Subventionierung von Schiffen, die zu einem guten Teil in Südkorea oder Polen gebaut wurden.

»Das Geld schwimmen lassen«, hatte die Wirtschaftszeitung »Handelsblatt« seiner gutbetuchten Leserschaft empfohlen. Zigtausende von Anlegern haben den Rat befolgt und Geld steuermindernd in den Bau von Schiffen gesteckt. Anfang der neunziger Jahre flossen rund 500 Millionen Mark in Schiffsbeteiligungen, im vergangenen Jahr waren es drei Milliarden.

Das nahezu einzige Argument, das die Besserverdiener zu einer Schiffsbeteiligung brachte, war - und ist noch bis Silvester - die Verlustzuweisung. Ein Anleger mit dem höchsten Steuersatz, der sich mit 100 000 Mark an einem Schiffbau beteiligt, spart bei einer Verlustzuweisung von 125 Prozent 75 700 Mark Steuern - das Finanzamt schenkt ihm über 70 Prozent seiner Investition. Thomas Völkers, Geschäftsführer der Hanseatischen Capital Invest, dem Branchenführer bei Schiffsbeteiligungen: »Der mündige Bürger kann auswählen, ob sein Geld nach Bonn geht oder zur Sietas-Werft.«

In sechs Wochen ist damit Schluß, kein Großverdiener kann mehr mit Schiffen, Windkraftanlagen, Filmproduktionen, Immobilien und Flugzeugen künftig seine Steuern auf Null bringen. Bis Silvester aber werden die Verkäufer noch einmal das ganz große Geschäft machen - ob die Geldanlage sich wirtschaftlich rechnet oder nicht, spielt eine untergeordnete Rolle bei den Steuersparern.

Trotz vollmundiger Prognosen der Verkäufer warfen Schiffsbeteiligungen schon bislang oft eine mickrige Rendite ab und brachten nicht selten trotz hoher Steuergeschenke reale Verluste.

»In den letzten zwei Jahren sind zu viele Frachter gebaut worden«, sagt der Hamburger Schiffahrtsexperte Jürgen Dobert, »vor allem wegen der hohen Sonderabschreibungen.« Ein katastrophales Überangebot besonders bei mittelgroßen Containerschiffen habe die Frachtraten bis zu 50 Prozent abstürzen lassen. Und daran wird sich auch kaum etwas ändern.

Damit sind die Wirtschaftlichkeitsberechnungen in den Prospekten Makulatur, die Frachten fahren dem Anleger reale Verluste ein. HERMANN BOTT

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