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AFFÄREN Zünder und Zaster

Ein Hamburger Unternehmer, der nach abenteuerlichen Finanzplänen eine südamerikanische »Freihandelszone« errichten wollte, ist mit Deutschlands zweitgrößtem Möbelversandhaus in Konkurs geraten.
aus DER SPIEGEL 25/1976

Als Konkursverwalter Karl-Heinz Käck bei der Steinheimer Möbel-Becker GmbH & Co. KG mit einem fünfköpfigen Buchprüfer-Trupp anrückte, gab sich Firmeninhaber Peter Linnert in seinem 260 Kilometer entfernten Villen-Hauptquartier in der Hamburger Elbchaussee 359 hanseatisch gelassen. Selbstbewußt versprach der Chef des zweitgrößten deutschen Möbelversand-Unternehmens (Jahresumsatz 1974: rund 100 Millionen Mark), es sei »genügend Geld für einen Zwangsvergleich vorhanden«.

Wenige Tage später stand für Käck fest, daß es um die Rechenkünste des Doktors der Betriebswirtschaftslehre nicht zum besten steht. Just jenes Unternehmen, das Linnert zum Kernstück eines weltumspannenden Konzerns ausersehen hatte, war nicht mehr zu retten.

Eigentlich hatte Linnert seinen Möbelversand Ende Mai mit den »Vereinigten Zünder- und Kabelwerken AG« fusionieren wollen, einem Unternehmen, das sich unter seiner Regie schon seit Jahren weder mit Zündern noch mit Kabeln abgab, sondern mit allerlei Vermögenstransaktionen den Spitznamen »Vereinigte Zasterwerke« redlich erwarb.

Schon Anfang letzten Jahres hatte der unternehmungslustige Betriebswirt seinen Aktionären angekündigt, er plane, »Investitionen in verschiedenen Bereichen in Deutschland und auf der ganzen Welt unter Beteiligung anderer Partner« vorzunehmen.

Tatsächlich konnte Linnert seinen Mitgesellschaftern auch bald etliche Beteiligungen präsentieren. Neben einer »Multicolor Teppiche Vereinigte Zünder- und Kabelwerke AG & Co. KG« und einer »Kosmetika-Vertriebsgesellschaft Vereinigte Zünder- und Kabelwerke AG & Co. KG« hatte er in Guatemala zum Beispiel die Option auf ein 25 000 Hektar großes Waldareal erworben, auf dem er die angeblich »erste Freihandelszone Südamerikas« zu errichten versprach.

Außerdem wollte er ein Marmorwerk bauen, das bis nach Japan liefern sollte. Für den Transport hatte er zeitweilig sogar ein eigenes Schiffahrtsunternehmen vorgesehen, das von seinem mit Kapitänspatent ausgestatteten Bruder kommandiert werden sollte.

Zunächst einmal vergnügte sich »Doktor Hokus Pokus« (so nannten ihn bald Gesprächspartner) auf ausgedehnten Geschäftsreisen nach Mauritius, Guatemala und in die Schweiz. Erinnert sich ein ehemaliger Linnert-Geschäftsfreund: »Fast die gesamten Aktiva der Zünder- und Kabelwerke verbrauchte Linnert mit Flugtickets.«

Um mit der Kassenebbe fertig zu werden, schwatzte Linnert seinen Aktionären eine Kapitalerhöhung auf, die ihn für einige Monate von allen Geldsorgen befreite.

Als der Boß seinen Mitgesellschaftern gar 50 Prozent Gewinn auf das Kapital in Aussicht stellte und der Kurs der Zünder-und-Kabel-Aktie daraufhin in wenigen Wochen von 60 Mark auf 190 Mark hochschnellte, witterten einige Aktionäre jedoch eine »Manipulation«. In einem Brief an den Vorstand der Düsseldorfer Wertpapierbörse regten sie an, die Notiz an der Börse »bis zur Klärung der Hintergründe auszusetzen«.

Die unerfahrenen Kleinaktionäre wurden vom Börsengeschäftsausschuß jedoch belehrt, daß ihre Aktien »weder zum amtlichen Handel zugelassen noch in den geregelten Freiverkehr einbezogen sind«.

Während die Aktionäre noch überlegten, wie sie den Firmenchef ohne Börsenbeistand schärfer kontrollieren konnten, nahm sich Linnert Neues vor. Seine Aufmerksamkeit galt nun dem Möbel-Becker-Versand, der in guten Jahren rund 110 Millionen Mark umgesetzt hatte.

In der Flaute war die Firma so wacklig geworden, daß sich Firmenchef Heinz Becker zum Verkauf entschloß. Für »eine Million Mark und eine monatliche Rente von 20 000 Mark« verkaufte er Linnert im September 1975 das Unternehmen.

Dessen Finanzlage aber war wieder einmal äußerst angespannt. Kein Problem für Linnert: Er pumpte sich den Kaufpreis zusammen.

Mit der Möbelfirma ging es inzwischen immer rascher bergab. Sie kassierte bei der Kundschaft laufend Anzahlungen, ohne die Möbel zu liefern. Nach undurchsichtigen Finanzmanövern, die vom Konkursverwalter zur Zeit auf »strafrechtlich relevante Tatbestände« untersucht werden. platzten schließlich etliche Schecks und Wechsel.

Grund genug für Linnert, sich eine neue Firmenkonstruktion auszudenken. Der Chef wollte nun die Verluste des Versandhauses nach einem Zwangsvergleich jenen Kommanditisten aufbürden, die an steuerlichen Verlustzuweisungen interessiert sind. Nach Ansicht des Konkursverwalters ist ein Zwangsvergleich bei dem »völlig überschuldeten Unternehmen« jedoch »mehr als unrealistisch«.

Gleichwohl will der gescheiterte Möbelfürst seine Sanierungsbemühungen nicht aufgeben. Über das Steinheimer Mißgeschick tröstete er sich inzwischen mit Sprüchen aus seiner Lehr- und Assistentenzeit bei dem Hamburger Betriebswirtschaftsprofessor und Exvorstand der Westdeutschen Landesbank, Helmut Lipfert: »Auf dem Möbelmarkt herrschen oligopolistische Zustände. Da wollte mich einer fertigmachen.«

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