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Zigaretten Zuerst die Bastelstunde

Selbstgesteckte Zigaretten, billig für den Raucher, lösen einen bitteren Streit unter den Herstellern aus.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Wann immer Ulrich Herter im Bonner Finanzministerium auftauchte, ging es nur um das eine: Jahrelang versuchte der Chef der Hamburger Tabakfirma BAT (HB, Lucky Strike), Politiker wie Bürokraten von allzu drastischen Anhebungen der Zigarettensteuer abzuhalten.

Jetzt überraschte Herter die Bonner mit einer ganz neuen Idee. Eindringlich forderte er Finanzminister Theo Waigel auf, Tabaksteuern heraufzusetzen - und zwar schnell.

»Wenn Bonn nicht reagiert«, so der ehrenamtliche Vorsitzende des Verbandes der Cigarettenindustrie, »dann entgehen dem Fiskus in den kommenden Jahren etliche Milliarden.«

Die Sorge des BAT-Managers gilt nicht der deutschen Staatskasse. Herter will vielmehr der Konkurrenz eins auswischen - und zwar kräftig.

Zwei Mitbewerber nämlich haben einen Weg gefunden, sparsame Raucher zu locken. Die Zigarettenkonzerne Reemtsma und Brinkmann brachten eine neue Art Zigaretten auf den deutschen Markt, sogenannte Tobacco-Rolls. Der Konsument übernimmt den letzten Produktionsgang - er steckt mit porösem Papier umwickelte Tabakröllchen in separate Filterhülsen und spart durch diese geringe Mühe eine Menge Geld.

Der Trick: Bonn kassiert für solche Steckzigaretten deutlich weniger Steuern. Die umwickelten Röllchen gelten in Deutschland fiskalisch als Feinschnitttabak, wie er für selbstgedrehte Zigaretten benutzt wird.

Während für übliche Zigarettenmarken mehr als 70 Prozent des Kaufpreises an den Staat abgeführt werden, sind es bei den Tobacco-Rolls nur rund 35 Prozent. So kostet eine Zigarette der Sorte Marlboro oder Camel inzwischen 24 Pfennig, eine Stecklulle die Hälfte.

Die Sparmodelle Marke West Quickies von Reemtsma und Westpoint von Brinkmann stießen bei den Rauchern auf reges Interesse. Rund 700 Millionen Tobacco-Rolls (mehr als 500 Tonnen Feinschnitt) wurden allein im vergangenen Monat von Rauchern in Hülsen gedrückt.

Von den 146 Milliarden jährlich in Deutschland verkauften Zigaretten ist bereits jede 17. selbstgesteckt. Die fertige West-Quickie sieht aus wie eine West, schmeckt fast wie eine West - und starke Raucher sparen pro Monat um die 100 Mark.

Hersteller Reemtsma kann das nur recht sein. Die Gewinnspanne ist gleich hoch, ganz gleich ob Quickie oder Original-West gekauft wird. Der Niedrigpreis ist quasi eine Bonner Subvention für Raucher, die ihr Laster trotz schwachen Einkommens nicht aufgeben möchten.

Die Konkurrenz schäumt. Nicht nur BAT-Manager Herter fordert den Finanzminister zum Eingreifen auf, auch Philip Morris in München drängt Waigel, die Steckvariante schnellstens wie eine normale Fabrikzigarette zu besteuern. Denn immer mehr Raucher greifen statt zu Marlboro oder HB zur Billigvariante der findigen Wettbewerber. Das schmerzt.

Doch Bonn steht im Wort. Reemtsma-Chef Ludger Staby hatte sein Sparmodell vor dem Start in Bonn billigen lassen. »Wir mußten sichergehen«, so Staby. Schließlich kostet die bundesweite Einführung eines solchen Produkts rund 100 Millionen Mark.

Es handele sich, so das Ergebnis einer Prüfung der zuständigen Ressorts für Finanzen und für Wirtschaft, eindeutig um ein steuerbegünstigtes Halbfertigprodukt. Sogar bis ins Jahr 2006 sollte der niedrige Steuersatz festgeschrieben werden. Einen nennenswerten Schwund für den Staatshaushalt, dem jährlich rund 20 Milliarden Mark Tabaksteuern zufließen, fürchteten die Bonner Experten nicht.

Auch Produzenten wie Philip Morris oder BAT sahen den Quickies-Start zunächst gelassen. »Der deutsche Raucher will ein fertiges Produkt«, höhnte ein Manager, »und nicht vor dem Griff zur Zigarette eine Bastelstunde abhalten müssen.« Teurer Irrtum.

Der Fall beschäftigt inzwischen sogar die Europäische Gemeinschaft in Brüssel. Holland hatte interveniert. In den Niederlanden sind die Tobacco-Rolls schon seit längerem auf dem Markt. Dort allerdings werden sie wie normale Zigaretten versteuert.

Die EG-Finanzminister einigten sich jetzt in Brüssel auf einen Kompromiß in Sachen Tabakröllchen. Danach gilt die Billigsteuer nur noch bis 1998.

Doch damit ist die Reemtsma-Konkurrenz längst nicht zufrieden. Philip Morris und BAT wollen die Gleichstellung der Zigaretten bereits von 1993 an.

Reemtsma-Chef Staby drängt den Finanzminister, stark zu bleiben. »Wir sind doch keine Bananenrepublik«, so Staby, »in der verbindliche Zusagen von heute auf morgen für nichtig erklärt werden können.« Zudem müsse auch an die sozial schwachen Raucher gedacht werden, denen mit den Selbstgesteckten eine gute Alternative geboten werde.

Um die sozial Schwachen sorgt sich inzwischen auch die Konkurrenz: Philip Morris plant, ein Sparmodell seiner Marlboro in den Wettbewerb zu schicken, BAT hat eine steuersparende Steckausgabe seiner HB bereits fertig entwickelt.

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