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35-STUNDEN-WOCHE Zufällig über den Weg

Es wird ernst für die IG-Metall-Führung: Je mehr sich der Tarifstreit um die 35-Stunden-Woche zuspitzt, um so weniger Zustimmung findet die Gewerkschaftsforderung an der Basis. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Sie trafen sich im Arabella-Hotel in München und im Maritim in Travemünde, im Novotel zu Mainz und im Restaurant Deichhörn zu Dangast.

66mal saßen sich in den letzten Wochen Metall-Gewerkschafter und Unternehmer-Vertreter in Hotel-Suiten gegenüber. 66mal gab''s Kaffee und Säfte, Händeschütteln und aufgesetztes Lächeln. 66mal wußten die hochbezahlten Spitzenfunktionäre aus beiden Lagern schon vorher, daß sie umsonst zu den Tarifverhandlungen anreisen.

Seit Mitte Dezember läuft in allen Regionen der Bundesrepublik das Verhandlungsritual nach dem gleichen Muster ab: Die IG-Metall-Funktionäre fordern Verhandlungen über die 35-Stunden-Woche; die Arbeitgeber-Vertreter weigern sich, auch nur eine Minute von der wöchentlichen Arbeitszeit abzuziehen.

»Wir sind beim Stande Null«, sagte vorige Woche der stellvertretende IG-Metall-Vorsitzende Franz Steinkühler. Am kommenden Montag wird der Vorstand der Gewerkschaft wohl das Scheitern der Verhandlungen erklären.

Wenn die IG-Metall-Führer diesen Beschluß fassen, wissen sie nur zu genau, welches Risiko sie laufen: Wohl noch nie in der Geschichte der Metaller-Gewerkschaft stand die Führung so allein mit einer Forderung wie dieses Mal. Noch nie konnten sich die Unternehmer einer so breiten Zustimmung zu ihrem Nein erfreuen wie im Frühjahr 1984.

Es hat für die Männer in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale schon etwas Gespenstisches: Von Woche zu Woche können sie an den wohlfeilen Umfragen ablesen, wie es leerer wird um sie herum. Vergeblich versuchen sie, die Meinungserkundungen beim werktätigen Volk als Arbeitgeber-Manipulation abzutun.

Die meisten Bundesbürger und auch die meisten Arbeitnehmer, ja selbst die Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder votieren gegen die 35-Stunden-Woche - zumindest so, wie sie die IG Metall fordert: auf einen Schlag und mit vollem Lohnausgleich.

Vor allem aber: Die Zahl jener, die für die Metaller-Forderung Sympathie aufbringen, schrumpft trotz aller Bemühungen um eine breite Mobilisierung seit Oktober vergangenen Jahres (siehe Graphik).

Nur noch 25 Prozent aller Arbeitnehmer, ermittelte das Emnid-Institut im Auftrag von Gesamtmetall, stehen zur Tarifforderung der IG Metall, nicht mal ein Drittel der Gewerkschaftsmitglieder hält sie für richtig. Im Oktober waren noch 53 Prozent aller Gewerkschafter und 39 Prozent aller Arbeitnehmer dafür.

Die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, die im Auftrag des ZDF ermittelt, bestätigt den Trend: Mehr und mehr Arbeitnehmer lassen die IG Metall im Stich.

Die Gewerkschaft kann keine besseren Werte vorweisen. Ein von Infas im Januar geliefertes Umfrageergebnis löste in der IG-Metall-Zentrale einen Schock aus. Kaum mehr als 20 Prozent aller Arbeitnehmer hielten danach die 35-Stunden-Woche für wichtiger als die Verkürzung der Lebensarbeitszeit oder einen längeren Urlaub. Den schlimmen Meinungstest hielt die Metaller-Führung sorgfältig unter Verschluß.

Vergeblich waren die Demonstrationen und Kundgebungen, zu denen in den vergangenen Wochen tagtäglich die Funktionäre ausgeschwärmt sind. Die vielen Betriebsversammlungen und bunten Abende konnten die Stimmung genausowenig verbessern wie die bundesweite Warnstreikwelle.

So stark fühlten sich die Arbeitgeber lange nicht mehr: Kaum jemand, so lernen sie aus den Befragungen, möchte für die 35-Stunden-Woche streiken. Laut Allensbach sind es nur 13 Prozent der Bundesbürger und nur 28 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder.

Überraschend sind solche Stimmungsbilder nicht. Auch den Gewerkschaftsführern war von vornherein klar, worauf sie sich mit der Forderung nach der 35-Stunden-Woche einließen: Sie verlangen Arbeitszeitverkürzungen, um Jobs für Arbeitslose zu schaffen. Jene, die sich ihrer Stelle sicher glauben, sind mit einer _(durch unterschiedliche Fragestellung und ) _(verschiedene Befragungszeiten nur ) _(bedingt vergleichbar )

solchen Argumentation, die an die Solidarität appelliert, kaum zu erreichen.

Die Gewerkschaftsführer tun sich um so schwerer mit ihrer Überzeugungsarbeit, als sie ihre Kampagne just in einer Aufschwungphase entfalten. An der Basis müssen sie nun gegen den von Regierenden und Unternehmen genährten Meinungstrend ankämpfen, am Arbeitsmarkt sei das Schlimmste überstanden.

Und schließlich: Vielen Werktätigen erscheint die Forderung nach fünf Stunden weniger Arbeit mit vollem Lohnausgleich als gänzlich überzogen. Auch in der IG-Metall-Zentrale fragen sich Einsichtige inzwischen, ob die Gewerkschaft es im Propagandakrieg mit der Arbeitgeberlobby nicht leichter gehabt hätte, wenn sie bescheidener den »Einstieg in die 35-Stunden-Woche« verlangt hätte.

Von vornherein hatten die Arbeitgeber diesmal geschickter taktiert. Bereits im November boten sie neben flexibleren Arbeitszeiten und einem früheren Ruhestand auch »Lohnerhöhungen im vernünftigen Ausmaß« (Gesamtmetall-Geschäftsführer Dieter Kirchner) an - für viele Metallwerker ein weitaus attraktiveres Angebot als die zwangsweise Herabsetzung der Arbeitszeit, die keine reale Lohnerhöhung mehr zuließe.

Derart in die Defensive gedrängt, wächst bei den Metall-Gewerkschaftern der Wunsch nach einem Kompromiß. Die Führungsriege der IG Metall, allen voran der erste Vorsitzende Hans Mayr und sein Stellvertreter Franz Steinkühler, wird zusehends konzilianter.

Es sei ein großes Mißverständnis, meinte Steinkühler, der Gewerkschaft zu unterstellen, sie wolle »auf Biegen und Brechen« die 35-Stunden-Woche durchsetzen. Wer verhandele, erkläre die Bereitschaft zum Kompromiß - zu einem »Stufenplan oder wie immer auch«.

Kompromiß-Lösungen werden längst in der IG Metall diskutiert: zweieinhalb Stunden Arbeitszeitverkürzung und eine mäßige Lohnerhöhung von 1,5 Prozent; oder eine Stunde weniger Wochenarbeit und etwas mehr Lohnaufschlag lauten die Varianten.

Doch die Friedensangebote kommen bei den Arbeitgebern nicht an. Für sie bleibt die Wochenarbeitszeitverkürzung - auch in Etappen - ein Irrweg. Vor allem die Manager der kleinen und der mittleren Unternehmen drängen ihre Verbandsführung, keine Minute von der 40-Stunden-Regelwoche preiszugeben. Ein Mann wie der Hanauer Unternehmer Jürgen Heraeus, der seine Kollegen wegen ihrer »rigiden Haltung« in dieser Tarifrunde tadelte, findet da kaum Gehör.

Mag ja sein, daß ein Arbeitskampf doch noch durch ein Spitzengespräch zwischen Gewerkschafts- und Unternehmensoberen verhindert wird. Steinkühler will eine solche Unterhaltung nicht mehr ausschließen. »Vielleicht«, sagt er, »laufen wir uns ja in den nächsten Tagen ganz zufällig über den Weg.«

Doch ob ein solches Treffen wirklich weiterhilft, ist fraglich. Beide Seiten haben sich inzwischen zu tief eingegraben, um sich flott auf eine Eingangsformel verständigen zu können. Arbeitgeber wie Gewerkschafter brauchen gegenüber ihrer jeweiligen Basis den Nachweis, daß sie das Äußerste versucht haben, bevor sie ihre Unterschrift unter einen Kompromiß setzen können. Einen Arbeitskampf halten deshalb beide Seiten für nahezu unvermeidlich.

Verhindern könnte den wohl nur noch die Gewerkschaftsgefolgschaft selbst.

Um den Arbeitskampf ausrufen zu können, muß sich die IG Metall in einer Urabstimmung die Zustimmung von 75 Prozent ihrer Mitglieder bescheinigen lassen. Hält aber der Meinungstrend der letzten Wochen an, dann ist nicht auszuschließen, daß die Gewerkschaftsführung dieses Quorum nicht erreicht.

[Grafiktext]

KEINE MEHRHEIT BEI DER BASIS Im Auftrag des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall stellte das Emnid-Institut, Bielefeld, Arbeitnehmern die Frage: »Halten Sie die Forderung der Gewerkschaften (wie z. B. der IG Metall) nach einer Verkürzung der regelmäßigen Wochenarbeitszeit von derzeit 40 auf 35 Stunden mit vollem Lohnausgleich im Jahre 1984 für richtig oder nicht richtig?« »Richtig« fanden die Forderung von je 100 1983 Oktober November Dezember Gewerkschaftsmitgliedern Arbeitnehmern insgesamt 1984 Januar Februar zum Vergleich: Umfrage-Ergebnisse der Institute Allensbach Februar Bundesbürger insgesamt Forschungsgruppe Wahlen Februar

[GrafiktextEnde]

durch unterschiedliche Fragestellung und verschiedeneBefragungszeiten nur bedingt vergleichbar

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