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GENTECHNIK Zukunft - aber welche?

Alarm in der Biotechnik-Industrie: Der amerikanische Kongress hat das Klonen von Menschen verboten. Jetzt muss US-Präsident George Bush entscheiden, ob sich seine Regierung ganz aus der Stammzellen-Forschung verabschiedet. Prominente wie Nancy Reagan warnen davor.
aus DER SPIEGEL 32/2001

Papst oder Profit? US-Präsident George W. Bush schlug sich in der vergangenen Woche lieber auf die Seite des Oberhirten. Der hatte gefordert, keinen faulen Kompromiss mit der aufstrebenden Biotech-Industrie einzugehen - sein Wille geschah.

Man müsse zwar die »Verheißung der Wissenschaft« voranbringen, so Bush vor dem Repräsentantenhaus, »aber in einer Weise, die das Leben ehrt und respektiert«. Eindrucksvoll plädierte er dafür, das Klonen von Menschen, also das künstliche Herstellen eines Zwillings, zu verbieten. Und damit allen klar wurde, dass der Präsident es ernst meint mit dieser Grenzziehung, nannte er dieses Verbot eine »deutliche ethische Stellungnahme«.

Ausgerechnet Amerika, wo Technik begeistert und alles Neue gefeiert wird. Ausgerechnet Bush Jr., der den Kapitalismus und seinen Vorwärtsdrang bis dahin wie eine Religion gefeiert hatte.

Die Wirtschaft und ihre Lobbyverbände konnten es zunächst gar nicht fassen. Papst oder Profit? Der Präsident, so sehen sie es, hatte sich falsch entschieden.

Kaum waren am vorigen Dienstag nach sechsstündiger hitziger Debatte im Repräsentantenhaus die Stimmen (269 für das Verbot, 162 dagegen) ausgezählt, da ließen die Industrievertreter dunkle Wolken am Horizont aufsteigen. »Unsere besten Köpfe werden ins Ausland gehen«, prophezeite Tom Tureen, Direktor bei der Biotech-Firma Advanced Cell Technology, die mit dem Klonen von Zellen große Geschäfte machen will.

Dutzende amerikanischer Forscher würden jetzt dem Stammzellen-Pionier Roger Pedersen aus San Francisco folgen, der schon seit Juni im britischen Cambridge forscht, ausgestattet mit viel Geld und dem Wohlwollen des britischen Parlaments. In Großbritannien ist das Klonen von menschlichen Embryonen erlaubt, ausschließlich für therapeutische Zwecke.

»Ein Rückschritt« für Amerika, klagte Carl Feldbaum, Präsident der Biotechnology Industry Organization (BIO) nach dem Parlamentsbeschluss in Washington. Wenn menschliche Zellen nicht geklont werden dürften, so mahnen die amerikanischen Wissenschaftler, dann würden die Kranken, denen mit einer Stammzell-Therapie geholfen werden könnte, von der Regierung betrogen. Und die Profite dieser neuen Branche, aber das nur nebenbei, würden eben woanders anfallen.

Wie zu ihrer Bestätigung meldete in der vergangenen Woche ein in Amerika tätiger Forscher einen wichtigen Durchbruch auf dem Gebiet der Stammzellenforschung. Joseph Itskovitz-Eldor, einst bei der Gewinnung der ersten menschlichen Stammzelllinie in Wisconsin beteiligt, konnte aus den embryonalen Stammzellen erstmals funktionierende Herzzellen sowie Insulin-produzierende Zellen züchten - und zwar in seiner alten Heimat Israel.

Die Finanzmärkte reagierten prompt auf das Bush-Verdikt und den möglicherweise bevorstehenden Stimmungswechsel. Stellvertretend für die Branche strafte die Nasdaq die kalifornische Firma Geron, bei der embryonalen Stammzellen-Forschung vorn dabei, mit einem Zwölf-Prozent-Minus ab.

Bisher hoffte die Finanzindustrie der Wall Street, dass die Biotechnologie an Stelle der abschlaffenden Internet-Firmen die Börse antreiben würde. Die Kurse der großen Spieler, der Pharmakonzerne Aventis, Novatis und Pfizer haben sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Nach der Abstimmung im Kongress fürchten die Geldexperten nun den Rückzug der Investoren, zumindest eine Verunsicherung. »Jedes Mal, wenn die Regierung interveniert, besonders wenn es negativ ist, verschreckt das die Kapitalmärkte«, klagt Steve Brozak, Analyst beim Biotech-Spezialisten Vanguard Capital.

Der Papst, der Präsident und das Klon-Verbot markieren den vorläufigen Höhepunkt einer international geführten Debatte, die kontroverser und emotionaler kaum geführt werden könnte. Den großen Hoffnungen stehen große Ängste gegenüber, nie zuvor sind wirtschaftliche Interessen so massiv an den Kern des Lebens

vorgedrungen. Ethische Verantwortung ist plötzlich wieder gefragt - und zwar in beide Richtungen:

Ist es eine »Perversion menschlichen Denkens«, wie die katholische Kirche meint, wenn das Klonen von körpereigenen Zellen erlaubt wird? Oder bietet sich hier die große Chance, »Behandlungsmethoden für tödliche Krankheiten zu finden«, wie es der Genom-Entschlüsseler Craig Venter verheißt?

Die Diskussion läuft quer zu den bestehenden Meinungsblöcken, auch in Deutschland. Kommt es zur »Mitgestaltung der Zukunftsbranche«, wie sie der ehemalige grüne Präsidentschaftskandidat Jens Reich fordert? Oder sind wir jetzt schon drauf und dran, »die Grundsätze unseres Lebensverständnisses zu verlieren«, wie der Gentechnik-Skeptiker und »FAZ«-Mitherausgeber Frank Schirrmacher mahnt?

Mit dem Klon-Verbot ist die Debatte nicht beendet. Nun erst rückt weltweit das eigentliche Thema in den Vordergrund: die Forschung an den Stammzellen.

Der Präsident habe keineswegs eine ethische Heldentat vollbracht, sagen viele Experten. Denn unter den Fachleuten ist der Verzicht auf das Klonen, die Vervielfältigung ganzer Menschen, längst Konsens gewesen. Schon deshalb, weil es keinen vernünftigen Grund dafür gibt und außerdem zu gefährlich wäre.

277 Versuche brauchten etwa die Forscher, bis sie schließlich das Klonschaf Dolly schufen. Missgebildete Totgeburten und schwerstbehinderte Tiere markieren den Weg dahin. Die Mediziner, die diese wenig ergiebige und unsichere Technik mit Menschen erproben wollten, müssten sich nicht zuletzt unter den Bedingungen des US-Haftungsrechts auf Milliardenklagen gefasst machen.

Und auch das Verbot der Zellkernverpflanzung zu therapeutischen Zwecken, also das so genannte therapeutische Klonen, trifft Forschung und Wirtschaft derzeit nicht an einer empfindlichen Stelle. Denn ohnehin bedienen sich US-Forscher in den meisten Fällen aus jenem Embryo-Material, das bei der künstlichen Befruchtung anfällt.

In den amerikanischen Labors stehen Gefäße mit Tausenden von tiefgekühlten Embryonen bereit. Diese Zellansammlungen sind nach deutscher Rechtsauffassung, wie sie im Embryonenschutzgesetz fixiert ist, bereits schützenswertes Leben, da aus ihnen Menschen heranwachsen könnten. Deshalb ist in Deutschland die Produktion von Stammzellen aus diesen Embryonen nicht möglich, sie können aber importiert werden - eine Gesetzeslücke, die in Berlin für Dauerstreit sorgt.

Für Amerika gelten diese strengen und in Deutschland von Industrie und Wissenschaftlern bekämpften Regeln auch nach der Entscheidung vom vergangenen Dienstag nicht. An Zellmaterial für die Wirtschaft herrscht also kein Mangel. So ganz habe er daher die Aufregung um das Klon-Verbot nicht verstanden, sagt Thilo Brinkmann vom Verband Forschender Arzneimittel-Hersteller in Berlin. Denn: »Noch ist in Amerika ja fast alles möglich.«

Die Forschung an Stammzellen allemal. Das Ziel dieser Forschung ist es, künstlich Ersatzzellen zu produzieren, mit deren Hilfe sich eines Tages Hirne und Herzen beim Menschen reparieren lassen. Der Rohstoff dieser Forschung sind embryonale Stammzellen, die sich noch nicht zu speziellen Körperzellen, etwa einer Herzzelle oder einer Leberzelle entwickelt haben. Die kleinen amerikanischen Biotech-Firmen versuchen derzeit, diesen Spezialisierungsmechanismus zu verstehen und zielgerichtet bestimmte Körperzellen zu züchten: Im Reagenzglas hergestellte Herzzellen ließen sich, so die Hoffnung, in das Infarkt-geschädigte Herz eines Patienten spritzen - und das zerstörte Gewebe würde wie von Zauberhand erneuert werden.

Soll diese Technik wirklich funktionieren, dann müssen die Forscher aber noch ein entscheidendes Problem lösen: Fremde Ersatzzellen werden vom Immunsystem des Patienten mit einer heftigen Reaktion abgestoßen.

Als Ausweg aus diesem Dilemma gilt ihnen das therapeutische Klonen: Dabei wird etwa einem Herzinfarkt-Patienten eine Körperzelle entnommen und kloniert, also quasi kopiert. Daraus entsteht ein genetisch identischer Embryo, dessen Stammzellen dann für die Züchtung der Herzzellen verwendet würden. Diese Herzzellen würden nicht vom Immunsystem abgestoßen.

Die großen Pharmakonzerne sehen den Forschern der Biotech-Start-ups derzeit eher interessiert zu und warten ab. Denn das therapeutische Klonen ist eher eine Anwendung für den medizinischen Einzelfall und daher für sie finanziell auch in Zukunft nicht lukrativ. Sie brauchen später möglichst serienreife Ersatzzellen, die bei Millionen von Kranken einsetzbar sind. Für ihre kommerziellen Zwecke müsste also das Problem der Immunreaktion gelöst werden. Sie benötigen von den Forschern andere molekularbiologische Verfahren, damit das Ersatzgewebe nicht abgestoßen wird.

Das dürfte noch etliche Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte dauern. Wenn die Industrie diese Art von Patentrezept für alle Patienten einer Krankheit entwickelt hat, dann allerdings winken gigantische Profite.

Auf 80 Milliarden Dollar wird der Zukunftsmarkt für das »tissue-engineering«, die Ersatzteilproduktion mit Hilfe gezüchteter menschlicher Zellen, heute geschätzt.

Deshalb verbindet die kleinen Biotech-Unternehmen und die Pharmamultis auch die Sorge, die bisher eher forschungsfreundliche Stimmung in den Vereinigten Staaten könnte kippen. Ihr gemeinsames Horrorszenario: Nach dem Nein zum therapeutischen Klonen im Kongress folgt nun auch ein Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen durch den Präsidenten - eine Entscheidung, um die George Bush derzeit mit sich und seinen Beratern ringt und die er schon bald in Aussicht gestellt hat.

Im Weißen Haus geben sich daher die Lobbyisten derzeit die Klinke in die Hand. Abtreibungsgegner erinnern Bush an sein Versprechen, keine Forschung an Embryos und deren Zellen zuzulassen. Interessentengruppen von Patienten wie die Alliance for Aging Research fordern genau das Gegenteil für ihre Klientel, ebenfalls aus ethischen Gründen.

Prominente Kranke werden aufgeboten, Druck auszuüben. Christopher Reeve, Ex-»Superman«-Darsteller und seit einem Reitunfall 1995 bewegungsunfähig, setzt sich mit großem Pathos für die Stammzellen-Forscher ein: »So viele unserer Träume schienen erst unmöglich, dann wurden sie möglich und schließlich unvermeidlich.«

Auch Michael J. Fox, bekannt aus dem Film »Zurück in die Zukunft« und der Fernseh-Soap »Spin City«, macht sich dafür stark. Er leidet an der Schüttellähmung Parkinson.

Selbst Nancy Reagan bat Bush um Forschungsförderung. Ihr Mann, Ex-Präsident Ronald Reagan, immer noch Symbolfigur der US-Republikaner, ist an Alzheimer erkrankt. Sein Schicksal (Reagan: »Die Reise, die mich in den Sonnenuntergang meines Lebens führen wird, hat begonnen") bewegt noch immer Millionen.

Ein prominenter Parkinson-Kranker dagegen sperrt sich entschieden: Der Papst lehnt auch jegliche Forschung an Embryonen ab, egal ob es sich um geklontes oder nichtgeklontes Material handelt. Eine tugendhafte Nation wie die USA müsse »Praktiken zurückweisen, die menschliches Leben entwerten und verletzen«.

Bush sucht erkennbar den Kompromiss, in der vergangenen Woche hat er den Papst (und seine eigene konservative Partei) bedient. Demnächst ist wahrscheinlich die US-Hightech-Industrie dran.

So eine Art »Kuhhandel« zwischen Regierung und Biotech-Industrie sei da im Gange, vermuten viele Experten. Nach dem Motto: Wir verbieten etwas, das ihr sowieso nicht braucht, und unterstützen dafür den kommerziell interessanten Teil.

Die Debatte, die längst Expertenzirkel und Forschungseinrichtungen verlassen hat, wird in den nächsten Monaten an Heftigkeit gewinnen. Dienstag trifft sich die internationale Elite der Stammzellen-Forscher in Washington, D.C. auf einer Anhörung der National Academy of Sciences.

Mit dabei: Ian Wilmut, der Schöpfer von Dolly, dem Schaf, und Alan Trounson aus Australien, der jene Stammzellen hergestellt hat, die ein Kieler Mediziner kürzlich angeblich importieren wollte. Erscheinen wird auch Brigitte Boisselier von der Klon-Sekte der Raëlianer aus Kanada (siehe Kasten).

Vorsichtshalber hat die Biotech-Industrie ihr Power-Play in Washington verstärkt. Die Branchen-Organisation BIO, die mehr als 1000 Biotech-Firmen und Forschungszentren vertritt, stockte ihre Lobby-Mannschaft in Washington deutlich auf. Die Wahlkampfspenden einzelner Firmen für Politiker und Parteien haben nach Angaben des Center for Responsive Politics seit vergangenem Sommer erheblich zugelegt - um mehr als 100 Prozent. MARCO EVERS,

HEIKO MARTENS, MICHAELA SCHIEßL, GERALD TRAUFETTER

* Genentech in San Francisco.

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