Zukunft der Banken Die Zeit für fette Boni ist vorbei

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat Bonuszahlungen gestrichen - und mit dem Zugeständnis heftige Kritik provoziert. Doch die Empörung zeigt nur: Üppige Prämien ohne entsprechende Leistung haben in Zukunft kaum mehr eine Chance.

Von


Berlin - Zunächst versuchte es Marcel Rohner in aller Stille. In vertraulichen Gesprächen bat der Vorstandschef der schweizerischen Großbank UBS Chart zeigen ehemalige Top-Manager darum, zumindest einen Teil ihrer Boni zurückzugeben.

UBS-Zentrale in Zürich: Ex-Vorstände sollen Boni zurückzahlen
REUTERS

UBS-Zentrale in Zürich: Ex-Vorstände sollen Boni zurückzahlen

Dass er damit nicht gerade offene Türen einrennen würde, war Rohner wohl von Anfang an klar, doch schließlich schien ihm der Widerstand denn doch zu zäh. Am Wochenende ging er deshalb gemeinsam mit UBS-Oberaufseher Peter Kurer in die Offensive. In mehreren Interviews mit Zeitungen und Radiosendern appellierten die beiden öffentlich an die Angesprochenen, in sich zu gehen. "Ich wäre froh, wenn wir das einfach, schnell und schmerzlos erledigen könnten, statt Prozesse zu führen", sagte Kurer im DRS.

Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hatte am vergangenen Freitag publikumswirksam mit dem Verzicht auf Boni zugunsten seiner Mitarbeiter zu punkten versucht - seine Geste wurde allerdings vor dem Hintergrund des gerade beschlossenen, 480 Milliarden schweren Rettungspakets zu Lasten der Steuerzahler als besonders zynisch empfunden.

Lässt man die Fragen nach persönlichem Stil oder rechtlichen Ansprüchen einmal beiseite, dann lassen die Beispiele zumindest zwei Schlussfolgerungen zu. Erstens: In der Bankenbranche setzt sich zumindest eine Ahnung davon durch, dass die Bezahlung des Top-Personals und der üppigen Bonuszahlungen unabhängig von der tatsächlichen Leistung ein Problem darstellt. Erst am heutigen Dienstag wieder wurden öffentlich Forderungen nach einer Abschaffung der Boni laut. So rief zum Beispiel Bundeswirtschaftsminister Michael Glos die Investmentbanker angeschlagener Institute dazu auf, auf ihre Jahresboni zu verzichten.

Und zweitens: Es wird noch einiges an Mühe kosten, die Beteiligten davon zu überzeugen, dass für alle die Zeit der uferlosen Gehaltssteigerungen vorbei ist.

Risiko blieb unbeachtet

So jedenfalls sieht es der Münchener Bankenexperte Wolfgang Gerke: "Natürlich denkt man darüber nach, wie die Bedingungen für die variablen Gehaltsbestandteile künftig neu formuliert werden könnten", erklärt er. Dem Druck der Öffentlichkeit folge die Branche jedoch eher zähneknirschend.

Anders als viele Politiker sieht Gerke in Bonuszahlungen im Prinzip eine gute Möglichkeit, Leistungsanreize zu schaffen. Gleichwohl hält er eine grundlegende Reform der bestehenden Systeme für unumgänglich: "Bisher verdiente seinen Bonus, wer seine Zielvorgaben erreichte. Das Risiko, das er dafür einging, blieb in der Regel unbeachtet." Derartigen Regelungen hätten zu dem skandalösen Zustand geführt, dass Banker noch 2007 und 2008 Prämien kassiert hätten, obwohl bereits klargeworden sei, dass ihre Geschäfte zu Verlusten in Milliardenhöhe geführt hätten.

Einziger Trost: Den Schätzungen nach wird es nicht so viel werden wie in den USA. Wie die britische Tageszeitung "The Guardian" recherchiert hat, verteilen dort allein die Geldhäuser an der Wall Street rund 70 Milliarden Dollar an ihr Spitzenpersonal, das meiste davon in diskreten zusätzlichen Bonuszahlungen. Die Manager belohnten sich damit für ein Geschäftsjahr, schreibt der "Guardian", in dem sie das globale Finanzsystem in die schlimmste Krise seit dem Börsencrash von 1929 führten.

Das derzeit übliche Vergütungssystem hält auch Managementberater und Kienbaum-Geschäftsführer Alexander von Preen für ein gravierendes Problem. Ein Punkt sei zum Beispiel, dass die Ergebnisse der Branche als Maßstab für die Bewertung der Leistung herangezogen werde. Das führe dazu, dass in den vergangenen Jahren trotzdem Boni gezahlt worden seien, obwohl die Börsenkurse überall in den Keller gingen.

Dabei galten die sogenannten variablen Gehaltsbestandteile seit den neunziger Jahren als Patentlösung um Leistungsträger adäquat zu belohnen. Bis hin zum mittleren Management wurden die Grundgehälter deutlich zurückgestutzt und im Gegenzug Prämien für die Erfüllung der persönlichen Zielvorgaben zugesichert. Eine Zeitlang schwiegen sogar die Gewerkschaften - schließlich konnte man davon ausgehen, dass leistungshungrige Manager auch dafür sorgen würden, dass Arbeitsplätze gesichert würden.

Zielvorgaben müssen transparent sein

Den Pferdefuß der Regelungen erkannten Personalexperten jedoch sehr bald. Denn die Managerverträge koppelten Prämienzahlungen zwar an die Erfüllung von Zielvorgaben. Doch die Bedingungen waren oft so formuliert, dass sogar erkennbare Fehlleistungen immer noch einen Bonus rechtfertigten. Noch schlimmer allerdings seien die Langzeitwirkungen für das Unternehmen: "Fast ausschließlich wurde bisher der kurzfristige Erfolg belohnt. Strategische Ziele, die einen langen Atem erfordern, gerieten so nicht selten aus dem Blick", erklärt Gerke.

Wie die Bedingungen für Prämienzahlungen formuliert sein müssten, damit sie auch der gedeihlichen Entwicklung des Unternehmens dienen, wissen die Experten genau. "Die Zielvorgaben müssten eher an mittelfristigen Zielen ausgerichtet sein", erklärt Gerke. Von Preen fordert darüber hinaus mehr Transparenz in den Verträgen: Modelle, die Über- wie Unterperformance in der kurz- und langfristigen Vergütung abbildeten, seien gefordert.

Die an sich selbstverständlich klingenden Forderungen würden speziell für die Bankenbranche allerdings eine mittelschwere Revolution bedeuten. Denn verschleierte Kasinowetten, deren Risiko inzwischen selbst Eingeweihte nicht mehr abzuschätzen wagen, würden danach in Zukunft womöglich als Malus in die Rechnung eingehen. Auf jeden Fall aber dürften sie erst bewertet werden, wenn das Geschäft tatsächlich abgewickelt wäre.

Top-Manager müssen auch Verluste ausgleichen

Für die Topebene stellen sich Gerke, ebenso wie von Preen sogar noch eine wesentlich stärkere Orientierung am Unternehmertum vor. Soll heißen: Wenn der Vorstand in guten Zeiten einen Teil der Gewinne bekommt, dann muss er in schlechten Zeiten auch einen Teil der Verluste tragen. Die Risiken, die sie ihren Kunden zumuten, müssten sie in Zukunft also mittragen.

Kein Wunder also, dass sich Banker nur ungern mit neuen Gehaltsmodellen befassen wollen. Einige malen schon den Untergang des Bankensektors an die Wand, weil mit derart strengen Regeln kaum erstklassiges Personal zu finden sei. Einem Einwand, dem Gerke allerdings mit Gelassenheit begegnet: "Der Markt reißt sich zurzeit nicht gerade um Investmentbanker. Die Beteiligten haben überall in der Welt allen Grund, kompromissbereit zu sein".

Das müsse ebenso für die bestehenden Verträge gelten, fügt Gerke hinzu. Anders sei der Vertrauensverlust der Branche nicht wettzumachen. Von Preen ist da allerdings vorsichtiger: "Die Branche ist in Schockzustand, es wird intensiv über Verantwortung diskutiert", sagt er nur.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.