Zukunft des Mülls Aus Abfall Öl machen

Viel Müll machen, das könnte bald ökologisch wünschenswert werden. Denn Abfall ist auch Energieträger. Aus 1000 Kilo können Experten zufolge beispielsweise rund 850 Liter Öl gewonnen werden.

Von Carola Pahl


Der riesige Drehrohrofen strahlt eine enorme Hitze ab. In seinem Inneren herrschen Temperaturen um 1450 Grad, mit deren Hilfe vorgewärmtes Rohmehl aus Kalkstein, Ton und Sand zu Zementklinker gebrannt wird. Bei der Auswahl der Brennstoffe ist der Ofen nicht wählerisch: Er macht es mit Kohle oder Diesel, aber auch Altreifen, Lösungsmittel, Klärschlamm oder Kunststoffe halten das Feuer in Gang. Sollten sich Schwermetalle im Abfall befinden, werden diese im Klinker eingebunden und so nachhaltig aus der Umwelt entfernt.

Abfallreste auf dem Marienfeld in Kerpen: Müll heißt jetzt "Sekundärbrennstoff"
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Abfallreste auf dem Marienfeld in Kerpen: Müll heißt jetzt "Sekundärbrennstoff"

Der müllschluckende Ofen gehört zum Werk Göllheim des Zementherstellers Dyckerhoff; mittlerweile wird hier mehr als 50 Prozent der Heizenergie aus Abfall gewonnen. Eine ähnliche Entwicklung gibt es in der gesamten energieintensiven Zementbranche: "Durch die stark gestiegenen Preise für Primärenergieträger wird verstärkt auf den Einsatz von Sekundärbrennstoffen gesetzt", sagt Thomas Sievert, bei Dyckerhoff Experte für das Verheizen von Dingen, die früher schlicht als Müll bezeichnet worden wären.

Und auch andere Wirtschaftszweige sehen immer deutlicher den Wert des Abfalls und machen ihn sich zu Nutze. Von den etwa 50 Millionen Tonnen Siedlungsabfällen des Jahres 2003 – von der alten Zeitung über Essensreste und volle Staubsaugerbeutel bis zum ausrangierten Toaster – wurden bereits rund 60 Prozent wiederverwertet, Tendenz steigend. Bei den 16 Millionen Tonnen Hausmüll für die klassische graue Tonne dagegen liegt die Quote erst bei 10 Prozent. Doch das muss nicht so bleiben, sagt Klaus Wiemer, Leiter des Fachbereichs Abfallwirtschaft und Altlasten der Universität Kassel: Grundsätzlich sei auch der Hausmüll zu 90 Prozent wiederverwertbar.

Noch allerdings geht ein erheblicher Teil des Mülls schlicht in Rauch auf. 72 Müllverbrennungsanlagen (MVAs), fast doppelt so viele wie vor 20 Jahren, machten im Jahr 2005 rund 18 Millionen Tonnen Müll den Garaus; als Brennstoff in Kraftwerken und Industrieanlagen landeten weit weniger als drei Millionen Tonnen, so die Schätzungen der Länderarbeitsgemeinschaft Abfall (LAGA).

Der Boom bei den MVAs lässt sich hauptsächlich auf das seit Juni 2005 geltende Verbot zurückführen, unbehandelten Müll auf Deponien abzulagern. Immerhin ist dadurch der Ausstoß des Klimagases Methan bereits von 1,5 Millionen Tonnen 1990 auf 0,5 Millionen Tonnen gesunken. Zudem gehen auch die MVA-Betreiber dazu über, die Verbrennungsenergie zu nutzen: 10 Prozent ihres Energieüberschusses wurden 2005 als Strom und 30 Prozent als Wärme abgegeben. Bis zum Jahr 2020 sollen diese Quoten auf 15 Prozent für Strom und knapp 37 Prozent für Wärme steigen.

Noch sind Vermeidung und Recycling sinnvoll

Rein rechnerisch könnte jeder deutsche Haushalt einen Monat nur mit der einen Tonne Hausmüll heizen, die er im Durchschnitt pro Jahr produziert – der Energiegehalt des Unrats entspricht dem von 160 Litern Heizöl. Doch Verbrennen ist keineswegs die erste Wahl bei der Müllverwertung: Der Vorgang, chemisch gesehen eine Oxidation, zerstört komplexe Strukturen, die zuvor mit viel Energie geschaffen wurden. Das gelte es tunlichst zu vermeiden, sagt Professor Ernst A. Stadlbauer, Leiter des Labors für Entsorgungstechnik an der Fachhochschule Gießen-Friedberg: "Folgt man dem Dogma der weitestgehenden Energieerhaltung, dann ist Müllvermeidung immer noch das ökologisch Vernünftigste."

An zweiter Stelle steht das werkstoffliche Recycling: Hier wird aus einer Plastikstoßstange wieder eine Stoßstange oder ein Gartenstuhl, das Material wird lediglich umgeschmolzen. Dreißig Prozent der Altkunststoffe können so energiesparend wiederverwertet werden. Voraussetzung ist allerdings, dass der Abfall nur aus einer Sorte Kunststoff besteht. Bei weniger sortenreinem Müll weicht man auf das rohstoffliche Recycling aus: Aus dem Altkunststoff werden chemische Rohstoffe gewonnen.

Wenn Recycling nicht vor Ort möglich ist, dann im Ausland: In den Hallen von ZM Elektronik Recycling in Gießen-Heuchelheim fallen zahlreiche "Big Bags" auf. Das sind rund zwei Meter hohe quadratische Pakete auf Paletten mit sortiertem, kleingeschnetzeltem Müll. Aus einigen Big Bags ragen Scherben heraus. "Die bleihaltigen Scherben alter Bildröhren werden nach Brasilien verschifft", erklärt ZM-Geschäftsführer Bernhard Jehle. Eine ähnlich weite Reise müssen Massen von Altkunststoffen hinter sich bringen: In China kann auch Kunststoff, der nach EU-Vorschriften zu viele Schadstoffe beinhaltet, weiterverarbeitet werden – so entstandene Produkte dürfen allerdings nicht in die EU exportiert werden.



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