Zukunft des Wachstums Sternstunde der Schwellenländer

Die Schuldenkrise der Industrienationen hat tatsächlich etwas Gutes. Nun begreift auch der Letzte, wo künftig über Wachstum und Wohlstand entschieden wird: in Schwellenländern wie China, Brasilien und Indonesien.

DPA

Von Andreas Scholz


Ein Nachmittag und vier kluge Köpfe. Und was diese vier klugen Köpfe im Köln-Sky am 18. November feststellen, dürfte für jeden Anleger wie ein kräftiger Tritt ins Kontor wirken.

"Wir haben zum ersten Mal in der Weltgeschichte eine Situation, in der sämtliche führenden traditionellen Wirtschaftsmächte vor dem Bankrott stehen und die Probleme nur mittels heißlaufender Notenpresse in die Zukunft geschoben werden können", sagt der eine von ihnen, Brille, etwas älter, rundlich, Bartansatz - Peter E. Huber, Mastermind beim Vermögensverwalter Starcapital.

Zum von Gastgeber Eckhard Sauren, Sauren-Fonds-Service, zur Diskussion gebetenen Quartett gehören auch Klaus Kaldemorgen (DWS), Jens Ehrhardt (DJE) und Christoph Bruns (Loys). Alle ausgesprochen erfahren, aber in Bezug auf die aktuelle Krise auch einigermaßen ratlos.

Abgesang auf die Alte Welt

Es geht um Zinsen an der Null-Linie, um die Geldpresse der Europäischen Zentralbank. Ehrhardt: "Wahrscheinlich das Einzige, das noch geht." Schulden weginflationieren und Wirtschaft mit Geld fluten - das ist wohl alternativlos. Wer sich diesen Fondsmanager-Gipfel ansieht, wird den Gedanken nicht los, einen Abgesang auf die Alte Welt zu hören. Auch wenn Bruns immer wieder versucht, den chronischen Optimismus seiner Wahlheimat Chicago zu versprühen. Hier wird ein Kapitel geschlossen, das Kapitel enormen Wirtschafts- und noch höheren Schuldenwachstums.

"Der Euro-Zone droht schon bald ein kräftiger Konjunktureinbruch. Eine Aufhellung der Wachstumskräfte hat derzeit niemand auf dem Prognoseschirm", lautet ganz ähnlich auch der Kommentar von Klaus Deutsch, Analyst bei Deutsche Bank Research. Er geht mit dem G-20-Treffen im November ins Gericht. Wachstumsbremsen wie Haushalts- und Finanzmarktregulierung seien schon stark und konkret zeitlich festgelegt. Die geplanten Wachstumsspritzen seien dagegen noch schwach und ungenau, nur ein "Waschzettel von lobenswerten Absichten". In der alten Welt.

Wer es noch einmal ganz deutlich braucht, bekommt es mittlerweile mit dem Holzhammer serviert: Es ist Zeit zu gehen. Es ist Zeit, eine ordentliche Portion seiner Geldanlagen in die neue Welt der Wirtschaft zu schichten, die Schwellenländer.

Natürlich werden deren Aktien- und Rentenmärkte nicht am Schnürchen gezogene Renditen liefern. Wer so etwas erwartet, hat die Märkte noch immer nicht verstanden. Der Weg wird sogar ziemlich steinig werden, wie Andreas Utermann, Investment-Chef bei Allianz Global Investors, bemerkt. Es werden Finanzkrisen und Wirtschaftskrisen kommen. Aber: Sie gehen auch wieder.

Fragwürdige Vorbilder

Dabei sind die Grundbedingungen völlig anders als in den Industrienationen. In der verzankten Euro-Zone - Stichwort: politische Stabilität - darf sich schon jemand als Vorbild rühmen, wenn er nur mit 80 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) verschuldet ist und zugleich Wachstumsraten um drei Prozent verzeichnet: Deutschland. Erst kürzlich zerlegte DER SPIEGEL die Mär vom vermeintlichen Musterschuldner in einem detaillierten Bericht. Asiens Schwellenländer stehen dagegen mit 35 Prozent des BIP in der Kreide und wachsen jährlich über acht Prozent, im Durchschnitt.

"Die Kreditqualitäten haben sich gegenläufig entwickelt, und die Rating-Agenturen hinken hinterher", sagt Philip Poole, Leiter Globale Makro- und Investmentstrategie bei HSBC Global Asset Management. "Sie stufen die entwickelte Welt herab, und die sich entwickelnde Welt im Gegenzug herauf."

Blick in die USA. Das Land des amerikanischen Traums ist zur Lotterie verkommen. Wer gewinnt, stößt zum minimalen Prozentsatz, dem es prächtig geht. Der Rest hat in 40 Jahren praktisch keine Gehaltserhöhung bekommen, wenn man die Inflation herausrechnet, und darf weiterträumen. Dafür gab man ihm eine Kreditkarte, damit er gefälligst weiter einkaufen geht. Der Mittelstand löst sich auf, der Präsident steckt im Kleinkrieg mit Republikanern fest, bei Tag betrachtet ist der Staat pleite.

China hortet Währungsreserven

Zurück in die Schwellenländer. In nicht einmal zehn Jahren wird jedes zweite Mitglied der Mittelschicht allein in der Asien-Pazifik-Region wohnen, schätzt die OECD. Hinzu kommen noch weitere Erdteile. Für Europa und Nordamerika zusammen bleibt dann nur noch jeder dritte Mittelschichtler. 2030 ist es sogar nur noch jeder fünfte.

Die aktuellen Proportionen zwischen den Welten verdeutlichen die Chance. So wohnen mehr als 80 Prozent aller Menschen weltweit in einem Schwellenland. Nun haben diese Länder im Lauf ihrer Geschichte als Exportnationen mittlerweile auch drei Viertel aller weltweiten Währungsreserven angehäuft.

Dass China auf 3,2 Billionen Dollar sitzt, ist nicht ganz neu - wovon es übrigens 1,15 Billionen den USA als Kredit gegeben hat. Aber auch ein Land wie Indonesien hat seine Währungsreserven in den vergangenen fünf Jahren auf 117 Milliarden Dollar verdreifacht. Damit lässt sich doch was anstellen.

Ein hübsches Fazit ziehen die Strategen der Fondsgesellschaft Carmignac Gestion in ihrem Marktbericht: "Zwischen der Situation am Vorabend der asiatischen Krise Ende der neunziger Jahre und der aktuellen Lage hat sich der Status der Schwellenländer geändert. Sie sind vom Schuldner des Rests der Welt zum Finanzierer in der Not avanciert."

Allerdings vermissen die Autoren noch Chinas Willen, die Konjunktur anzuschieben. Tatsächlich stotterte der Wirtschaftsmotor in den vergangenen Monaten etwas. Es gab Gründe: China kämpft mit einer Inflationsrate von über sechs Prozent und hat obendrein noch eine ordentlich ausgelastete Wirtschaft. Zumindest die Inflation dürfte sich angesichts kräftig sinkender Rohstoffpreise - außer Öl - wieder beruhigen.

Inflationsdruck lässt nach

Andere Länder reagieren bereits auf die nachlassende Inflation. So berichten die Carmignac-Analysten von überraschenden Zinssenkungen in Brasilien, Russland, Israel und der Türkei. Schwellenländer können ihre Zinsen wenigstens noch senken, um ihrer Wirtschaft zu helfen. Wir nicht mehr.



insgesamt 13 Beiträge
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chinga 14.01.2012
1.
Gut, wiederholen wir das Spiel eben woanders. Aktienspekulationen gehen zwangsläufig zu Lasten der breiten Masse. Der große Kuchen an Währungsreserven sagt doch nichts aus – das ist Kapital generiert aus Inflation. Wären die jeweiligen Währungen (Yuan) frei konvertierbar, sähe das alles ganz anders aus… Fast alle Schwellenländer wachsen doch kaum aus sich selbst heraus sondern nur befeuert durch waghalsige Infrastrukturmaßnahmen (allesamt auf Pump gebaut) in Kombination mit Exportüberschüssen deren Erlöse mit einem Zwangsumtausch ausländischer in inländische Währung einhergehen.
polokwane 14.01.2012
2. Schwellenländer kapseln sich zunehmend vom Westen ab
Schon seit längerem ist beobachtbar, dass Schwellenländer ihre Süd-Süd-Kooperation intensivieren und die Beziehungen zum Westen allmählich vernachlässigt werden. Dies ist zumindest in außenpolitischer Hinsicht klar festzustellen. In der Libyen-Politik vertraten die Schwellenländer eine Anti-NATO-Haltung - also Ablehnung eines militärischen Einsatzes. Auch in der Iranpolitik zeichnet sich eine abweichende Politik gegenüber dem Westen ab: Nein zur NATO, Ja zu Gaddafi | SÜDAFRIKA – Land der Kontraste (http://wp.me/pNjq9-3g1).
dakine 14.01.2012
3. China, Indonesien, Brasilien
Dass die "Schwellenländer" stark wachsen ist kein Geheimnis. Deswegen gleich einen Abgesang auf das eigene Land bzw. den Westen anzustimmen und sein Geld abziehen zu wollen, ist aber Verrat am Vaterland und dumm/blind zugleich: Ich bin mal gespannt wann diesen Herrschaften aufgehen wird, dass in China eine Dikatatur herrscht, die keinen Respekt vor dem Recht auf Besitz und Vermögen hat. Dieses Land ist kein sicherer Hafen für Erspartes sondern eine riskante Werte auf ewiges 8%-Wachstum. Indonesien ist seit 8 Jahren eine halbwegs solide Demokratie. Es bleiben massive Korruption und Spannungen zwischen Religionen und Ethnien. Bleibt Brasilien. Ein Land mit ähnlichen Werten und einer soliden Demokratie. Das Land ist aber immer noch übermäßig stark von Rohstoffexporten abhängig. Außerdem hat Brasilien schon einen vergleichsweise hohen Lebensstandard - Wachstum ist hier nur noch eingeschränkt möglich.
localpatriot 14.01.2012
4. Kein Wachstum fuer den Westen
Zitat von sysopDie Schuldenkrise der Industrienationen hat tatsächlich etwas Gutes. Nun begreift auch der Letzte, wo künftig über Wachstum und Wohlstand entschieden wird: in Schwellenländern wie China, Brasilien und Indonesien. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,806991,00.html
Echtes Wachstum, also eine Realvergroesserung des Durchschnittseinkommens in den westlichen Wirtschaften kann es in Zukunft kaum mehr geben. Man muss von Glueck sagen solange die Realeinkommen nicht schrumpfen. Das bedeuted die Notwendigkeit eines kompletten Umdenkens der staatlchen Finanz und Wirtschaftsstrategie. Staatsfinanzen koennen sich in Zukunft nicht mehr durch Wachstum sondern moeglicherweise durch Scheinwachstum, also Inflation, oder durch die Erhebung neuer Einkommensquellen finanzieren lassen. Was folgt kann man sich ausrechnen.
smundich 14.01.2012
5. Bevölkerungswachstum...
Zitat von sysopDie Schuldenkrise der Industrienationen hat tatsächlich etwas Gutes. Nun begreift auch der Letzte, wo künftig über Wachstum und Wohlstand entschieden wird: in Schwellenländern wie China, Brasilien und Indonesien. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,806991,00.html
8% Wirtschaftswachstum in einem Land mit sehr starkem Bevölkerungswachstum sind gerade genug um die Inflation auszugleichen. 3% Wirtschaftswachstum in einem Land wie Deutschland sind weitaus mehr als 6% in einem Land wie Nigeria (siehe Arbeitslosigkeit, Statistik hin oder her). China's 8% sorgen für eine Zunahme an Reichtum aber gleichzeitig gehen die meisten davon aus dass China das erste Land sein wird das ein alternde Bevölkerung haben wird bevor es reich ist. Und selbstverständlich sinken die Immobilienpreise seit einigen Monaten in vielen Städten in China (Shanghai etc.) und lassen befürchten dass es in nicht allzu langer Ferne eine Immobilienkrise geben wird wie Japan sie in den Achtziger erlebt hat und von dem sich dass Land immer noch nicht erholt hat. Einziger Unterschied, Japan war reich zu diesem Zeitpunkt während in China immer noch grosse Teile der Bevölkerung arm sind. Schwer zu sagen welche Länder in 10 Jahren gut dastehen werden und welche nicht. Die Menschen die glauben eine Antwort auf diese Frage zu haben sind Menschen die vor ein paar Jahren in Lehman investiert haben.
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