Zukunftslabor Fraunhofer-Gesellschaft Der Gral der genialischen Tüftler

Die Forscher der Fraunhofer Gesellschaft betrachten sich zu Recht als Elite. Mit Großkonzernen sind sie dick im Geschäft. Auch international ernten die praxisnahen Tüftler höchste Anerkennung. Porträt eines Zukunftslabors.

Von Michael O. R. Kröher


Die Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) mögen es nicht, wenn man sie als Tüftler bezeichnet. In ihren Ohren klingt das nach Bastelkeller. Nach Kuckucksuhren, die zum Medikamentenspender umgebaut werden und ähnlichen Spinnereien.

Dennoch trifft die Bezeichnung ziemlich genau das Metier jener Forschungsorganisation, die sich nach dem bayerischen Glasschleifer Joseph von Fraunhofer (1787–1826) nennt. Der begann als mehr oder weniger naiver Erfinder, der seine Entdeckungen auch gleich selbst unternehmerisch umsetzen konnte. Doch bildete er sich zum Wissenschaftler weiter, wurde mit 32 Jahren Professor und brachte es schließlich – immer noch ein vergleichsweise junger Mann – zum Vollmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Physiker im Jenaer Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik: International höchste Anerkennung
DDP

Physiker im Jenaer Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik: International höchste Anerkennung

Der Duden definiert "tüfteln" als "etwas Schwieriges zuwege bringen. Geschicklichkeit beweisen bei komplizierten Aufgaben". Tatsächlich tun die 12.500 Mitarbeiter der Fraunhofer-Gesellschaft ziemlich genau das auf dem Gebiet der Hochtechnologie. In derzeit 80 Einrichtungen widmen sie sich der sogenannten Anwendungsforschung – also der Entwicklung von möglichst raffinierten, aber zugleich auch marktgängigen Produkten auf Basis der neuesten Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung. Die FhG findet ihren Platz in der wissenschaftlichen Wertschöpfungskette somit deutlich einen Schritt nach der Grundlagenforschung, aber durchaus an einer ähnlich zentralen Stelle wie deren prominentester Vertreter in Deutschland, die Max-Planck-Gesellschaft.

Sie ist damit weltweit ähnlich einmalig wie diese honorigen Grundlagenforscher, die lebenslang berufen nur ihren hehren Fragestellungen nachgehen können. Nur sind sie sehr viel näher an der wirtschaftlichen Umsetzung von Erkenntnissen dran.

Voraussetzung für die Arbeit der Fraunhofer-Forscher ist natürlich eine Portion Erfindergeist. Dennoch beschränkt sich ihr Tätigkeitsfeld nicht auf die Suche nach immer kleineren, leistungsfähigeren Chips, nach neuen Lasern und besseren Federbeinen für die deutschen Autobauer. Auch "die Fraunhofers" betreiben "Vorlaufforschung", füllen also selbst die Regale der Erkenntnis mit auf, aus denen sie sich dann bedienen, um aus Formeln und Tabellen neue Technologien zu destillieren.

Finanziert wird die Arbeit der weltweit einmaligen Anwendungsforscher nach einem weltweit ebenfalls einmaligen Modell: Von der runden Milliarde Euro, die die Gesellschaft jährlich ausgibt, kommt rund ein Drittel als Förderung aus der öffentlichen Hand – und wandert in die Grundlagenforschung. Ein zweites Drittel kommt auch von öffentlichen Auftraggebern – aber für gezielte Projekte, an deren Ende nicht nur eine mögliche Einsicht, ein empirisch nachgewiesener Zusammenhang steht, sondern ein Nutzen, ein in die Praxis umsetzbares Ergebnis.

Das verbleibende Drittel des Fraunhofer-Budgets wird aus Aufträgen der Wirtschaft finanziert. Also aus der konkreten Mitwirkung bei der Produktentwicklung bis hin zum Prototypenbau. In den Labors des Instituts für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme (IMS) in Duisburg entstehen zum Beispiel neuartige Kameras, Rechner und Software für die Bildauswertung. Automobilzulieferer wie Siemens VDO oder Conti Temic entwickeln dann aus den Modellen neue Assistenzsysteme, die etwa selbstständig Verkehrsschilder lesen können, die rote Ampeln erkennen oder den Fahrer sicher durch den Verkehr an einer gefährlichen Straßenkreuzung lenken.

Andere Institute entwickeln und optimieren die Prozesse in den automatisierten Fertigungsstraßen für Elektromotoren oder für Mobiltelefone. Wieder andere kümmern sich um Systementwicklung und Qualitätsmanagement, um Planung, Beratung und ähnliche Dienstleistungen im Kraftfeld technischer Innovationen und ihrer Vermarktung.



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