Zukunftsstadt Dresden Unsere versteckte Elite

Dresden ist die überraschendste deutsche Technopole - das Springteufelchen. Schon heute gibt es nirgends auf der Welt mehr angewandte Forschungsinstitute. Konkurrierende Standorte im Westen Deutschlands müssen sich warm anziehen.

Dresden ist, wie kaum eine andere deutsche Großstadt, ein Ort der krassen Gegensätze. Während die Innenstadt mit üppig vergoldeten Barockgebäuden, mit Touristenattraktionen wie Zwinger, Semperoper, Frauenkirche und Grünem Gewölbe prunkt, erwecken die meisten der übrigen Stadtviertel immer noch den Eindruck, als hätten sie keinen Cent der milliardenschweren Transferzahlungen für den "Aufbau Ost" gesehen: Gleich hinter dem Innenstadtring beginnt die unendliche Einöde trister Plattenbausiedlungen, zu denen holprige, mit Schlaglöchern übersäte Straßen führen, deren Asphaltbelag nur hie und da notdürftig mit Kopfsteinpflaster geflickt ist. Im Winter verströmen die Quecksilberdampflampen in den hohen Straßenlaternen auch tagsüber ein orangegelbes Licht, das den Passanten auf den zerbröckelnden Bürgersteigen eine kränkliche Gesichtsfarbe verleiht.

Pilotanlage am Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Dresden: Anlass für größte Hoffnung

Pilotanlage am Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Dresden: Anlass für größte Hoffnung

Foto: DDP

Dort wohnen jene Menschen, von denen sich viele innerlich bereits von dem Aufbruch in die Zukunft verabschiedet haben, der andernorts im boomenden Freistaat Sachsen immer noch spürbar ist. Etwa in Leipzig. Doch im Vergleich zu diesem zweiten sächsischen Zentrum hat die Landeshauptstadt nur mäßig attraktive Niederlassungen moderner Großindustrien abbekommen. Zwar betreibt AMD, der amerikanische Chip-Hersteller, eine Hightech-Fabrik in Dresden – doch nur als Produktionsstätte. Also ohne Forschungs- und Entwicklungsabteilung und somit quasi nur als verlängerte Werkbank. Auch Infineon, der bayerische Wettbewerber zu AMD, hat in Dresden eine Chipfabrik gebaut – ohne Labors.

Die "Gläserne Fabrik", die VW in Dresden errichtet hat, arbeitet weit unterhalb ihrer Kapazitäten, teilweise nur auf der Hälfte ihrer Leistungsfähigkeit. Logistik und andere moderne Dienstleistungsbranchen, die etwa im Umfeld der neu errichteten Werke von BMW und Porsche in Leipzig boomen, sind bislang in Dresden nicht maßgeblich vertreten.

Ganz anders sieht es in der Szene der akademischen Spitzenforschung aus. Hier hat Dresden die Nase vorn – so weit, dass kaum eine andere deutsche Stadt noch mithalten kann, weder qualitativ noch quantitativ. In der Elbmetropole haben sich insgesamt zehn Fraunhofer-Einrichtungen angesiedelt. Damit ist Dresden genau genommen die Fraunhofer-Hauptstadt.

Im östlichen Elbtal, in der Nähe des Uniklinikums, entsteht seit der Jahrhundertwende die "Biopolis Dresden". Dort arbeiten jene Dresdner, die den Aufbruch in die Zukunft mitgestalten. Dort hat die Max-Planck-Gesellschaft ein neues Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik gegründet und hierfür ein spektakuläres Institutsgebäude errichtet. Dort hat das Land Sachsen ein architektonisch kaum weniger imposantes BioInnovationszentrum (BIOZ) gebaut – ein Inkubator für neu gegründete Unternehmen aus der Biotech-Branche, aber auch für wissenschaftliche Institute.

In der Nachbarschaft installiert die TU Dresden, hauptsächlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt, gerade ein "Zentrum für Regenerative Therapie" – laut Selbstdarstellung "das größte universitäre Forschungszentrum in Deutschland". Mit Hilfe von Stammzell-Medizin und "Tissue Engineering", also durch die Transplantation von hoch spezialisierten Zellen, von gezüchtetem Gewebe und durch neu entwickelte Bio-Materialien sollen dort etwa Herzinfarkt-Patienten, Diabetiker, Arthrose-Geschädigte, Parkinson- oder Alzheimer-Kranke mit neuartigen Ansätzen und innovativen Methoden geheilt werden.

Im Exzellenzwettbewerb der Bundesregierung wurde die einzigartige Institution für biomedizinische Grundlagenforschung als Exzellenzcluster ausgezeichnet. In der Folge wird sie künftig mit etwa 6,5 Millionen Euro jährlich gefördert. Eine weitere Million Euro jährlicher Fördergelder aus demselben Programm geht an die neu gegründete Doktorandenschule, das "Graduiertenkolleg".

Mit diesem umfassenden Ansatz, der von der zellbiologischen Grundlagenforschung bis zur rein anwendungsbezogenen Material- und Geräteentwicklung sowie zur Qualitätssicherung im Bio-Ingenieurwesen reicht, will Dresden zu einem der weltweit maßgeblichen Zentren in der Biomedizin werden.

Die Weichen für diese Entwicklung sind längst gestellt: Seit dem Jahr 2006 werden insgesamt 20 Professuren eingerichtet oder neu berufen. Über die Hälfte der neu Berufenen hat zuvor im Ausland gearbeitet – etwa in den USA. Spätestens ab 2008 soll der reguläre Forschungs- und Lehrbetrieb laufen.

Aufbruch zur Biopolis

Und die Chancen für einen Erfolg stehen nicht schlecht. "In einem bin ich mir sicher", sagt zum Beispiel Günter Blobel, Medizin- Nobelpreisträger von 1999 und Professor an der Rockefeller-Forschungsuniversität in New York, "Sachsen wird schon bald Deutschlands größtes und wichtigstes Biotech-Zentrum sein. Das zeigt allein die einzigartige Symbiose von Wirtschaft und Wissenschaft in der Region. Es gäbe viel zu sagen über die Zukunftswissenschaften in Sachsen." Blobel, der in Sachsen aufwuchs, unterstützt den Aufbruch seiner Heimatregion zur "Biopolis".

Ingredienzien: Das CRTD (Centre for Regenerative Therapies Dresden) ist im neu errichteten Biotech-Center der TU Dresden untergebracht.

Daneben hat die Fakultät auch noch ein neues Zentrum für Theoretische Medizin gebaut. Das ebenfalls neue Max-Bergmann-Zentrum für Biomaterialien liegt etwas abseits der übrigen biomedizinischen Institute im Westen von Dresden. Dort arbeitet der Inhaber des neu geschaffenen Lehrstuhls an der TU für Biomaterialien.

Das CRTD kooperiert außerdem mit zwei Einrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft: dem Institut für Polymerforschung (IPF) und dem Forschungszentrum Rossendorf, das aus der Kernforschungsanlage der DDR hervorging.

Das Programm BioSaxony, entstanden aus der Initiative BioRegio des Bundesforschungsministeriums, koordiniert die Arbeit der Dresdner Biomediziner mit denen in Leipzig. Dort haben die Universität und das Land Sachsen die "Bio-City Leipzig" errichtet – ein interdisziplinäres Forschungszentrum, unter anderem für molekularbiologische und biochemische Prozesstechniken, für die Strukturanalyse von Biopolymeren, also für komplexe Moleküle, die dereinst etwa Mikromaschinen antreiben könnten, für molekulare Zelltherapie und für Stammzelltherapien.

Ein Fraunhofer-Institut betreibt in Leipzig gezielt "Bio- und Tissue-Engineering", das heißt die Entwicklung von biologischen Materialien, die Züchtung von Geweben, die dereinst kranke Organe (etwa den Herzmuskel, die Leber, Gelenkknorpel, Knochen, gewisse Hirnareale) teilweise oder sogar ganz ersetzen könnten.

Vom Dresdner Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (CBG) haben sich in den vergangenen sechs Jahren bereits fünf Unternehmen ausgegründet. Die meisten haben ihren Sitz im BIOZ.

Treibende Kräfte: Ähnlich wie der Freistaat Bayern, der in Martinsried bei München die biotechnische F&E und die Ansiedlung entsprechender Unternehmen fördert, unterstützt auch in Dresden und Leipzig das Landeswirtschaftsministerium den Aufbau innovativer Industrien und Dienstleistungsbranchen. Gebündelt lässt sich das vor allem in der Biotech und der Medizin beobachten, wo etwa rund 250 Millionen Euro in das BioSaxony-Programm fließen. Daneben gibt die Landesbank verbilligte Kredite für Startup-Unternehmen in diesen Sektoren. Mit vereinten Kräften aus Wissenschaft und Politik wurden seit dem Jahr 2000 bereits 90 Millionen Euro Wagniskapital für die jungen sächsischen Biomedizin-Unternehmen eingeworben.

Die entscheidenden Impulse für Wertschöpfung aus wissenschaftlicher Erkenntnis kommen jedoch aus der Spitzenforschung selbst. Die Biomediziner unter den Max-Planck-Direktoren beteiligen sich zum Beispiel intensiv am Aufbau des CRTD. Wieland Huttner etwa engagiert sich besonders bei der Entwicklung der dortigen Doktorandenschule nach dem Vorbild des European Molecular Biology Laboratory EMBL in Heidelberg.

Am CRTD sollen künftig jeweils 120 Jungforscher in drei Programmen ausgebildet werden, so dass sie nach drei Jahren tatsächlich ihre Forschungsarbeit beendet haben und fit sind für eine weitere Wissenschaftlerkarriere. Mit über 300 Promotionen pro Jahr, den Schwundfaktor durch experimentelles Scheitern etc. bereits großzügig eingerechnet, wäre Dresden dann eine der weltweit größten Kaderschmieden für Biomedizin.

Das Doktorandenprogramm des CRTD macht Schule – über die Lebenswissenschaften hinaus. Seit Herbst 2006 betreibt die Raumfahrt-Sparte des EADS-Konzerns gemeinsam mit der TU Dresden ein Graduiertenkolleg. Das Unternehmen fördert Forschungsprojekte für Satellitenerkundungsmissionen und die Nutzung der daraus gewonnenen Daten für die Vorbereitung interplanetarer Raumfahrtmissionen.

Ausschlaggebend für die Standortwahl war die erfolgreiche Arbeit des Zentrums für Luft- und Raumfahrt an der TU Dresden in den vergangenen Jahren.

Arbeitsplätze schaffen Akzeptanz. Noch nie wurde in Dresden Widerspruch gegen die gentechnischen Fragestellungen artikuliert.

Forschungseinrichtungen wie das Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik verfolgen die Wertschöpfungskette des Wissens so systematisch, als hätten sie sie erfunden. In der Arbeitsgruppe von Wieland Huttner, einem der fünf Direktoren und selbst ganz auf Grundlagenforschung eingeschworen, arbeitet zum Beispiel ein Viertel der Wissenschaftler gezielt an anwendungsbezogenen Fragestellungen. Huttners Team hat zum Beispiel einen Eiweißstoff im Blut entdeckt, der als Marker für die Transplantation von Blut bildenden Stammzellen dienen kann. Nun geht es darum, Labortests zu entwickeln, um die Konzentration dieses Markers möglichst einfach zu messen. "Jeder medizinische Forscher", sagt Huttner, "will, dass seine Erkenntnisse möglichst bald den Patienten zugute kommen." Die Produktentwicklung aus diesem Forschungsansatz, also etwa das Konzipieren eines Messstreifens für Blut-, Speichel- oder Urinproben, überlässt er dann jedoch den ausgegründeten Firmen.

"Das können die besser", sagt Huttner. "Das Denken in Marktkategorien lenkt uns Grundlagenforscher von unserer eigentlichen Aufgabe nur ab – dem Vermehren von Wissen." Andere Dresdner Forschungsgruppen erkunden zum Beispiel den Aufbau und die Funktionsweise von "biomolekularen Motoren" – also jene Proteine, die etwa den Transport von Flüssigkeitsvakuolen oder der Chromosomen in der Zelle bewältigen, die eine aktive Formänderung oder eine Fortbewegung der Zelle ermöglichen.

Diese komplexen Eiweißmoleküle könnten dereinst als Nano-Maschinen dienen – und zum Beispiel eine Mikropumpe antreiben, die im menschlichen Körper Arzneimittel nur am vorgesehenen Zielort freisetzt. Aggressive Krebsmedikamente würden ihre Wirkungen dann nur an dem Tumor entfalten, den sie vernichten sollen. Die gefürchteten Nebenwirkungen im übrigen Organismus blieben weitgehend aus.

Stärken: Die Initialzündung für Dresdens schnellen, steilen Aufstieg zum biomedizinischen Weltzentrum kam von der Technischen Universität. Diese gründete ihre medizinische Fakultät nach der Wiedervereinigung komplett neu. Der zweite Vorteil der Technopole Dresden ist die Konzentration der anwendungsbezogenen Spitzenforschung durch die Vielzahl der Fraunhofer-Institute.

Die Dynamik dieser Entwicklung sorgt in der Wissenschafts-Szene für jene Aufbruchstimmung, die in großen Teilen Dresdens schmerzlich vermisst wird. Zum Teil hat sie auch schon Wohlstand gebracht – durch Hunderte hoch qualifizierter, zukunftssicherer Arbeitsplätze.

Diese Effekte schaffen wiederum Akzeptanz in der Bevölkerung. Noch nie wurde in der sächsischen Hauptstadt Widerspruch gegen die gentechnischen Fragestellungen artikuliert, die etwa im Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik und im BIOZ verfolgt werden – und die ein ethisches Hinterfragen durchaus verdienen. So arbeiten beide Zentren zum Beispiel mit Stammzellen – ein Forschungsgebiet, mit dem sich der Nationale Ethikrat regelmäßig beschäftigt hat.

Dennoch hat es bisher keine militanten Aktionen gegen die Wissenschaftler oder ihre Projekte gegeben. "Auf keiner der großflächigen Fassaden, weder am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik noch am BIOZ, ist jemals ein Farbbeutel gelandet", sagt Ann De Beuckelaer, die Geschäftsführerin von Bio-Saxony, die ihr Büro im BIOZ hat. Noch nie hat es auch nur ein Protest-Graffiti gegeben. An den Tagen der offenen Tür strömen jeweils mehrere hundert Dresdner in die Zentren, um sich vor Ort über den aktuellen Stand der Forschungen zu informieren.

Die große Zahl von Fraunhofer-Instituten – insbesondere in den zukunftsträchtigen optischen und nanoelektrischen Disziplinen, in Halbleiter- und Informationstechnologien – schafft Arbeitsplätze für junge Forscher. Diese können, wenn ihr befristeter Beschäftigungsvertrag an einer der vielen Einrichtungen ausläuft, zur nächsten wechseln.

Schon das CBG hat sehr viel für die Internationalität der Forschergemeinde in der Elbmetropole getan. Das CRTD wird diese Tendenz noch deutlich verstärken – vor allem durch die Doktorandenkollegs. Dort sollen 60 Prozent der Teilnehmer aus dem Ausland kommen – was neue geistige Ressourcen erschließt.

Das CRTD baut derzeit schon ein breites Netzwerk für die Wertschöpfungskette des Wissens auf: von der akademischen Elite, etwa im Stammzellen-Institut der renommierten Harvard-Universität in Cambridge bei Boston, oder der Deutschen Knochenmark- Spenderdatei bis hin zu Industriekontakten, etwa mit dem Institut für Biomedizinische Forschung des Schweizer Novartis-Konzerns oder zum amerikanischen Biotechriesen Amgen.

Die Szene von Biotech-Startups ist zwar klein, doch sehr solide. Noch keine der jungen Unternehmensausgründungen ist Pleite gegangen. Die Stadt Dresden hat deshalb Gewerbegebiete von ins - gesamt zehn Hektar nur für die Ansiedlung von biomedizinischen Firmen ausgewiesen.

Schwächen: Die Technopole Dresden hat zwei klare Defizite: Zum einen fehlen große Labore der Industrieforschung. Anders als etwa in Stuttgart oder in München, wo etliche Großunternehmen der Hoch- und Spitzentechnologien direkt vor Ort auch eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen betreiben, wo sich Kooperationen und gegenseitige Befruchtungen anbieten, gibt es in Dresden bis jetzt nur sehr wenig direkten Austausch zwischen den akademischen Forschungszentren und der lokalen Hightech-Industrie. Die ortsansässigen Großunternehmen – Volkswagen und AMD – haben in der Elbmetropole nur Produktionsbetriebe, keine Labore.

Rassismus und Ausländerfeindlichkeit müssen abgebaut werden

Zum anderen wird das Leben außerhalb der Forschungsinstitute stark von der sozialen Provinzialität geprägt, offener ausgedrückt: von Ausländerfeindlichkeit und Rassismus. Nach einer Studie der Universität Bielefeld sind 65,4 Prozent der Sachsen der Meinung, dass in Deutschland zu viele Ausländer leben. Uwe-Karsten Heye, einst Sprecher der rot-grünen Bundesregierung und heute Vorsitzender der Anti-Rassismus-Initiative "Gesicht zeigen", nennt ausdrücklich die Sächsische Schweiz und Teile Dresdens als Gegenden, die er für Menschen mit einer anderen Hautfarbe als besonders gefährlich erachtet. Heye war öffentlich angeeckt, weil er im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2006 von "No-go-areas" in den neuen Bundesländern gesprochen und ausländischen Gästen von deren Besuch abgeraten hatte: Sie würden diese Zonen "möglicherweise nicht mehr lebend verlassen".

Im Jahr 2005 registrierte die Polizei in Sachsen 2,2 rechtsextremistische Gewalttaten je 100.000 Einwohner. In Rheinland-Pfalz waren es hingegen nur 0,5, in Hessen sogar nur 0,4.

Zwar hat es in Dresden noch keine gerichtsnotorischen Übergriffe gegen prominente Spitzenforscher und Hochtechnologie-Entwickler gegeben, doch macht der weit verbreitete Fremdenhass den Alltag etwa für dunkelhäutige Wissenschaftler-Kinder, die in Ostsachsen zur Schule gehen müssen, nicht leicht. Oder für ihre Mütter, die in ihrem Vorstadt-Supermarkt in der Schlange vor der Kasse stehen und abends mit dem Bus nach Hause fahren müssen.

Zukunft: Die Ansätze in Dresden geben Anlass für größte Hoffnungen: Durch die weit gefasste, solide verankerte und intelligent vernetzte Forschungsszene könnte hier ein Zentrum für neue Bio- Materialien, für Nano-Biotech und Tissue-Engineering entstehen.

Voraussetzung ist freilich, dass die brisante Stammzellforschung zum einen gesellschaftlich dauerhaft akzeptiert wird. Zum andern muss sie möglichst bald den umfassenden und tragfähigen Durchbruch schaffen, der trotz zehn Jahre intensiver Bemühungen immer noch nicht gelungen ist.

Die Doktorandenprogramme und -kollegs könnten Dresden zu einem Anziehungspunkt für den internationalen Forscher-Nachwuchs machen – vergleichbar mit so renommierten Zentren wie dem kalifornischen Stanford, dem Großraum Boston oder der "Biopolis" in Singapur. Hierzu muss sich das soziale Klima des Freistaats Sachsen allerdings noch ganz entscheidend wandeln, müssen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit abgebaut werden.

Rein ökonomisch betrachtet stehen die Chancen hierfür nicht schlecht. Immerhin arbeiten in der Region Dresden 20 000 Menschen in Hightech-Branchen, vor allem in der Mikroelektronik und den Halbleiterindustrien. Von denen könnten vor allem die Fraunhofer-Zentren profitieren, die schon heute zukunftsweisend auf gestellt sind. Doch brauchen sie größere Nähe zu ihren Industriekunden sowie zu den Anbietern wissensintensiver Dienstleistungen.

Deren Fehlen könnte zum Problem werden. Nicht für die Fraunhofer-Gesellschaft – die ist flexibel genug und schließt bei Bedarf auch mal Institute, um sie andernorts neu aufzubauen. Ihr Rückzug wäre jedoch ein Rückschlag für die Region Dresden.

Die kleinen Biotech-Unternehmen werden sich aufgrund dieser regionalen Wirtschaftsstruktur deutlich schwerer tun als ihre Wettbewerber etwa in Martinsried. Sie müssen obendrein einen Zweig der Biomedizin völlig neu aufbauen – was sicherlich länger dauert und größere Schwierigkeiten beinhaltet als das vergleichsweise bekannte Einschwenken in die Fahrwasser und Vertriebskanäle der Pharmaindustrie.

Bilanz: Dresden ist der überraschendste Standort der hier vorgestellten Technopolen, das Springteufelchen, das sich als Engelchen entpuppen könnte. Neben Berlin-Adlershof, das als Teil der Bundeshauptstadt wesentliche Vorteile genießt, ist Dresden der einzige Standort in den neuen Ländern, in denen die Wertschöpfungskette des Wissens mehr als nur punktuelle Erfolge und Fortschritte liefern könnte.

Schon heute gibt es nirgends auf der Welt mehr angewandte Forschungsinstitute als in Dresden. Die Exzellenzinitiative der Bundesregierung hat obendrein die biomedizinischen Ambitionen der Max-Planck-Forscher, der TU Dresden und ihrer Kooperationspartner bei ortsansässigen Leibniz-Instituten honoriert und fördert einen Exzellenzcluster sowie eine Graduiertenschule. "Schon in wenigen Jahren", sagt Max-Planck-Direktor Wieland Huttner voraus, "wird Dresden zu den weltweiten Top-Adressen für alle Forschungszweige gehören, die sich mit Molekularbiologie, Genetik, Biotechnologie und Zelltherapien und anderen Formen regenerativer Medizin befassen." Martinsried und Heidelberg, da ist sich Huttner sicher, müssen sich jedenfalls "warm anziehen".

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