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WAFFENHANDEL Zumindest eigenartig

Bonn gibt den Rest von Zurückhaltung bei Waffengeschäften auf: Die Saudis bekommen deutsche Ware für mehrere Milliarden Mark. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Die Aktien von Rheinmetall und Thyssen waren in der vergangenen Woche gut gefragt. Sie erreichten den höchsten Kurs ihrer bundesdeutschen Börsengeschichte.

Die Käufer, Insider aus Banken und Konzernen, wittern offenbar ein Bombengeschäft. Die Rechnung könnte aufgehen: Seit Monaten verhandeln deutsche Rüstungskonzerne mit Saudi-Arabien über das größte Waffengeschäft der letzten Jahre.

Der Vertrag ist fast perfekt. Generalunternehmer für das Projekt ist die Thyssen Rheinstahl Technik GmbH in Düsseldorf. Neben dem Kanonen-Konzern Rheinmetall ist auch die Wasag-Chemie in Essen an dem Geschäft beteiligt. Die drei Firmen sollen den Saudis Rüstungsgüter im Gesamtwert von mehr als neun Milliarden Mark liefern. Die Bundesregierung hat das Geschäft bereits genehmigt.

Bonn gibt damit endgültig alle Vorbehalte auf, die bislang für Waffenverkäufe an Staaten wie Saudi-Arabien galten. Jahrzehntelang war klar, daß der Nachbarstaat Israels nicht mit Waffen beliefert werden dürfe. Das war unter Bundeskanzler Helmut Schmidt so und bislang auch bei seinem Nachfolger Helmut Kohl, obwohl beide schon für eine Lockerung des Waffenembargos plädiert hatten.

Als Rheinmetall Ende der Siebziger eine vergleichsweise läppische Lieferung von gut tausend Maschinengewehren nach Saudi-Arabien über einen Zwischenhändler in Italien abwickelte, schaltete sich die Staatsanwaltschaft ein. Der ungenehmigte MG-Export ist Teil eines Verfahrens gegen Rheinmetall wegen illegaler Waffengeschäfte, der im Januar beginnt.

Seit Jahren feilschen saudische Diplomaten mit Bonn um die Genehmigung für den Kauf von Panzern, Flugzeugen, Raketen und Elektronik. Auf der Wunschliste der Araber steht vor allem der Parade-Panzer Leopard 2 oben an. Aber auch am Flakpanzer Gepard und dem Flugabwehr-Raketen-System Roland sind die Saudis interessiert.

Bei einem Riad-Besuch im Oktober 1983 versprach Kohl dem saudischen König Fahd größeres Entgegenkommen. »Die Öffentlichkeit« werde sich, so Kohl, »an die enge militärische Zusammenarbeit gewöhnen«. Nur den Leo 2 mochte Kohl den Saudis noch nicht zusagen.

Das ganze Regelwerk der restriktiven Richtlinien für den westlichen Waffenexport an die Saudis brach vor kurzem zusammen. Ende September unterzeichneten der saudische Verteidigungsminister Prinz Sultan Ibn Abd el-Asis und sein britischer Kollege Michael Heseltine einen Rüstungsvertrag im Wert von mehr als zwölf Milliarden Mark. Dafür will Riad ingesamt 132 Militärflugzeuge beziehen, darunter 72 Tornados.

Die Deutschen profitieren davon prächtig. An der Tornado-Produktion sind bundesdeutsche Firmen wie Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), AEG, Siemens und die Daimler-Benz-Tochter MTU Motoren- und Turbinen Union mit 42,5 Prozent beteiligt.

Das neue Großgeschäft machen die Deutschen sogar direkt mit den Abnehmern. Seit Wochen sind auffällig viele Unterhändler und Militärs aus Saudi-Arabien Gäste der Waffenkonzerne Thyssen und Rheinmetall. Sie lassen sich neue Rüstungsprodukte vorführen und bestaunen auf dem Rheinmetall-Schießplatz im niedersächsischen Unterlüß die Treffsicherheit der deutschen Kanonen.

Die Präzision deutscher Waffentechnik muß die Araber so beeindruckt haben, daß sie sich zu dem neuen Großeinkauf in Düsseldorf entschlossen. Thyssen, Rheinmetall und die Wasag-Chemie sollen in Saudi-Arabien eine gewaltige Munitionsfabrik errichten. Die Wasag-Gruppe, an der mehrheitlich die Krupp-Erben von Bohlen und Halbach beteiligt sind, wird die Munitionsrezepturen und das Pulver beisteuern.

Rheinmetall soll Haubitzen-Munition vom Kaliber 105 und 155 Millimeter und Panzermunition vom Kaliber 120 Millimeter liefern. Über den Umweg Großbritannien sind bereits 1980 Feldhaubitzen der Kaliber 105 und 155 Millimeter von Rheinmetall nach Riad verschifft worden. Jetzt sollen sogar Haubitzen direkt geliefert werden. Geschäftsumfang: rund zwei Milliarden Mark.

Die Thyssen Rheinstahl Technik wird die Verantwortung für den Bau der rund sieben Milliarden Mark teuren Munitionsfabrik übernehmen. Die deutschen Auftragnehmer rechnen mit einer Zeitspanne von rund zehn Jahren bis zur Fertigstellung.

Das deutsch-saudische Waffengeschäft ist offenbar Teil eines Rüstungsprogramms der Saudis, die nun ohne den begehrten Leopard auszukommen glauben. Als Ersatz orderten sie den US-Kampfpanzer M1E1 Abrams und den erst 1990 serienreifen französischen Kampfpanzer AMX 40.

Bei der Lieferung von 300 Panzern verdient Rheinmetall kräftig mit. Der Turm des Leo-Panzers und die sogenannte 120-Millimeter-Glattrohrkanone werden in Lizenz nachgebaut; sie werden auf die amerikanischen und französischen Panzer montiert.

Der Panzer-Deal muß den Saudis deshalb zumindest eigenartig vorkommen: Ihnen wurde bislang der Leo 2 nämlich nur wegen der Kanone verweigert, die sie nun, auf einem anderen Gerät, doch bekommen.

Das Nachsehen bei dem Rüstungsauftrag haben der Münchner Leopard-Produzent Krauss-Maffei und die Kieler Krupp-Tochter MAK, die an der Montage beteiligt ist.

Sie bekamen dafür ein Trostpflaster von der Bundeswehr: Die Militärs von der Hardthöhe orderten jetzt 250 Leo 2.

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