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WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR Zurück ins Wachstumsparadies

Von Wolfgang Kaden *
Von Wolfgang Kaden
aus DER SPIEGEL 18/1986

Der Opec gebührt Dank für ihr Wirken. Sie machte das Öl so teuer, bis die Menschen merkten, wie sehr sie ihren Wohlstand diesem einzigartigen Treibstoff verdankten. Sie zwang die Menschheit, über ein Wirtschaftssystem nachzudenken, das die Erde in wenigen Jahrzehnten ihrer wertvollsten Ressourcen beraubt und das sie mit immer mehr Dreck verschandelt.

Die Macht des einst allmächtig scheinenden Kartells ist geschwunden; Öl wird wie einst zu Schleuderpreisen verkauft. Die Industriewelt kann wieder in alter Wachstumsherrlichkeit erstrahlen.

Die Freude ist groß, vor allem in Bonn, wo die Regierenden nie von Zweifeln am Wachstumsdogma geplagt waren - und wo man sich dennoch schwertat, der Wirtschaft wieder den rechten Vorwärtsdrall zu geben.

Jetzt endlich verheißen die Wirtschaftspropheten wieder schöne Pluszahlen. Die Wachstumspessimisten scheinen widerlegt: Von dreieinhalb, gar vier Prozent plus ist die Rede. Und das ohne ein milliardenschweres Konjunkturprogramm, wie es die ewigen Nörgler von der Sozialdemokratie seit Jahren fordern.

Es sind weniger die oft bemühten Selbstheilungskräfte des Marktes, die das möglich machen. Die Ölverkäufer haben den Regierenden ein kostenloses Konjunkturprogramm geliefert.

Was die Bundesbürger bei ihren Ölrechnungen sparen, das können sie schließlich für andere, wachstumsträchtige Käufe ausgeben. Rund 35 Milliarden Mark werden das in diesem Jahr allein sein. Wer redet da noch von Grenzen des Wachstums?

Das erste Hilfsprogramm ist dies nicht, das den Bonner Wirtschaftspolitikern aus der Verlegenheit hilft. Sie hatten zuvor schon mal eins, ebenfalls kostenlos, aus den USA geliefert bekommen. Mit einem in der Geschichte bislang einmaligen Haushaltsdefizit hat dort die Reagan-Regierung die Wirtschaft zu wahren Höchstleistungen getrieben. Für die ausländischen Lieferanten fiel bei dieser Politik auch einiges ab. 1984 wurden die deutschen Unternehmen in den USA für 14 Milliarden Mark mehr Waren los als im Jahr davor; 1985 stiegen die US-Exporte nochmals um neun Milliarden: Hochwillkommene Treibsätze für eine Wirtschaft, die sich partout nicht vom Fleck rühren wollte.

Das Export-Feuer brennt inzwischen längst nicht mehr so lichterloh. Amerikas Schulden-Wirtschaft ist am Ende, die US-Konjunktur ist flau geworden. Da muß es den Christliberalen wie ein Gottesgeschenk erscheinen, wenn die freigewordenen Ölmilliarden weiter für den erwünschten Schub sorgen.

Es wäre wohl zu viel verlangt, von der Regierung zu erwarten, sie solle den Zugewinn durch eine Ölimportsteuer abschöpfen. Eine solche Abgabe, mit der die Einkommensteuerlast gemildert oder die immer noch stattliche Neuverschuldung von 25 Milliarden Mark zurückgefahren werden könnte, würde die Bürger zu weiterhin sparsamem Umgang mit Energie anhalten. »Eher erheiternd« fand Otto Graf Lambsdorff den Vorschlag. Verständlich, im nächsten Januar wird schließlich gewählt.

Im Kurzfrist-Denken waren Politiker in demokratischen Systemen schon immer Weltmeister. Wen muß es von den heute Regierenden schon scheren, daß ein so hochwertiger fossiler Brennstoff wie das Öl in einigen Jahrzehnten restlos verbrannt sein wird? Wen kümmert es, daß beschleunigtes Wachstum, so wie die Dinge nun mal stehen, eine beschleunigte Aufheizung der Atmosphäre, beschleunigte Vergiftung der Luft, des Wassers und der Böden bedeutet?

Es ist dies keine Zeit mehr für Besinnung. In den Vororten werden die Swimmingpools, die seit der letzten Ölpreiserhöhung leer waren, wieder aufgefüllt. Die Autoindustrie, es sei ihr gegönnt, sonnt sich im Hoch. Die Freizeitbranche rechnet mit einem Rekord-Reisesommer.

Eine »Rückkehr zum menschlichen Maß« hatte der Ökonom Ernst Friedrich Schumacher einst verlangt. Das dauert noch ein bißchen: Die Deutschen, und nicht nur sie, kehren nun erst mal zurück ins Wachstumsparadies.

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