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UMWELT Zurück zum Sonntagsbraten

Die Landwirtschaft belastet das Klima fast so stark wie der Verkehr, doch die Politik scheut Konsequenzen. Denn nötig wäre vor allem eine drastische Reduzierung des Rindfleischkonsums.
Von Michaela Schießl und Christian Schwägerl
aus DER SPIEGEL 35/2008

Für die meisten Menschen ist sie der Inbegriff von ländlicher Idylle, heiler Bauernwelt, naturverbundenem Leben: die glückliche Kuh, die auf einer satten Weide vor sich hin malmt, ein Kalb an der Seite.

Für Thilo Bode dagegen ist der Anblick des sanftäugigen Geschöpfs höchst beunruhigend. Der Chef der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch warnt: »Das Rind ist eine Klima-Bombe.«

Denn egal, ob biologisch korrekt oder konventionell aufgezogen, es rülpst und pupst nach Herzenslust. Wie allen Wiederkäuern entfährt ihm vorn und hinten andauernd Methan, ein Gas, das 23-mal so stark auf die Atmosphäre wirkt wie Kohlendioxid. Da mag das Schwein noch so sehr stinken: Es sind die Ausdünstungen der Milliarden Rinder, Ziegen und Schafe, die zur Erderwärmung beitragen.

Wie stark die Treibhausgase Methan, Lachgas und CO2 wirken, wollte Bode genau wissen. Am Montag dieser Woche stellt Foodwatch eine umfassende Studie über die Klimawirkungen der Landwirtschaft vor, die erste, die zwischen konventioneller und ökologischer Anbauweise unterscheidet. Dabei berücksichtigten die Wissenschaftler vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) sowohl den CO2-Anfall bei der Produktion von Futtermitteln und Dünger als auch den Flächenbedarf und die Erträge verschiedener Produktionsweisen.

Das Resultat wird eingefleischte Liebhaber von geschmorten Ochsenbacken in Panik versetzen. Denn selbst wenn alle Betriebe und Methoden, ob bio oder nicht, klimatechnisch optimiert werden: Der zentrale Weg, die Landwirtschaft klimaverträglicher zu machen, führt über eine drastische Reduktion von Rindfleisch, folgert Foodwatch. Will heißen: Die Roulade dürfte dramatisch teurer werden. »Wir müssen zurück zum Sonntagsbraten«, fordert Bode.

Doch wer will das den Bürgern auftischen? Da drücken sich die Verantwortlichen. Landwirtschaft ist der blinde Fleck in der Klimaschutzpolitik der Bundesregierung. Von der nationalen Kraftanstrengung, bis 2020 den Ausstoß an Treibhausgasen über Hausdämmung, Energie- einsparung und Spritersatz um 40 Prozent gegenüber 1990 zu vermindern, sind die Bauern weitestgehend ausgenommen. Und das, obwohl die Landwirtschaft mit 133 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten fast so viel Treibhausgase ablässt wie der Straßenverkehr (152 Millionen Tonnen).

Das Landwirtschaftsministerium von Horst Seehofer (CSU) liefert eine harmlos klingende Erklärung: Es sei »methodisch zu schwer«, die Treibhausgase zu erfassen, die entstehen, wenn gedüngt und gespritzt wird, wenn Rinder verdauen und Moorböden trockengelegt werden. Im Umweltministerium dagegen ist eine ganz andere Version zu hören: »Wir haben die Landwirtschaft von der Klimaschutzstrategie ausgenommen, um die Zahl der Konfliktherde zu begrenzen«, sagt ein hochrangiger Mitarbeiter von Minister Sigmar Gabriel (SPD).

Hans-Joachim Koch, der bis vor kurzem als Vorsitzender des Sachverständigenrats für Umweltfragen die Regierung beriet, formuliert noch direkter: »Die Lobby ist gut organisiert.« Das weiß auch sein Nachfolger Martin Faulstich. »Es traut sich keiner zu sagen, dass wir weniger Fleisch essen müssten und mehr pflanzliche Proteine.« Er kündigt an, ein Sondergutachten zur Landwirtschaft erstellen zu lassen.

Besorgt zeigt sich der Rat auch über die Aufweichung der Naturschutzstandards im Rahmen des geplanten Umweltgesetzbuchs. Dem Seehofer-Ministerium ist es gelungen, Vorgaben, die die Landwirtschaft betreffen - etwa ein Verbot der Trockenlegung von Nassböden - zu verhindern. Nun geht der Entwurf ohne solche Vorschläge nach der Sommerpause in den Bundestag.

Wie nötig es wäre, die Bauernbranche mit einzubeziehen, illustrieren die Ergebnisse der Foodwatch-Studie eindringlich.

Die schlimmste landwirtschaftliche Emissionsquelle nämlich ist mit knapp 30 Prozent die Entwässerung von Moorböden. Diese Böden binden extrem viel CO2, das bei einer Bewirtschaftung freigesetzt wird. Will man dem Klima dienen, müssten diese Böden dringend wiedervernässt werden, ergab die IÖW-Untersuchung. Der Verlust an Land müsste dadurch kompensiert werden, dass man auf den Anbau von Biosprit-Pflanzen ganz verzichtet, deren CO2-Bilanz aufgrund der extremen Düngung ohnehin fraglich ist.

Doch auch die ökologische Landwirtschaft sei nicht der Klimaretter, für den viele Verbraucher sie halten, interpretiert Foodwatch die Resultate. Zwar würde eine vollkommene Umstellung auf klimaoptimierten Ökolandbau, der mehr Fläche erfordert, die Emissionen um etwa 20 Prozent reduzieren. Das kommt vor allem durch den Verzicht auf energieintensiv hergestellten Stickstoffdünger, der auf den Feldern Lachgas absondert - das ist 300mal so schädlich wie Kohlendioxid.

Wenn man an der bisherigen Fläche festhielte, käme es zu hohen Ertragseinbußen. Dann müsste die Produktion von Fleisch und Milch um 70 Prozent zurückgehen. Die klimaschonende Wirkung würde vor allem durch die Abschaffung von Vieh, weniger durch die Ökomethoden erreicht.

Auch bei der Rindermast schneidet das Ökosystem schlechter ab. Der Biobulle hat eine schlechtere Klimabilanz als seine hochgezüchteten Artgenossen - auch wenn man die Futtermittelproduktion einrechnet. Denn der Biobulle verbraucht mehr Platz und steht zudem auf traditioneller Einstreu. Die dünstet aus, anders als die Spaltböden, auf denen die hochgezüchteten Turbobullen ihr kurzes Leben fristen.

Hier kommt es zum Konflikt mit dem Tierschutz, analysiert Foodwatch. Fest steht aber: Wer glaubt, mit dem Entrecote aus dem Bioladen automatisch einen Beitrag zum Klimaschutz zu kaufen, der irrt.

Anschaulich wird die Sache, wenn man in Autokilometer umrechnet. Da hat ein Kilo Biomastfleisch die gleiche Emissionsbilanz, als würde man eine 113,4 Kilometer lange Fahrt in einem sparsamen Wagen der Kompaktklasse zurücklegen. Bei konventioneller Mast sind es aufgrund der intensiveren Produktion nur 70,6 Kilometer.

Für ein Kilo Käse darf man 71,4 Kilometer fahren, für Ökokäse ist die Bilanz mit 65,5 Kilometer etwas günstiger. Ein Kilo Schweinefleisch schlägt dagegen nur mit 25,8 Kilometern zu Buche, ist es bio, sind es sogar nur 17,4.

Ziemlich klimafreundlich ernähren sich Vegetarier, die auf Milchprodukte verzichten (siehe Grafik). Doch schon wer auf Rindfleisch verzichtet, kann seine CO2-Bilanz deutlich aufhübschen.

Aber wie bringt man Bauern und Verbraucher dazu, klimafreundlich zu produzieren und zu konsumieren?

Die Teilnahme der Landwirtschaft am Emissionshandel ist nicht praktikabel, bilanziert Foodwatch. Und fordert stattdessen, die EU-Agrarsubventionen abzuschaffen und Emissionssteuern und Umweltabgaben einzuführen. Dadurch würden Landwirte für CO2-freundliche Produktion belohnt. Bezahlen müsste der Verbraucher: Eine erhebliche Verteuerung von Fleisch, Milch und Käse wäre die - erwünschte - Folge.

Das sieht Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ganz ähnlich. In einem noch vertraulichen Strategiepapier sucht er den Konflikt mit der Agrarlobby. 40 Milliarden Euro Agrarsubventionen sind Gabriel zufolge nur noch dann zu rechtfertigen, wenn das Geld nicht dem Klima schadet. Außerdem will er im Rahmen eines Ökochecks durchsetzen, dass nur noch Futtermittel importiert werden dürfen, die nicht von Regenwaldflächen stammen. »Wir brauchen eine radikale Umschichtung der Fördermittel«, heißt es in dem Papier. Bauern dürften nur noch Geld für das bekommen, »was einen positiven Effekt auf Natur und Umwelt hat«.

Damit stellt sich der Umweltminister im Streit um die Zukunft der EU-Subventionen frontal gegen Seehofer und schlägt sich auf die Seite der Brüsseler Kommission. Die nämlich will bis zu 17 Prozent der Subventionen möglichst rasch umwidmen - von Direktzahlungen an Bauern in agrarischen Klimaschutz.

Seehofer ist dagegen. Am Dienstag lässt er Agrarfachleute von Bund und Ländern in Bonn einen Maßnahmenkatalog für den Klimaschutz beschließen. Von »effizienterer Düngung« ist darin die Rede, von neuen Tieren, die weniger Methan freisetzen, und von Investitionshilfen für den Kauf »umweltfreundlicher Agrargeräte«. Auch den Flächenverbrauch wolle man reduzieren.

Tatsächlich wird nur gefordert, was längst vorgeschrieben oder auf freiwilliger Basis beschlossen ist. Konkrete Einsparziele werden nicht genannt - schon gar keine Reduzierung der Rindviecher.

Dass das nicht reicht, um die Treibhausgase spürbar zu vermindern, ist hochrangigen Mitarbeitern von Seehofer durchaus bewusst. Eine drastische Reduzierung der Treibhausgase aus der Landwirtschaft sei nur möglich, wenn alle weniger Fleisch, Milch, Käse und Joghurt zu sich nähmen, heißt es in der Ministeriumsspitze. Das aber wolle und könne man niemandem vorschreiben.

Seehofers Mitarbeiter fürchten einen sozialpolitischen Aufschrei, würden sie eine Klimasteuer auf Fleisch oder Milch erheben, und eine Verlagerung der Produktion ins Ausland. Es sei deshalb unsinnig, diesen Weg zu gehen.

Foodwatch indes hält dies für den einzig sinnvollen Weg - und ist dabei nicht allein. WWF, Greenpeace und viele Experten sehen das ähnlich. Die Verbraucherzentrale Bundesverband will die Einbeziehung der Landwirtschaft in die Klimapolitik ebenso wie der Sachverständigenrat.

Die Grünen treten für einen Klimabonus ein, ihr EU-Abgeordneter Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf hält eine CO2-Steuer für sinnvoll, solange sie für alle Branchen eingeführt wird. Als Ersatz für Agrarbeihilfen tauge die Steuer allerdings nicht, das Subventionssystem gehöre unabhängig davon runderneuert.

Sicherlich sei eine gewisse Zurückhaltung bei der Fleischproduktion angebracht, findet Baringdorf, der selbst Ökobauer ist. »Aber mal ehrlich: Ich glaube nicht, dass die Welt zugrunde geht, wenn Kühe rülpsen und pupsen.« MICHAELA SCHIEßL,

CHRISTIAN SCHWÄGERL

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